Individuelle Diabetes-Therapie: Blutzucker senken - aber nicht um jeden Preis

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Diabetiker spritzt sich Insulin, um seinen Blutzuckerspiegel zu senken: Ärzte sollten die Werte individuell regulieren Zur Großansicht
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Diabetiker spritzt sich Insulin, um seinen Blutzuckerspiegel zu senken: Ärzte sollten die Werte individuell regulieren

Wie hoch darf der Blutzuckerspiegel von Typ-2-Diabetikern sein? Statt ihn partout zu senken, sollten Ärzte die Entscheidung individuell abwägen: Nicht nur bei zu hohen, sondern auch bei zu niedrigen Werten drohen Folgeschäden.

Diabetes sei wie ein Tsunami. So lautete kürzlich die Warnung von Forschern der Yale University in den USA. 382 Millionen Menschen sind weltweit an Diabetes erkrankt - 2035 sollen es Schätzungen nach schon 592 Millionen sein.

Fieberhaft suchen Diabetologen nach Therapien, die diesen Tsunami aufhalten können. Sie entwickeln neue Medikamente, verbessern die Insulintherapie, entwerfen computergesteuerte Insulinpumpen und hoffen, Patienten mit einer Impfung oder mit Hilfe von Stammzellen heilen zu können. Und doch: "Den Durchbruch werden wir damit in absehbarer Zeit nicht erreichen", sagt Peter Diem. "Beim Typ-2-Diabetes ist eine personalisierte Therapie heute viel wichtiger." Damit meint der Chef-Diabetologe an der Universität Bern, dass Arzt und Patient gemeinsam entscheiden, wie sehr der Blutzucker gesenkt werden soll.

Jahrzehntelang galt bei der Behandlung von Typ-2-Diabetes, den HbA1c-Wert so zu senken, dass er annähernd demjenigen von Gesunden entspricht, also unter 6,5 Prozent liegt. HbA1c gibt den Zuckergehalt im Blut der vergangenen Monate wieder. "Heute drückt man das HbA1c aber nicht mehr partout nach unten, sondern legt den Zielwert individuell fest", sagt Diem. Im April 2012 hatten die amerikanische Diabetes- und die europäische Diabetes-Vereinigung (EASD) die neue Strategie für Typ-2-Diabetes zusammengefasst.

Neue Erkenntnisse setzen sich nicht durch

"Das wurde höchste Zeit", sagt Peter Sawicki, Diabetologe in Duisburg und ehemaliger Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Früher hätten Ärzte gehofft, sie könnten mit einer Senkung des Blutzuckers Schäden an großen Blutgefäßen verhindern und Patienten vor Herzinfarkten und Schlaganfällen schützen, erzählt Sawicki. "Schon vor 40 Jahren zeigten Studien, dass das leider nicht funktioniert. Aber obwohl neue und gute Untersuchungen das immer wieder bestätigten, wollen viele Mediziner das immer noch nicht wahrhaben."

Nachgewiesen sei dagegen, dass man mit einer Senkung des Blutzuckers Folgeschäden an den winzigen Blutgefäßen und damit Nierenschwäche und Erblindung vermeiden könne. "Das ist aber nur für jüngere Patienten relevant", sagt Sawicki. "Bis der Zucker die Sehkraft oder die Nierenfunktion beeinträchtigt, braucht es mehr als 15 Jahre." Für ältere Patienten oder solche mit anderen Krankheiten gelten nun weniger strenge Grenzwerte zwischen 7,5 bis 8 Prozent. Bei Betroffenen über 60 solle man sehr zurückhaltend sein, das HbA1c zu stark zu senken, sagt Sawicki. Ab 70 sei das so gut wie nie erforderlich.

"Senkt man den HbA1c-Wert bei Betagten zu stark, kann das gefährliche Folgen haben", sagt auch Diem. Eine der folgenschwersten Nebenwirkungen ist die Unterzuckerung, die Hypoglykämie. Dabei wird der Betroffene blass, zittert und schwitzt, ihm wird schwindelig oder er fällt gar in Ohnmacht. "Auch schon leichtere Hypoglykämien sind gefährlich", sagt Sawicki, "vor allem für Ältere." Stürzt ein Diabetiker, weil ihm deshalb schwindelig ist, kann er sich leicht die Hüfte brechen.

Über 80-jährigen Diabetikern mit Demenz oder Herz-Kreislauf-Krankheiten empfehlen Experten ebenfalls ein höheres HbA1c. "Die hohen Zuckerwerte schädigen die Organe erst nach vielen Jahren", sagt Sawicki, "bis dahin sind die Patienten gestorben." Ein zu stark gesenktes HbA1c sei dagegen viel schlimmer, denn Unterzuckerungen können auch Herzrhythmusstörungen auslösen und das Risiko für einen Herzinfarkt erhöhen.

Mein Alter, mein Blutzucker, meine Therapie

Immer wieder ist Sawicki darüber erzürnt, wie schlecht manche Kollegen ihre Patienten beraten. Eine große Rolle spiele aber auch die Pharmaindustrie. "Akzeptieren immer mehr Ärzte höhere Blutzuckerwerte bei ihren Patienten, verschreiben sie weniger Medikamente - das gefällt Pharmafirmen natürlich gar nicht."

Seinen Patienten versucht Sawicki, die Angst vor zu hohem Zucker zu nehmen. Wie neulich der 75-jährigen Diabetikerin mit Arthrose. "Die Frau wollte unbedingt ein ganz niedriges HbA1c", erzählt der Arzt. Er erklärte ihr, dass ihr das sogar schaden könnte - ein Wert über neun Prozent aber auch nicht gut wäre. "Mit dauerhaft zu hohem Zucker würde sie vermutlich müde sein, Durst haben, häufiger Wasser lassen müssen, oder bekäme Pilzinfektionen in der Scheide."

Bevor er Medikamente verschreibt, rät Sawicki zu einer Änderung des Lebensstils. "Schon mit etwas Gewichtsreduktion und regelmäßigem Spazierengehen lässt sich ein Anstieg der Zuckerwerte in sehr hohe Bereiche gut vermeiden."

Anders geht der Diabetologe bei jüngeren Patienten vor, die erst seit kurzem an Diabetes leiden. Mit einem übergewichtigen 45-Jährigen etwa vereinbarte er einen HbA1c-Zielwert um 6,5 Prozent - und dass er Gewicht abnimmt. "Dann hat er gute Chancen, später keine Folgeschäden zu bekommen", sagt Sawicki.

"Man muss Nutzen und Risiko für jeden Patienten einzeln beurteilen", sagt Peter Diem. Wichtig sei zudem die Motivation. "Fehlen einem jungen Diabetiker Energie und Einsicht, sich um seine Krankheit zu kümmern, nützt auch ein noch so niedriger HbA1c-Zielwert nichts."

Diabetes mellitus
Honigsüßer Durchfluss
Der Diabetes mellitus (wörtlich aus dem Griechischen: "honigsüßer Durchfluss"), umgangssprachlich Zuckerkrankheit genannt, ist eine chronische Stoffwechselstörung. Der Name bezieht sich auf den zuckerhaltigen Urin, an dessen Süße die Krankheit in der Antike erkannt wurde. Heute gilt Diabetes als Überbegriff für verschiedene Krankheitsbilder, die durch zu hohe Blutzuckerwerte, die Hyperglykämie, gekennzeichnet sind. Der Grund dafür ist, dass Traubenzucker (Glukose) wegen eines Insulinmangels nicht mehr in die Zellen aufgenommen werden kann und sich im Blut anreichert.
Typ-1-Diabetes
Beim Typ-1-Diabetes, von dem fünf bis zehn Prozent aller Zuckerkranken betroffen sind, zerstört das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse. Die Symptome des fortschreitenden Insulinmangels beginnen meist in der Kindheit oder der Jugend: Die Blutzuckerkonzentration steigt extrem an, es kommt zu starkem Wasser- und Nährstoffverlust, was ständigen Durst und häufiges Erbrechen zur Folge hat. Auch eine schnelle Gewichtsabnahme gehört zu den Symptomen. Als Therapie müssen die Diabetiker sich Insulin selbst spritzen. Als Ursache von Typ-1-Diabetes werden genetische Veränderungen vermutet.
Typ-2-Diabetes
Der Typ-2-Diabetes wurde früher als Altersdiabetes bezeichnet. Im Zuge wachsender Zahlen übergewichtiger Menschen insbesondere in den Industrieländern erkranken aber immer öfter auch junge Menschen und inzwischen sogar Kinder am Typ-2-Diabetes. Falsche Ernährung gilt als die Hauptursache der Krankheit: Die großen Mengen von Zucker, die dem Körper zugeführt werden, kann die Bauchspeicheldrüse in jungen Jahren noch durch eine verstärkte Insulinproduktion wettmachen. Im Laufe der Zeit versiegt aber die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse und auch die Zellen werden unempfindlicher für das Insulin, sodass die Glukose immer schlechter abgebaut wird und sich im Blut anreichert.

Im Unterschied zum Typ 1 gibt es beim Typ-2-Diabetes lange keine eindeutigen Symptome wie etwa verstärktes Wasserlassen oder Durstgefühl, sondern eher unspezifische Anzeichen wie ein ständiges Hungergefühl, Gewichtszunahme, Niedergeschlagenheit und Müdigkeit. Typ-2-Diabetes kann anfangs durch gesündere Ernährung, mehr Bewegung und Abnehmen bekämpft werden. Gelingt das nicht, sind später Medikamente zur Regulierung des Blutzuckers und auch eine Insulintherapie notwendig.
Verbreitung
Diabetes gehört schon heute zu den größten Volkskrankheiten und wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich dramatisch ausbreiten. Schätzungen zufolge gibt es weltweit mehr als 150 Millionen Zuckerkranke, Tendenz stark steigend.

In Deutschland lebten laut Einschätzungen der DEGS Gesundheitsstudie des Robert Koch-Instituts 7,2 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 79 Jahren mit Diabetes, demnach sind 4,6 Millionen Personen betroffen. Bei den 70- bis 79-Jährigen ist mehr als jeder Fünfte an Diabetes erkrankt (21,9 Prozent). Die Zahl der Erkrankungen ist zwischen 1997 und 2010 um 38 Prozent angestiegen, davon sind nur 14 Prozent durch die Alterung der Bevölkerung zu erklären.

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1.
rolli 03.01.2014
Zitat von sysopAPWie hoch darf der Blutzuckerspiegel von Typ-2-Diabetikern sein? Statt ihn partout zu senken, sollten Ärzte die Entscheidung individuell abwägen: Nicht nur bei zu hohen, sondern auch bei zu niedrigen Werten drohen Folgeschäden. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/diabetes-neue-erkenntnisse-im-umgang-mit-blutzuckerwerten-a-940104.html
Ich habe erlebt, dass ein vollbesetzter Saal mit etwa 150 Ärzten sich geweigert hat die richtigen Schlüsse auf ein signifikantes Sterberisiko bei Medikation mit Betablockern zu akzeptieren, obwohl die Studien messerscharfe und unmissverständliche Beweise vorlegten. Dass Ärzte sich zugunsten von Patienten ändern und auf deren Individualität eingehen halte ich für ausgeschlossen.
2.
HuFu 03.01.2014
Ernährungsumstellung und Bewegung (ggf. mit Abnahme verbunden) sind wohl um einiges wichtiger als dauerhaft Tabletten zu verschreiben. Die können maximal helfend wirken, der Rest muss vom Patienten kommen. Wenn der nicht mitmacht, wird er eh früher oder später an der Nadel hängen und ggf. eher heute als morgen mit möglichen Folgeschäden leben (müssen).
3. Neue Diabetes-Therapie? Wozu?
ruhepuls 03.01.2014
Weltweit forschen Forscher an neuen Medikamenten gegen Typ-2-Diabetes? Wieso eigentlich? Oder besser gefragt, weshalb stecken sie die Energie nicht in Konzepte, die an der Wurzel angreifen? Typ 2-Diabetes ist in den meisten Fällen eine Folge von Bewegungsmangel und Ernährungsfehlern - auch wenn eine genetische Disposition sicher eine Rolle dabei spielt. Mit Bewegung und kohlenhydratreduzierter Ernährung ließen sich die Mehrzahl der Fälle frühzeitig abfangen bzw. in späteren Stadien die Medikamentendosis (und damit auch die Gefahr der Hypoglykämie) reduzieren. Hier käme es eher darauf an, die Betroffenen an der Hand zu nehmen (teilweise wortwörtlich) und sie zu einem aktiveren und bewussteren Lebensstil anzuregen. Aber statt dessen sucht man lieber nach "neuen Pillen".
4. Ach Sawicki!
kumi-ori 03.01.2014
Zitat von sysopAPWie hoch darf der Blutzuckerspiegel von Typ-2-Diabetikern sein? Statt ihn partout zu senken, sollten Ärzte die Entscheidung individuell abwägen: Nicht nur bei zu hohen, sondern auch bei zu niedrigen Werten drohen Folgeschäden. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/diabetes-neue-erkenntnisse-im-umgang-mit-blutzuckerwerten-a-940104.html
Was ist jetzt hierbei neu? Das wird doch alles schon seit zehn Jahren immer und immer wiedergekäut. Natürlich spielen Ernährung (Zusammensetzung, Menge und zeitliche Einteilung) und Bewegung eine Rolle. Das erzählen die DDG-Diabetologen den Patienten gebetsmühlenartig immer wieder und wieder. Trotzdem lässt sich eben manchmal auf Medikamente nicht verzichten. Und dass eine episodische Hypoglykämie gefährlicher ist als eine episodische Hyperglykämie wissen wir inzwischen auch alle. Nur ist leider die erstere eine Folge der letzteren. Sprich, da nach der Mahlzeit der Zucker im Blut verbleibt und nicht als Glykogen gespeichert werden kann (Hyperglykämie), kann auch vor der folgenden Mahlzeit kein Zucker aus dem Glykogen freigesetzt werden, was zu einer Hypoglykämie führt. Wussten Sie das nicht? Wenn Bewegung und geeignete Ernährung nicht ausreichen, braucht es eben doch Medikamente. Die Frage ist hier: welche? Die DPP-4 Hemmer (Gliptine) in Kombination mit Metformin sind besonders geeignet, weil sie die Insulinfreisetzung in zeitlicher Verbindung mit der Nahrungsaufnahme anregen (wie es der "Gesunde" von selber tut). Aber die kosten eben unfassbare zwei Euro am Tag. Deshalb lässt man es lieber beim guten alten Sulfonylharnstoff (30 Cent am Tag). Da kommen zwar die Folgeschäden teurer, aber die werden dann auf einer anderen Kostenstelle behandelt.
5. Als spritzender Diabetiker Typ 2
Pfaffenwinkel 03.01.2014
habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich mich mit einem etwas höheren Blutzucker wohler fühle.
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