Ungünstige Fettverteilung Auch Schlanke können hohes Diabetes-Risiko haben

Etwa jeder Fünfte leidet trotz Normalgewicht unter einem ungesunden Stoffwechsel. Besonders gefährdet sind Menschen, die an den Beinen fast kein Fett abspeichern - dafür aber am Bauch.

Bluttropfen zum Zuckermessen
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Bluttropfen zum Zuckermessen


Fast jeder fünfte schlanke Mensch hat ein erhöhtes Risiko für Diabetes Typ 2 oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) aus Tübingen. "Schlank ist gesund - diese Faustformel gilt nicht immer", ist das Fazit der Forscher.

18 Prozent der Menschen haben demnach trotz Normalgewicht einen ungesunden Stoffwechsel. Ihr Risiko, Herzinfarkt, Schlaganfall oder andere kardiovaskuläre Erkrankungen zu erleiden und daran zu sterben, sei im Vergleich zu Menschen mit gesundem Stoffwechsel um mehr als das Dreifache erhöht, so die Forscher. Es sei sogar höher als das von übergewichtigen Menschen mit gesundem Stoffwechsel.

Ungesunder Stoffwechsel: Bluthochdruck, Blutfette, Blutzucker

Von einem ungesunden Stoffwechsel gingen die Forscher aus, wenn jemand mindestens zwei der sechs Risikofaktoren für ein metabolisches Syndrom erfüllt:

  • Einen hohen Blutdruck von mindestens 130/85 oder die Einnahme von Blutdrucksenkern.
  • Ein hohes Level bestimmter Bluttfette (Triglyceriden), wenn zuvor länger nichts gegessen wurde.
  • Ein niedriges Level von HDL-Cholesterin im Blut oder die Einnahme von Cholesterinsenkern.
  • Ein hoher Blutzuckerspiegel (mindestens 100 mg/dl), wenn zuvor länger nichts gegessen wurde, oder die Einnahme von Diabetes-Medikamenten.
  • Ein hohes Level des hochsensitiven C-reaktiven Proteins (CRP). Dabei handelt es sich um einen Stoff, den der Körper bei Entzündungen ausschüttet. Abseits von Infektionen kann der Wert auf die Bildung von Arteriosklerose hinweisen.
  • Der Beginn einer Insulin-Resistenz.

Schlecht: Kaum Fett an den Beinen, dafür am Bauch

Neben einer Auswertung bestehender Studien starteten die Wissenschaftler um Norbert Stefan von der Universität Tübingen auch eine eigene Analyse, um nach Ursachen für den ungesunden Stoffwechsel zu suchen. Dafür werteten sie die Daten von mehr als 900 Europäern aus, die ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatten - etwa aufgrund von Diabetes-Fällen in der Familie.

Von allen Teilnehmern wurde neben der Stoffwechselgesundheit auch der BMI sowie die Verteilung der Fettdepots am Körper erfasst. Dabei zeigte sich, dass viele Normalgewichtige mit schlechten Stoffwechselwerten kaum Fettpölsterchen an den Beinen hatten. Stattdessen lagerten sie ihre Fettreserven in erster Linie im Bauchraum an, berichten die Forscher in der Fachzeitschrift "Cell Metabolism".

Schlanke Menschen, die kaum Fett an den Beinen speichern und zusätzlich Hinweise auf ein metabolisches Syndrom haben, sollten auf eine Schädigung des Stoffwechsels hin untersucht werden, raten sie. Das metabolische Syndrom äußert sich neben Bluthochdruck beispielsweise auch durch Fettablagerungen an den inneren Organen.

"Krankhaftes Übergewicht noch immer der größte Risikofaktor"

"Die Ergebnisse zeigen, dass Typ-2-Diabetes eine sehr heterogene Erkrankung ist", sagt der ehemalige Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft, Baptist Gallwitz. In Studien habe sich bereits angedeutet, dass auch schlanke Leute eine schlechte Wirkung des Insulins im eigenen Körper haben können.

"Lange gab es aber keine Antworten darauf, welche Mechanismen dafür verantwortlich sind", so Gallwitz, der in Tübingen stellvertretender Leiter der Klinik für Diabetologie ist. Das ändere sich mit den aktuellen Forschungsergebnissen. Dennoch stellt er klar: "Krankhaftes Übergewicht ist immer noch der größte Risikofaktor für Diabetes."

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt diabetesgefährdeten Menschen bislang, ein Normalgewicht anzustreben. Für alle, auch für schlanke Menschen gelte zudem, dass der Verzehr beispielsweise von rotem, verarbeitetem Fleisch, zuckergesüßten Getränken und Eiern das Diabetes-Risiko erhöhe. Wer Vollkorngetreideprodukte, Gemüse, Obst und Milchprodukte esse, senke das Risiko hingegen.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, hohe HDL-Cholesterin-Werte seien schädlich - das Problem sind aber niedrige Werte. Wir haben die Angabe korrigiert.

irb/dpa



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