Von Cinthia Briseño
Am Nutzen und an den Risiken der Röntgenuntersuchung der weiblichen Brust scheiden sich die Fachgeister. Manche sind der Auffassung, die Mammografie würde zweifelsohne Leben retten, weil man damit Brustkrebs frühzeitig erkennen könnte. Andere aber halten die routinemäßige Untersuchung von Frauen zwischen 50 und 69 Jahren für riskant. Ein Grund: Selbst bei gesunden Frauen entdecken Ärzte mit der Methode immer wieder Auffälligkeiten. Das Mammografie-Screening kann also Leben retten - aber auch fatale Fehlalarme auslösen.
Doch die Qualität der Röntgenuntersuchung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Medizintechniker und Hersteller der Mammografie-Apparate versuchen laufend, die Methode zu präzisieren. Ihr Ziel ist es unter anderem, die Zahl der falsch positiven Befunde zu reduzieren. Ein Vorstoß dabei ist die digitale Mammografie: Im Unterschied zur herkömmlichen Mammografie werden bei der digitalen Variante die Aufnahmen elektronisch auf dem Computer gespeichert und können auf dem Bildschirm betrachtet, bei Bedarf vergrößert und nachbearbeitet werden. Bei der klassischen Variante werden die Röntgenaufnahmen auf Filmen entwickelt.
In vielen Diagnosezentren wird die digitale Methode schon kräftig umworben. Und rund 95 Prozent aller Mammografien, die im Rahmen des bundesweiten Screening-Programms durchgeführt werden, sind nach Angaben der Kooperationsgemeinschaft Mammografie bereits digital. Die digitale Mammografie soll, so das Versprechen, im Gegensatz zur herkömmlichen Technik nicht nur eine geringere Strahlendosis benötigen, sondern auch krankhafte Veränderungen klarer erkennbar machen.
Einige Experten stellen dies jedoch in Frage. Sie sind der Auffassung, dass die Versprechen der neuen Methode übertrieben sind und dass die Rate der falsch positiven Ergebnisse durch den Wechsel auf die digitale Mammografie sogar steigen könnte. Eine Studie niederländischer Forscher kommt jetzt zum gegenteiligen Schluss: Der Anteil falsch positiver Befunde steige durch die neue Technik nicht, schreiben Adriana Bluekens vom Nationalen Experten- und Trainingszentrum für Brustkrebs-Screening in Nijmegen und ihre Kollegen in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals "Radiology" (online noch nicht verfügbar).
Überdiagnosen nehmen offenbar nicht zu
Für ihre Untersuchung hatten die Forscher die Mammografie-Unterlagen von insgesamt 1.198.493 Untersuchungen ausgewertet, die zwischen 2003 und 2007 an drei großen niederländischen Brustkrebszentren durchgeführt worden waren. 12,7 Prozent der Mammografiebilder wurden digital erstellt, der Rest mit Hilfe herkömmlicher Röntgenfilme. 18.896 Frauen wurden aufgrund positiver oder unklarer Befunde zu einer Nachuntersuchung gebeten, wie die Forscher berichten. Der Anteil dieser sogenannten Recalls sei bei der digitalen Mammografie etwas höher gewesen als bei der herkömmlichen.
6410 Frauen erhielten letztlich die Diagnose Brustkrebs. "Die digitale Mammografie hat dabei signifikant mehr Tumoren gefunden als die herkömmliche", berichten Bluekens und ihre Kollegen. Bei der digitalen Früherkennung habe die Detektionsrate pro 1000 Frauen bei 6,8 gelegen, bei der Film-Variante nur bei 5,6. Vor allem aggressive Formen des Duktalen Karzinoms in situ (DCIS), einer der Brustkrebsvorstufen, seien durch die digitale Mammografie besser gefunden worden. Nach Angaben der Forscher liegt das vor allem daran, dass mikroskopisch kleine Kalkablagerungen, die häufig ein DCIS anzeigen, von der Digitaltechnik besser aufgelöst werden.
Bei beiden Mammografie-Techniken hätten langsam wachsende, sogenannte geringgradige DCIS nur drei Prozent der Befunde ausgemacht. "Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass Überdiagnosen durch die digitale Mammografie bei der Brustkrebs-Früherkennung nicht zunehmen", schreiben Bluekens und ihre Kollegen. Dafür erhöhe die Methode aber die Chancen, potentiell aggressive Tumoren früher zu erkennen.
Nicht aus allen Vorstufen entwickelt sich ein bösartiger Tumor
"Das Ziel der Früherkennung bei Brustkrebs ist es nicht, einfach nur Tumoren als solche zu entdecken", sagen auch die Autoren der Studie. Denn nicht alle Frühstufen des Brustkrebses entwickelten in der Lebenszeit der Patientinnen einen lebensbedrohlichen Tumor. Das Ziel sei daher, möglichst viele der potentiell aggressiven Frühformen zu identifizieren, um zu verhindern, dass sich diese weiterentwickeln. "Alles andere wäre eine Überdiagnose", betonen die Forscher. Ein gewisser Anteil solcher Überdiagnosen sei beim Brustkrebs-Screening kaum zu vermeiden.
Durch den Wechsel zum digitalen Brustkrebs-Screening, so das Fazit der Autoren, seien nicht mehr langsam wachsende und damit wenig gefährliche Tumoren entdeckt worden als zuvor. Die Entdeckungsrate bei den schnell wachsenden, potentiell invasiven Tumoren sei aber deutlich gestiegen. Schon zuvor lieferten wissenschaftliche Studien Hinweise darauf, dass die computergestützte Bildanalyse der herkömmlichen Mammografie überlegen sein könnte. Insbesondere bei jüngeren Frauen oder Frauen mit sehr dichtem Brustgewebe soll sie bessere Ergebnisse liefern.
Allerdings geben die Forscher der aktuellen Studie auch zu bedenken, dass sie ihre Schlussfolgerung allein aus den Daten des niederländischen Brustkrebs-Screening-Programms gezogen hätten, das dort schon seit 1990 existiert. Möglicherweise könne die Auswertung anderer Programme auch zu anderen statistischen Resultaten führen. In Deutschland steht die Mammografie jeder Frau im Alter zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre als Kassenleistung zu.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war gestanden, die digitale Mammografie muss im Rahmen einer Individuellen Gesundheitsleistung (Igel) aus eigener Tasche bezahlt werden. Das stimmt nicht, die Methode ist Kassenleistung. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.
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Mit Material von dapd
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