Ein rätselhafter Patient Mager wider Willen

20 Kilogramm hat die junge Frau in vier Jahren abgenommen. Bisher hat keine Therapie angeschlagen. Schließlich sehen sich Hormonspezialisten ihren Fall an.

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1,72 Meter groß ist die Frau - und wiegt nur 30 Kilogramm. In vier Jahren hat die 27-Jährige dramatisch abgenommen. Sie ist schwer erschöpft, ihre Regelblutung setzt nicht mehr ein.

Weitere Probleme plagen die Patientin: Zeitweise leidet sie unter Halluzinationen und heftigen Gefühlsausbrüchen. Ihr Studium musste sie vor einer Weile aufgeben, als sich ihre Leistung immer weiter verschlechterte.

Ihre Eltern suchten für die Tochter bereits psychiatrische Hilfe, woraufhin ihr antipsychotische Medikamente verordnet wurden. Aufgrund des starken Gewichtsverlusts wurde sie außerdem gegen Tuberkulose behandelt und erhielt traditionelle Arzneimittel, berichtet ein Team indischer Ärzte im Fachblatt "BMJ Case Reports". Doch ihr Zustand hat sich durch diese Maßnahmen nicht verbessert.

Leidet die Frau unter einer Essstörung? Das wäre eine naheliegende Diagnose.

Schließlich fertigen Ärzte eine Computertomografie (CT) ihres Gehirns an - und überweisen sie daraufhin zu den Hormonspezialisten einer Klinik im indischen Chandigarh.

Auch mit den Augen stimmt etwas nicht

Anil Bhansali und Kollegen beschreiben ihre Patientin als auffallend blass, aber wach und orientiert. Sie stellen fest, dass sich ihre Pupillen bei Lichteinfall weniger stark verengen als normal. Zusätzlich leidet sie an einem halbseitigen Gesichtsfeldausfall, einer sogenannten Hemianopsie.

Die Patientin habe nicht abnehmen wollen, und ihr Körperbild sei nicht gestört - das spricht beides gegen eine Magersucht.

Leber und Nieren funktionieren laut Tests normal. Weitere Laborwerte zeigen aber, dass ihr Wasserhaushalt gestört ist. Die Konzentration des Hämoglobins, das den Sauerstoff im Blut transportiert, ist zu gering. Erhöht sind dagegen ihre Werte für Natrium sowie verschiedene Hormone, darunter Cortisol, die Schilddrüsenhormone und Prolaktin. Die Funktion ihrer Eierstöcke ist herabgesetzt.

Die Ärzte vermuten einen sogenannten Diabetes insipidus, eine Krankheit, bei der der Körper große Mengen Urin ausscheidet.

Verirrte Stammzellen

Sie untersuchen auch das Gehirn der Patientin genauer. Mit einer Magnetresonanztomografie (MRT) bestätigen sie den Fund, aufgrund dessen die Frau zu ihnen überwiesen wurde: Sie hat einen Tumor im Gehirn, der ungefähr einen Durchmesser von drei Zentimetern hat. Er liegt in der Nähe der Hirnanhangdrüse, die viele hormonelle Prozesse im Körper steuert. Die schlechte Botschaft: Er hat wohl bereits gestreut, es finden sich Hinweise auf Krebszellen in den Hirnhäuten.

MRT-Aufnahmen zeigen einen ca. drei Zentimeter großen Tumor in der Nähe der Hirnanhangdrüse
Ashu Rastogi/ Pavan Uppula/ Kanchan Kumar Mukherjee/ Anil Bhansali/ BMJ Case Reports

MRT-Aufnahmen zeigen einen ca. drei Zentimeter großen Tumor in der Nähe der Hirnanhangdrüse

Nachdem die Ärzte eine Gewebeprobe entnehmen, bestimmen sie die Art des Tumors: Es handelt sich um ein Germinom, also einen Keimzelltumor. Diese entstehen aus unreifen Zellen, aus denen sich eigentlich Hoden oder Eierstöcke, die Keimdrüsen, bilden. Man nimmt an, dass es sich um Zellen handelt, die während der Entwicklung im Mutterleib nicht an die richtige Stelle gewandert sind. Diese Tumoren können in jedem Alter auftreten. Im Kindesalter machen sie in Deutschland etwa drei Prozent der Krebsdiagnosen aus.

Mikroskopische Aufnahmen der Tumorzellen
Ashu Rastogi/ Pavan Uppula/ Kanchan Kumar Mukherjee/ Anil Bhansali/ BMJ Case Reports

Mikroskopische Aufnahmen der Tumorzellen

Sowohl der Diabetes insipidus als auch die Gesichtsfeldausfälle der Patientin sind tatsächlich typische Symptome, die bei Germinomen auftreten.

Die Frau erhält Hormone, um ihren Hormon- und Wasserhaushalt zu normalisieren. Der Tumor wird mittels einer Chemotherapie bekämpft. Eine Strahlentherapie muss nach wenigen Tagen abgebrochen werden, weil die Behandlung ihre Blutbildung zu stark beeinträchtigt.

Ein Kontroll-MRT nach mehreren Chemotherapie-Zyklen zeigt Erfreuliches: Der Tumor hat sich komplett zurückgebildet. Die Sehstörungen der Patientin verschwinden. Sie bekommt wieder Appetit und nimmt zu, wenige Monate später wiegt sie immerhin schon wieder 37 Kilo. Nur ihre psychiatrischen Symptome hätten sich nicht wesentlich gebessert, berichten die Ärzte.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
spon-facebook-10000255064 27.11.2016
1.
Also bitte, wenn eine Patientin mit solchen Symptomen(Gewichtsabfall, Halluzinationen und Gefühlsausbrüche) in eine Klinik eingeliefert wird, muss man differentialdiagnostisch immer an eine Hormonelle Störung denken. Zudem ist es auffällig, dass den Ärzten in der ersten Klinik die neurologische Symptomatik nicht erkannt haben.
bujazza 27.11.2016
2.
Mein Mann leidet unter Neurosarkoidose, die sich ebenfalls um die Hirnanhangdrüse manifestiert hat. Er litt unter kurzzeitigen Sprachstörungen, Sehproblemen, Übelkeit, Haarausfall, konnte nichts mehr essen, magerte zusehends ab und vieles mehr. Obwohl die Ärzte der verschiedenen Kliniken, die er über die Jahre aufgesucht hat, von seiner Grunderkrankung Sarkoidose wussten, hat niemand den Zusammenhang hergestellt. Ab und zu war lediglich von einer "Raumforderung" im Gehirn die Rede, die aber zu vernachlässigen sei. Erst als wir ihn mit Verdacht auf Schlaganfall mal wieder in ein Krankenhaus brachten, dachte eine Ärztin an Neurosarkoidose. Den Diabetes Insipidus, den er leider auch noch bekommen hat, musste ich dann über Internetrecherchen selbst diagnostizieren, nachdem man im Krankenhaus meinte, der häufige Harndrang und der starke Durst kämen von den Cortison-Gaben. Im Nachinein erschienen mir die Zusammenhänge logisch. Die Probleme waren typisch dafür, wenn die Hormonachsen nach und nach ausfallen. Dass darauf niemand gestoßen ist, erscheint mir in beiden Fällen am rätselhaftesten.
Lisa_can_do 27.11.2016
3.
Wenn eine Frau mit 1,72 m ein Gewicht von 50 kg hat, ist sie als pathologisch krank, unterernährt, als aneurektisch zu bezeichnen - gerade zu diesem Krankheitsbild gehört sehr oft, dass keine Krankheits-Einsicht besteht - wobei aber die behandelnden Spezialisten immer zur Vorsicht anhält, eine mögliche Symptomatik für andere Erkrankungen zu erkennen. Die beschriebene Symptomatik bei Ausschluss anderer Diagnosen muss zu einer Differentialdiagnostik bzgl. hormoneller Gründe führen, nach kürzester Zeit, d.h. nach dem die andere Diagnostik durchgeführt und nix gefunden wurde. Das sind maximal 1-3 Wochen und nicht 20 Jahre. Der Tumor ist weg. Aber wo sind die manifestierten Metastasen? Die können genauso lebensbedrohlich sein.
CancunMM 28.11.2016
4.
4 Jahre soll keiner das bemerkt haben ?
uban1 28.11.2016
5.
Ich habe vollstes Vertrauen zu den Ärzten und es kann durchaus passieren dass viele beteiligte Fachärzte handwerkliche Fehler üner Jahre machen. Der Patient sollte sich gedulden und warten und auf keinen Fall, als medizinischer Laien, auf eigene Faust im Internet nach ähnlichen Fällen such und womöglich in obskuren Foren sich in seinem Vertrauen über die Kompetenz und Fachwissen der behandelden Ärzte sich verunsichern lassen und sich Scharlatenane, Betrügern, Quacksalber und gar einfachen Spinnern auszuliefern.
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