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22. Februar 2013, 18:25 Uhr

Transplantation

Mit dem Skalpell vor Diabetes bewahrt

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Mit einer spektakulären Transplantation haben Dresdner Ärzte ein Unfallopfer davor bewahrt, zum Diabetiker zu werden. Die Bauchspeicheldrüse des Mannes war zerstört, dort wird das Insulin produziert. Die Mediziner retteten Zellen aus dem Organ und verpflanzten sie in die Leber.

Hätte sich der Patient seine schweren inneren Verletzungen in einer anderen Region Deutschlands zugezogen, wäre der Mann heute Diabetiker. Weil er aber nach einem Unfall in der Dresdner Universitätsklinik versorgt wurde, kann er wahrscheinlich bald wieder auf Insulinspritzen verzichten.

Durch einen Stoß in den Bauch waren bei dem 43-jährigen Mann nicht nur Gefäße verletzt worden, sondern auch die Bauchspeicheldrüse zerrissen. Der auf das im Fachjargon Pankreas genannte Organ spezialisierte Chirurg Robert Grützmann machte sich mit einem Team daran, die Verletzungen in einer Operation zu behandeln.

Allerdings stellte Grützmann fest, dass die Bauchspeicheldrüse nicht mehr zu retten war, sie musste entfernt werden. In der Drüse stellt der Körper unter anderem das Hormon Insulin her, durch das Zellen in der Lage sind, Blutzucker aufzunehmen. Fehlt das Organ, müssen Patienten Insulin spritzen. Das Dresdner Unfallopfer wäre von einem Tag auf den anderen zum Diabetiker geworden.

Einmalige Chance

Doch an der Dresdner Universitätsklinik gibt es etwas, das in der Behandlung der Zuckerkrankheit deutschlandweit einmalig ist: Die Internistin Barbara Ludwig und ihre Kollegen erforschen seit mehreren Jahren, wie Typ-1-Diabetikern die insulinproduzierenden Zellen aus der Bauchspeicheldrüse von Spendern transplantiert werden können. In den vergangenen Jahren hat das Team rund 20 solcher Patienten betreut.

Chirurg Grützmann informierte seine Kollegin noch während der Operation über den ungewöhnlichen Patienten. Ludwig bekam den unverletzten Teil der entfernten Bauchspeicheldrüse mit den darin enthaltenen Langerhansschen Inseln, in denen sich die Insulin-Zellen ballen. Die Internistin und ihr Team bereiteten die Zellen auf, um sie dem Patienten wieder einpflanzen zu können: "Man gibt ein Enzymgemisch in das Organ und heizt es auf 37 Grad auf, so dass das Gewebe verdaut wird", erklärt Ludwig. "Man muss den Punkt abpassen, an dem die insulinproduzierenden Zellen gesammelt freikommen und nicht zerfallen. Dann wird das Gewebe gereinigt." Am Ende bleiben Zellhaufen übrig, die gerade so mit bloßem Auge zu erkennen sind.

Dem Dresdner Patienten transplantierten Grützmann und Ludwig die so gewonnenen Zellen noch am selben Tag in die Leber, nachdem sie ihrem Patienten das Verfahren erklärt und er zugestimmt hatte. "Die Leber wird sehr gut mit Blut versorgt und ist ein großes Organ", erklärt der Chirurg. "Man schwemmt die Zellen über einen Katheter hinein." Die Erfahrung zeigt: Die übertragenen Zellen produzieren in der Leber weiter Insulin.

Die Inselzelltransplantation ist kein Standardverfahren. In Frage kommt die Methode normalerweise bei Typ-1-Diabetikern, bei denen die Blutzuckerspiegelkontrolle des Körpers so stark gestört ist, dass sie regelmäßig an schweren Unterzuckerungen leiden. "Das ist keine Alternative für jeden Diabetiker, sondern für ausgewählte Patienten, die trotz einer optimalen Therapie mit einer Insulinpumpe nicht mehr behandelbar sind", sagt Barbara Ludwig. Bei diesen Patienten geht es den Ärzten nicht darum, die Insulinspritzen überflüssig zu machen - die sind häufig weiter notwendig. Ein Erfolg ist bereits, wenn die schweren Unterzuckerungen der Vergangenheit angehören.

"Wenn die Krankheit mit Insulinspritzen gut behandelbar ist, dann sind Risiko und Aufwand zu hoch", sagt der Diabetologe Andreas Fritsche von der Universitätsklinik Tübingen. "Und heutzutage können Patienten mit Typ-1-Diabetes eine nahezu normale Lebenserwartung haben. Diese Methode kommt nur in speziellen Fällen in Frage." Fritsche betont, für die Zukunft sei die in Deutschland nur in Dresden erforschte Methode sehr spannend.

Die Behandlung kommt auch deshalb nicht als Standardtherapie in Frage, weil den Patienten normalerweise Zellen von Spendern eingepflanzt werden. Anschließend muss das Abwehrsystem unterdrückt werden, die Medikamente können schwere Nebenwirkungen haben. "Da muss man die Risiken sehr genau gegeneinander abwägen", sagt Ludwig. Die Langzeitergebnisse der Methode sind wegen der kleinen Fallzahlen noch schwer einzuschätzen.

Der Dresdner Unfallpatient ist mit diesen langjährigen Diabetikern kaum zu vergleichen - und für die Mediziner etwas Spektakuläres. "Das konnten wir natürlich nicht planen und es war Glück, dass wir alles vor Ort zur Verfügung hatten", sagt Chirurg Grützmann. "Dem Patienten geht es mittlerweile wieder sehr gut." Er spritze im Moment noch etwas Insulin, um die eigenen Inselzellen zu schonen, die jetzt in der Leber anwachsen müssen.

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