Pilzvergiftung, Blitz, Schlangenbiss Ungewöhnlich in den Tod

Sterben mehr Deutsche durch Blitze oder Hundebisse? An Pilzvergiftungen oder Überschwemmungen? Ein Blick in die Statistik unnatürlicher Todesfälle.

Tödliche Gefahren.
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Tödliche Gefahren.

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Jedes Jahr sterben in Deutschland mehr Menschen als in Frankfurt am Main leben. Und jede der gut 800.000 Leichen wird von einem Arzt begutachtet. Der füllt anschließend den Totenschein aus - meistens steht dort so etwas wie "Herzinfarkt" oder "Lungenkrebs".

Doch der sogenannte Leichenschauschein bietet auch ein Extrafeld für den Verdachtsfall, dass es nicht um einen natürlichen Tod handelt. Dann schreibt der Arzt eine zusätzliche äußere Ursache mit auf den Schein. Das geschieht nicht nur bei Morden oder anderen Tötungsdelikten, sondern vor allem bei Unfällen.

Äußere Ursachen liegen bei etwa vier Prozent vor, also bei jedem 25. Toten. Insgesamt sind das jedes Jahr ungefähr so viele, wie im Frankfurter Gallusviertel leben - etwas mehr als 36.000. Das statistische Bundesamt erfasst auch diese Fälle penibel nach einem international genutzten Raster.

Einige der äußeren Todesursachen berühren die Urängste der Menschen. Hand aufs Herz: Wer zuckt bei einem Blitz nicht innerlich zusammen? Wer fürchtet sich nicht vor aggressiven Hunden, giftigen Pilze oder Lawinen? Und zu Recht: All diese Dinge kosten Menschen in Deutschland das Leben.

Doch wie häufig kommen diese Todesursachen eigentlich vor?

Pilze töten regelmäßig

Jeden Herbst schlagen die Medien Alarm: Manche Pilze sind lebensgefährlich. Und tatsächlich: Von 1980 bis 2014 sind 110 Menschen an Pilzvergiftungen gestorben, das sind mehr als drei im Jahr.

Bezogen auf die Bevölkerung von Frankfurt ist das wenig - bezogen auf sonstige Vergiftungen über die Nahrung aber sehr viel: Beeren, andere Pflanzen, Fisch- und Fleischvergiftungen insgesamt kosten pro Jahr rund zwei Personen das Leben.

Menschen können sich nicht nur über die Nahrung vergiften, sondern auch durch Angriffe von giftigen Tieren. Zwar sind in Deutschland keine Arten heimisch, deren Sekrete allein für gesunde Menschen lebensgefährlich sind.

Aber für Allergiker kann schon ein Wespenstich tödlich enden. Das passiert statistisch viel öfter als eine Pilzvergiftung: Pro Jahr sterben mehr als 16 Menschen an Wespen-, Bienen- und Hornissenstichen.

Außerdem gibt es eine nicht zu vernachlässigende Zahl an legal oder illegal eingeführten für Menschen tödliche Giftschlangen und -spinnen. Tödliche Angriffe sind aber selten: In den 35 untersuchten Jahren gab es in Deutschland gerade einmal sechs Fälle, statistisch fordern sie also etwa alle sechs Jahre ein Todesopfer.

Jährlich sterben drei Menschen durch Hundebisse

Exotische Schlangen können bekanntlich aber auch anders töten - und zwar durch Würgen. Der Fall eines Mannes aus Straubing bekam 2013 bundesweite Aufmerksamkeit: Die Polizei hatte ihn 2013 tot neben der offenen Tür zu seinem Terrarium aufgefunden - darin: 27 Tigerpythons, elf Netzpythons, sieben Königspythons und eine Anakonda.

In der Statistik taucht sein Fall aber nicht auf - die Ärzte konnten keine Gewalteinwirkung und damit keine unnatürliche Todesursache feststellen.

Überhaupt gibt es nur wenige Todesfälle im Zusammenhang mit nichtgiftigen Schlangen und Reptilien: 17 in 35 Jahren. Deutlich öfter enden Angriffe von Hunden tödlich - meist sind die Opfer Kinder. Das passiert mehr als dreimal im Jahr.

Aber auch andere Säugetiere haben Menschen auf dem Gewissen. Beispielsweise trampelte 2012 ein Zuchtbulle einen Bauern tot oder …2015 ein ausgerissener Zirkuselefant einen Rentner. Durchschnittlich gibt es im Jahr etwa 20 solcher Fälle.

Etwa genauso viele Menschen sterben jährlich bei Reitunfällen oder Unfällen mit "tierbespannten Fahrzeugen", wie es in der Statistik heißt.

Das ist mehr, als durch Sturm, Überschwemmung und Blitzschlag zusammen.

Hochwasser tötet oft indirekt

Es ist wahrscheinlicher, von einem Blitz getroffen zu werden, als im Lotto zu gewinnen - das ist eine Binse. Und Tote durch Blitzschlag kommen in Deutschland im Verhältnis zu anderen Naturkatastrophen relativ häufig vor: Von 1980 bis 2014 sind immerhin 277 Menschen deshalb gestorben, knapp acht pro Jahr.

Das sind mehr Tote als durch Lawinen, Erdrutsche und Überschwemmungen zusammengenommen - hier zählt die Statistik weniger als vier im Jahr.

Das mag verwundern. Allein 2002 soll es wegen der Flutkatastrophe an der Elbe 21 Tote gegeben haben. Doch in der Statistik kommen deutlich weniger Überschwemmungstote vor, nämlich nur acht. Auch 2013 weicht die Zahl in vielen Medienberichten stark von der Statistik ab: drei statt acht.

Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass die eigentliche Ursache oft gar nicht das Hochwasser selbst war: 2013 starb ein Mann an einem Stromschlag in seinem Keller, als er eine elektrische Pumpe anschmeißen wollte - Todesursache: Unfall mit elektrischem Strom im Haushalt.

Überhaupt zählen Unfälle mit elektrischen Geräten noch immer zu den tendenziell häufigeren Todesursachen. Aber die Zahl geht zurück: Waren es 1980 noch 66 Todesfälle, starben 2014 nur noch elf Menschen in Deutschland an häuslichem Strom. Das liegt an der immer sichereren Technik.

Auch Feuerwerkskörper unterliegen strengeren Auflagen als noch vor dreißig Jahren. Hier lässt sich aber kein ähnlicher Trend finden, die 19 Fälle verteilen sich relativ gleichmäßig auf die 35 betrachteten Jahre. Vielleicht liegt das daran, dass die tödlichen Unfälle oft mit selbstgebastelten Böllern passieren.

Grundsätzlich kommen alle genannten Todesursachen nur sehr, sehr selten vor. Zum Vergleich: Jährlich sterben in Deutschland mehr Menschen durch Stürze von Leitern als durch alle erwähnten Gifte, Tierangriffe und Naturkatastrophen zusammen.

Gemessen an der Bevölkerung von Frankfurt ist die Zahl vernachlässigbar: Es handelt sich im Schnitt gerade einmal um 0,013 Prozent der deutschen Toten pro Jahr.

Und doch starben in den betrachteten 35 Jahren insgesamt mehr Menschen an den genannten Todesursachen als aktuell im Frankfurter Bahnhofsviertel wohnen.

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