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10. Januar 2013, 11:47 Uhr

Diamorphin-Ambulanzen

Politiker fordern mehr Heroin auf Rezept

Sie sind der Rettungsanker für viele Suchtkranke: In Diamorphin-Ambulanzen erhalten Abhängige auf Kassenkosten künstliches Heroin. Doch Politiker bemängeln, dass die Hürden für die Aufnahme zu hoch sind und Tausende Betroffene immer noch leer ausgehen. Das soll sich jetzt ändern.

Berlin - "Ich komme bereits seit zehn Jahren hierher, um mich zu spritzen." Der Mann wirkt fahrig und nervös. Zweimal am Tag geht er zur Ambulanz der Arbeiterwohlfahrt in Karlsruhe, um sich das künstliche Heroin unter ärztlicher Aufsicht selbst zu injizieren. Es war ein jahrelanger Streit, bis der Bundestag den Weg zu Diamorphin auf Kassenkosten auf Dauer freimachte. Doch hohe Hürden machen den Rettungsanker für viele Suchtkranke unerreichbar.

SPD und Grüne fordern deshalb mehr künstliches Heroin für Abhängige in Deutschland. Hintergrund ist, dass es fast vier Jahre nach dem entsprechenden Beschluss des Bundestags noch immer nicht mehr Ambulanzen zur Abgabe der Droge gibt als in einer vorangegangenen Modellphase.

Der Hamburger Suchtforscher Uwe Verthein, der die Erfahrungen in den Ambulanzen untersucht hat, schätzt den Bedarf nach dem entsprechendem Stoff Diamorphin deutlich höher ein. "Heute sind gut 400 Patienten in der Diamorphin-Behandlung", sagte Verthein der Deutschen Presse-Agentur. "Wir gehen von einem Bedarf für rund 1500, höchstens 3000 Patienten aus."

"Bedarfsgerechtes Angebot"

Die SPD-Drogenexpertin Angelika Graf forderte, Schwerstabhängige einen Ausstieg aus der Sucht zu ermöglichen oder sie zu stabilisieren. "Wir brauchen deshalb auch ein bedarfsgerechtes Angebot der Diamorphin-gestützten Behandlung", sagte Graf. Diese solle breit angeboten werden.

Bisher gibt es Diamorphin-Ambulanzen in Bonn, Frankfurt/Main, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Köln und München. Diamorphin ist künstliches Heroin. Die 1874 entdeckte klare Flüssigkeit sollte als Ersatz für das aus Schlafmohn gewonnene Opiat Morphium dienen, ähnlich schmerzstillend sein, aber nicht abhängig machen. Da das Gegenteil der Fall war, wurde sie in vielen Ländern verboten.

Nach einem bundesweiten Modellversuch von 2002 bis 2006 wird Diamorphin seit Juli 2009 in Deutschland an Heroinsüchtige in Spezialeinrichtungen unter strenger staatlicher Aufsicht abgegeben. Betroffene müssen seit fünf Jahren opiatabhängig sein, zwei erfolglose Therapien hinter sich haben und mindestens 23 Jahre alt sein. Nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums gibt es in Deutschland rund 150.000 Heroinabhängige.

Untersuchungen ergaben, dass es Süchtigen nach der Umstellung deutlich besser ging. Teilweise konnten sie wieder ein geregeltes Leben mit festem Wohnsitz und fester Arbeit aufnehmen. Die Abbruchquote ist niedriger als beim Einsatz der Ersatzdroge Methadon.

Rahmenbedingungen haben sich verschlechtert

"Kassen und Kassenärzte haben die Rahmenbedingungen für die Diamorphin-Therapie in der Vergangenheit unnötig verschlechtert und damit den klaren Willen der überwiegenden Mehrheit des Bundestags ausgehebelt", sagte der Grünen-Drogenexperte Harald Terpe. Er begrüße, dass nun die entsprechende Richtlinie im Gemeinsamen Bundesausschuss von Ärzten, Kassen und Kliniken geändert werden soll.

Verthein, der Geschäftsführer des Hamburger Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung ist und die Erfahrungen der sieben deutschen Ambulanzen zur Abgabe des Stoffs Diamorphin ausgewertet hat, sprach sich ebenfalls für einen früheren Einsatz von künstlichem Heroin bei Abhängigen aus. "Es gibt Bedarf an einer Neuregelung", sagte er. Die Bedingungen für eine Teilnahme an dem Programm seien streng, etwa jene der Mindestabhängigkeit von fünf Jahren, sagte Verthein. "Könnte eine Diamorphin-Substitution früher einsetzen, müssten die Abhängigen nicht erst so tief abrutschen."

Zudem gebe es nach wie vor Vorbehalte gegen Diamorphin. "Hier wiederholt sich die ideologische Debatte, die in den achtziger und neunziger Jahren ums Methadon geführt wurde." Auch die Bedingungen für eine Diamorphin-Ambulanz seien hoch. "Die Einrichtungen sind deshalb teurer, als sie sein müssten."

Dabei seien die Erfolge beeindruckend. "Die Lebensqualität steigt, der Gesundheitszustand verbessert sich, die soziale Situation wird stabiler." Die für Opiatkonsum typischen Angst- und depressiven Störungen könnten zudem besser behandelt werden.

Das Thema steht am kommenden Donnerstag auf der Tagesordnung des Gemeinsamen Bundesausschuss.

cib/dpa

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