Geschäfte mit Diabetes Typ 2 Niedriger Blutzucker, hohe Gewinne

Diabetiker müssen ihren Blutzucker senken - meist mit Medikamenten. Aber gerade Älteren kann eine strikte Therapie schaden. Trotzdem propagiert der Pharmakonzern Sanofi niedrige Werte, unterstützt von einer Krankenkasse.

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Von Lea Wolz und


In Deutschland sind etwa sechs Millionen Menschen zuckerkrank, die meisten haben Diabetes vom Typ 2. Für Ärzte, Apotheker, Krankenhäuser und Pharmaunternehmen sind sie eine gute Einnahmequelle. Die Patienten bekommen Schulungen, regelmäßige Checks, Blutzucker-Messstreifen, oft auch Medikamente - meist ein Leben lang.

Diabetesmedikamente stehen auf Platz drei der umsatzstärksten Arzneimittel in Deutschland: Laut Arzneiverordnungsreport 2016 lagen die Ausgaben dafür bei mehr als zwei Milliarden Euro. Die deutschen Diabetespatienten sind gut versorgt, möchte man meinen.

Vor diesem Hintergrund läuft seit Jahren eine Kampagne von Sanofi - "Gesünder unter 7 plus": In ihr propagiert der Konzern eine besonders strenge Senkung des Blutzuckerspiegels. Geht es Sanofi wirklich um die Gesundheit der Patienten - oder womöglich um den eigenen Umsatz? Der Konzern stellt verschiedene Diabetesmedikamente, darunter auch Insulin-Präparate, her.

Zu den zahlreichen Unterstützern der Sanofi-Kampagne zählt unter anderem die Krankenkasse DAK-Gesundheit. Auch sie erweckt in einer Pressemitteilung den Eindruck, dass bei vielen Typ-2-Diabetikern der sogenannte Langzeit-Blutzuckerwert HbA1c nicht streng genug eingestellt wird und dass dies ihre Gesundheit gefährdet.


Das bedeutet HbA1c: Der Messwert zeigt, wie hoch der Blutzuckerspiegel durchschnittlich in den vergangenen drei Monaten war. Liegt er über 6,5 Prozent, diagnostizieren Ärzte einen Diabetes.


Bei der Aktion werden seit Jahren HbA1c-Werte von Diabetikern (überwiegend von jenen mit Typ-2) gemessen. Mehr als die Hälfte habe Werte, die mit einem erhöhten Risiko für Spätfolgen verbunden seien, schreibt die DAK und klagt: "Die bloße Diagnose führt also nicht automatisch zu einem der Gesundheit förderlichen Verhalten, es bleibt viel zu tun."

Sanofi selbst teilt mit, der sogenannte HbA1c-Wert, "eine wichtige Kenngröße im Diabetes-Management und Namensgeber der Aktion", solle "unter sieben Prozent liegen, um das Risiko für Spätfolgen zu senken". Die Daten zeigten, dass es weiterhin notwendig sei, Bewusstsein für die Risiken des Diabetes zu schaffen, schreibt das Pharmaunternehmen.

Braucht also jeder zweite Diabetiker in Deutschland eine striktere Therapie?

Nein.

Zwar wurde bis 2013 sogar in der Leitlinie zur Behandlung des Typ-2-Diabetes, einer Art Handlungsempfehlung für Ärzte, geraten, den HbA1c-Wert unter 6,5 zu senken. Dieses strenge Ziel wurde jedoch aufgegeben, als Studien zeigten, dass es den Erkrankten kaum nutzt und ihnen sogar Schaden zufügen kann.

Die aktuelle Leitlinie empfiehlt einen Wert zwischen 6,5 und 7,5 - abhängig unter anderem vom Alter der Betroffenen. Wichtig zu wissen: Auch bei Gesunden steigt der Wert im Alter leicht an.

Eine Studie musste 2008 sogar gestoppt werden, weil ältere Diabetespatienten, die einen sehr tiefen HbA1c-Wert um jeden Preis und mit mehreren Medikamenten anstrebten, früher starben als Patienten mit einem moderaten Wert. Zwar ist nicht klar, woran genau das lag. Es war aber ein Warnschuss, dass zu tiefe Blutzuckerziele auch schaden können.

"Gesünder unter 7" gilt längst nicht für alle

Eine starke Senkung des Blutzuckers mit Medikamenten bringt Risiken mit sich, vor allem das der Unterzuckerung. Insbesondere für Ältere kann diese gefährlich sein und zu Verwirrtheit, Ohnmacht und Stürzen führen. Ist der Blutzucker oft zu tief, kann das auch Herzrhythmusstörungen auslösen - und so das Risiko für einen Herzinfarkt erhöhen.

Daten von Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen legen allerdings nahe, dass die Mehrheit der über 70-Jährigen mit Diabetes einen HbA1c unter 7 erreicht. Zum Teil schaffen sie dies durch das Spritzen von Insulin, was starke Unterzuckerungen auslösen kann. Diese gefährliche Nebenwirkung trat bei Diabetikern in Deutschland 2011 häufiger auf als 2006, zeigt eine aktuelle Studie.

Der SPIEGEL hat Sanofi und die DAK-Gesundheit gefragt, warum sie den Eindruck erweckten, Diabetiker würden ihre Gesundheit gefährden, wenn sie keinen HbA1c-Wert unter sieben Prozent erreichen. Und weshalb sie sich entschieden hätten, hier der aktuellen Leitlinie zu widersprechen.

Sanofi antwortete, "die '7' ist ein anerkannter Richtwert, der nicht im Widerspruch zu einem HbA1c-Wert-Korridor von 6,5 bis 7,5 Prozent steht. In den Hintergrundinformationen zum Beispiel auf der 'Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7 PLUS'-Website sowie in den Broschüren wird auf diesen Zielkorridor hingewiesen". Man freue sich, dass wir uns des wichtigen Themas Diabetes annehmen und auf die Aktion aufmerksam geworden sind.

Die DAK-Gesundheit teilte mit, "unser Ziel ist es, dass Menschen mit einem Diabetesrisiko darauf aufmerksam gemacht und zu einem aktiven Lebensstil angeregt werden". Nur wer sein Risiko für eine mögliche Erkrankung kenne, könne selbst aktiv werden. "In dem von Ihnen genannten Zitat widersprechen wir keiner Leitlinie und wollen dies auch nicht tun. Wir nehmen Ihren kritischen Hinweis jedoch sehr ernst und prüfen, die Kommunikation in diesem Punkt weiter zu schärfen, damit in der Öffentlichkeit kein falscher Eindruck entsteht."

Maulkorb für einen Diabetes-Experten

Einige Ärzte betonen indes, dass gerade bei Älteren auch höhere Zielwerte sinnvoll sind. Das steht auch in der Leitlinie, allerdings an wenig prominenter Stelle. Trotzdem will - oder darf - nicht jeder diese Einschätzung öffentlich vertreten. Ein Diabetes-Experte erhielt nach dem Gespräch mit dem SPIEGEL einen Maulkorb von seinem Arbeitgeber - einem deutschen Universitätskrankenhaus -, weshalb wir ihn hier nicht zitieren können. Mehrere andere Diabetesspezialisten lehnten von vornherein ab, mit uns zu sprechen.

Til Uebel, Hausarzt, Diabetologe und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Diabetes der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, äußert sich öffentlich und deutlich zum Thema: "Die intensive Blutzuckersenkung wird vollkommen überschätzt", sagt er. Ärzte starteten nicht selten sogar eine Insulintherapie bei Menschen mit Diabetes Typ 2, weil sie denken, dass sie ihren Patienten so einen Herzinfarkt oder Schlaganfall ersparen und ihr Leben verlängern. "Aber bis heute konnte das in keiner einzigen Studie nachgewiesen werden", sagt Uebel.

Auch eine 2016 im Journal "Circulation" veröffentlichte Übersichtsarbeit kommt zum Schluss, dass eine starke Senkung des Blutzuckerwertes verglichen mit einer moderaten Einstellung weder vor Schlaganfällen schützt noch das Leben verlängert.

Ein Nutzen ist bei den sogenannten mikrovaskulären Erkrankungen zu erwarten, also bei Schäden an den kleinen Blutgefäßen wie etwa an der Netzhaut oder den Nieren. Doch wie relevant diese Verbesserungen sind, ist laut dieser aktuellen Auswertung fraglich. Bei einer rigiden Blutzuckersenkung tragen Nierenversagen und Erblindungen nicht seltener auf.

Uebel betont, dass es sehr wichtig ist, Betroffene zu behandeln, die Symptome spüren: also übermäßigen Durst haben, ständig müde sind und häufig Wasserlassen müssen. "Kein Patient sollte deshalb mit einem HbA1c-Wert über neun leben", so Uebel. Denn dann treten diese Probleme fast immer auf.

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"Ab 70 ist eine strenge Blutzuckereinstellung meist ohne Nutzen"

Bei Werten unter neun sei das Bild allerdings deutlich differenzierter. Ob sich hier eine Therapieintensivierung lohnt, hängt auch vom Alter ab. Ein jüngerer Typ-2-Diabetiker um die 40, der erst seit Kurzem an Diabetes leidet, kann von einer starken Blutzuckersenkung profitieren. Denn bis sich Folgeschäden an Nerven, Niere oder Augen entwickeln, dauert es an die zehn Jahre oder sogar länger - eine Zeitspanne, die sehr alte Menschen mitunter gar nicht überleben.

Aber Typ-2-Diabetes ist vor allem eine Alterskrankheit. Zwei von drei Diabetikern sind über 60 Jahre. "Ab 70 ist eine strenge Blutzuckereinstellung meist ohne Nutzen, birgt aber Gefahren", sagt Peter Sawicki, Diabetologe und ehemaliger Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Und Uebel sagt: "Bei Älteren kann 8,5 Prozent, vielleicht sogar 9, ein guter Wert sein."


Medikamente zur Senkung des Blutzuckers

Um den Blutzucker zu senken, stehen unterschiedliche Medikamente zur Verfügung, die unterschiedliche - teils auch schwere - Nebenwirkungen mit sich bringen können. Bei einigen ist der Nutzen noch nicht hinreichend belegt. Eine Übersicht über die Vor- und Nachteile der einzelnen Wirkstoffe findet sich etwa auf Gesundheitsinformation.de.

Wird ein niedriger Wert ohne Medikamente oder mit dem relativ gut verträglichen Metformin erreicht, bei dem Unterzuckerungen in der Regel nicht zu befürchten sind, mag der Nutzen bei älteren Diabetikern gering sein - es drohen aber zumindest auch keine Schäden.


Den Patienten behandeln, nicht den Laborwert

"Typ-2-Diabetes wird noch zu oft an einem Wert, dem Blutzuckerspiegel, festgemacht, den Ärzte um jeden Preis zu senken versuchen", sagt Sawicki. Das sei nicht immer sinnvoll. "Es ist ein Kurzschluss, den Laborwert zu behandeln und nicht den jeweiligen Patienten." Nötig sei vielmehr, mit jedem Diabetiker sein individuelles Risiko für Folgeschäden zu besprechen - und dann gemeinsam zu entscheiden, wie tief der Zucker gesenkt werden soll. "In der Praxis findet das noch viel zu selten statt", so Sawicki.

Stattdessen propagieren nicht nur der Pharmakonzern Sanofi, sondern auch die Krankenkasse DAK Gesundheit eine nicht mehr zeitgemäße, rigide Blutzuckersenkung für alle - und nennen das Aufklärung.

insgesamt 48 Beiträge
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horseshit 16.06.2017
1. Bloss weil die Diagnostik immer feiner wird
Muss man ja nicht immer etwas machen. Blutzucker bekommt man auch perfekt mit Ketarischer Ernährung in den Griff, senkt sogleich auch noch die Blutfette... Jedesmal wenn ich irgendwo beim Arzt bin prüft alles gleichbauf Diabetes nur um wieder Umsatz machen zu können. Schade, diese Entwicklung ist unnötig.
mapcollect 16.06.2017
2. Viel wichtiger wäre es das Körpergewicht zu reduzieren
Diabetes Typ II wird fälschlicherweise oft als "Altersdiabetes" bezeichnet. Korrekter wäre der Ausdruck "Dicken-Diabetes" denn Übergewicht ist meist die Ursache (Die Insulin produzierenden Zellen sind nur für eine begrenzte Körpermasse ausgelegt). Mit einer ordentlichen Gewichtsreduktion bräuchten die meisten Patienten gar keine Medikamente mehr.
steinbock8 16.06.2017
3. hundert verschiedene Personen
hundert verschiedene Stoffwechsel vor Jahren gab es in den USA eine Studie über einen langen Zeitraum unter Diabetikern die Studie wurde abgebrochen weil ein Großteil der insulinpflichtigen gut eingestellten Diabetiker verstorben waren bei insulinpflichtigen besteht immer die Gefahr der unterzuckerung dies ist das hauptrisiko
Spiegelleserin57 16.06.2017
4. Blutzuckertagebuch führen!
wer auch Behinderungen geltend machen will braucht ein Blutzuckertagebuch in dem er die gemessenen Werte einträgt. Es sollte regelmäßig geführt werden. Der HbA1C macht nur Langzeitaussagen, aber bei schwankenden BZ ist dies wohl keine Hilfe wenn man erst Tage später das Ergebnis hat. Natürlich sind die Therapien ein sehr lukratives Geschäft für die Pharmaunternehmen und man muss dies sehr kritisch betrachten. Laborärzte geben auch Auskunft über die Grenzbereiche der Blutzucker. So genau sind die Bereiche alle nicht da wir Menschen nun mal auch unterschiedlich sind, also kein Grund zur Panik. Wer berechnet wie viel Zucker pro kg Körpergewicht optimal ist...?
christianf42 16.06.2017
5. Störung des Kohlenhydratstoffwechsel ? => Kohlenhydrate weglassen!
Eine Störung des Kohlenhydratstoffwechsel wegen lebenslang zu viel Zucker und Kohlenhydraten behandelt man am besten mit einer massiven Reduktion von Kohlenhydraten. In den ersten Jahren ist damit sogar noch eine Remission mögliche. Das hört die Pharma-Industrie natürlich nicht gerne und zu den meisten Ärzten ist diese Erkenntnis auch noch nicht durchgedrungen ...
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