Digitale Pille Funksignal aus dem Magen

Technologie zum Schlucken: Die US-Arzneimittelbehörde hat eine digitale Pille zugelassen, die Funksignale aus dem Magen aufs Smartphone schickt. Ärzte können so besser kontrollieren, ob man seine Medikamente wirklich nimmt. Kritiker fürchten eine Entmündigung des Patienten.

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Digitale Pillen, Pflaster, Handy: In drei Schritten vom Patienten zum Arzt
Proteus Digital Health

Digitale Pillen, Pflaster, Handy: In drei Schritten vom Patienten zum Arzt


Wer seinem Arzt die Wahrheit verschweigt und behauptet, seine Medikamente immer genommen zu haben, könnte damit in Zukunft nicht mehr durchkommen. Denn der Arzt wird es in manchen Fällen einfach besser wissen - dank einer neuen digitalen Pille, die nun in den USA von der Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) zugelassen wurde. Bislang ist das digitale Kontrollsystem nur für den Einsatz in Placebos erlaubt - bald soll aber die Zulassung für verschiedene Medikamente folgen.

Bei dem Medizinprodukt handelt es sich um einen sandkorngroßen Chip, der auf der einen Seite mit Magnesium, auf der anderen mit Kupfer beschichtet ist. Sobald der Chip auf Magensäure trifft, erzeugt er eine kleine Spannung - und damit ein elektrisches Signal. Das wird von einem zweiten Hilfsmittel, einem Pflaster auf der Haut des Patienten, empfangen und von dort weitergegeben an das Mobiltelefon, das die Information wiederum an Pfleger und Ärzte weitergibt: In drei Schritten vom Magen des Patienten zum Mobiltelefon des Mediziners.

Die neue digitale Pille ermöglicht eine direkte und engmaschige Kontrolle, ob die Medikamente tatsächlich eingenommen wurden. Die Entwicklung zielt auf ein riesiges Problem ab, das bisher nur schwer greif- und lösbar ist: Etwa 50 Prozent der Patienten nehmen ihre Medikamente gar nicht oder nur unregelmäßig, schätzen Ärzte. Mithilfe der Pille ließe sich auf den ersten Blick verlässlich feststellen, wer seine Arzneien nimmt und wer nicht. In Deutschland ist ein solches Produkt noch nicht zugelassen.

Anruf von der Pillenbox

Der Schweizer Pharmakologe Peter Meier-Abt, Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaft, hält die Entwicklung erst einmal für sinnvoll: "Dass die Patienten die Behandlungsempfehlungen nicht immer einhalten, ist ein großes Problem. Mit der Pille hätten wir vielleicht endlich ein Mittel in der Hand, um das zuverlässig zu kontrollieren." Natürlich dürfe es nur das ultimative Mittel sein. Vorher müsste alles versucht werden, um die Patienten dazu zu bewegen, die verschriebenen Medikamente aus eigener Motivation zu nehmen - und nicht nur deshalb, weil der Arzt sonst merkt, dass sie sie nicht genommen haben.

Zwar gibt es bereits andere Kontrollmechanismen, doch die sind nicht immer zuverlässig. "Man kann einen Farbstoff in Medikamente mischen, der den Urin verfärbt", sagt Meier-Abt. "Das hat sich aber nicht bewährt." Zu eklig, zu befremdlich. Eher verwendet werden heute intelligente Tablettenboxen, die ähnlich wie die digitale Pille funktionieren, nur eine Stufe früher angreifen: Wurde der Deckel geöffnet und eine Tablette entnommen, sendet die Pillenbox ein Signal ab, das ebenfalls über das Mobiltelefon beim Arzt ankommt. "Dabei weiß allerdings niemand, ob der Patient die Tablette wirklich geschluckt hat", sagt Meier-Abt.

Dieses Problem könnte es aber auch bei der digitalen Pille geben: "Der Patient könnte seinem Hund das Pflaster aufkleben und ihn danach die Tablette schlucken lassen", sagt Daniel Grandt, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Klinikum Saarbrücken und im Vorstand der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. "Man könnte auch einfach versuchen, die Pille in einem Glas Cola aufzulösen."

U-Boote in der Blutbahn

Aber darum geht es laut Grandt gar nicht. "Dieses Hilfsmittel setzt falsch und viel zu spät an", sagt er. Denn wenn Patienten ihre Medikamente nicht nehmen, liegt das Problem seiner Auffassung zufolge bereits einen Schritt vorher: "Der Arzneimittelhersteller sagt heute über sein Medikament: Wirkt doch. Und der Arzt: Ich habe das richtige Medikament verordnet", sagt Grandt. "Aber das reicht noch nicht, der Patient muss die Arznei auch nehmen wollen." Und dazu müsse der Arzt ihm erklären, wofür sie gut ist. "Der Mediziner muss gegebenenfalls auf Ängste eingehen", so Grandt. Eine Überwachungsmethode wie die digitale Pille sei hingegen der falsche Weg - und mit dem Prinzip vom mündigen Patienten nur schlecht vereinbar. "Die moderne Medizin geht von einem autonomen Patienten aus, der das Recht hat, frei zu entscheiden", meint Grandt.

Der Hersteller, das US-Unternehmen Proteus Digital Health, will sich besonders auf Arzneimittel konzentrieren, die regelmäßig über einen längeren Zeitraum eingenommen werden müssen, Tuberkulosemedikamente etwa, oder Pillen zur Behandlung von Diabetes.

Wissenschaftler wie Eric Topol, Direktor des Scripps Translationals Science Institute in Kalifornien, sehen die digitale Pille indes als Vorboten einer ganz neuen Medizin. Ihm zufolge arbeiten in Pharma- und Medizintechnikunternehmen weltweit Forscher längst an implantierbaren Chips, die die elektrischen Erregungsbahnen des menschlichen Herzens messen und je nach Bedarf automatisch Medikamente verabreichen sollen. Und an noch leistungsstärkeren, mobilen Gebilden, die in den Blutbahnen des Menschen Informationen sammeln oder gar Bilder machen könnten - wie winzige U-Boote.



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insgesamt 16 Beiträge
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Otoshi 20.08.2012
1. Vorteil fuer Krankenkassen?
Nur dann bezahlen, wenn der Patient das Medikament wirklich nimmt, ansonsten muss der Patient das slbst bezahlen. Klingt verlockend und wuerde die Gesundheitskosten sicherlich signifikant senken. Nachteil: totale Kontrolle oder staatlicher Zwang, eine Pille nehmen zu muessen, um z.B. leistungen beziehen zu duerfen - schoene neue Welt 2.0
mr.nicegay 20.08.2012
2.
vor allem wenn wir auf der Erde zu viele werden kann man uns schneller ausknipsen als mit AIDS oder Vogelgrippe
malanda 20.08.2012
3. Verhaften und einsperren
Zitat von sysopProteus Digital HealthTechnologie zum Schlucken: Die US-Arzneimittelbehörde hat eine digitale Pille zugelassen, die Funksignale aus dem Magen aufs Smartphone schickt. Ärzte können so besser kontrollieren, ob man seine Medikamente wirklich nimmt. Kritiker fürchten eine Entmündigung des Patienten. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,850402,00.html
... der Wunschtraum jeder Diktatur. Jeder Mensch muss für sich selber entscheiden können, wofür oder wogegen er sich behandeln lassen will. Es ist nicht zu fassen. Vergleiche übrigens auch das Urteil vom Bundesgerichtshof am 20.06.12 - Verbot der Zwangsbehandlung
spiegelhannes 20.08.2012
4. Pharmakratie auf dem Vormarsch
Man muss heute schon weit weg von der "Zivilisation" ziehen, um noch als über sich selbst bestimmender Mensch leben zu können. Schon heute werden ungezählte Menschen gezwungen, in der ambulanten Psychiatrie Psychopharmaka zu nehmen, die sie zu Zombies machen und deren regelmässige Einnahme per Blut- oder Urinprobe kontrolliert wird. Wenn der Messwert der Psychopharmakakonzentration unter der festgelegten Dosis liegt, droht dem Patienten Einweisung in die geschlossene Psychiatrie und dortselbst noch härtere Methoden der Unterwerfung und psychischen Vernichtung, z.B. Elektroschocks. Die Psychiatrie wird mit solchen Kontrollmöglichkeiten zu einem noch stärkeren bewaffneten Arm des Staates. Absolute Macht korrumpiert absolut und derlei Pillen bahnen den Weg dorthin. Prost Mahlzeit...
Bin_der_Neue 20.08.2012
5.
Zitat von malanda... der Wunschtraum jeder Diktatur. Jeder Mensch muss für sich selber entscheiden können, wofür oder wogegen er sich behandeln lassen will. Es ist nicht zu fassen. Vergleiche übrigens auch das Urteil vom Bundesgerichtshof am 20.06.12 - Verbot der Zwangsbehandlung
Richtig. Jeder soll für sich entscheiden. Aber dann auch ganz oder gar nicht. Wenn ich zum Arzt gehe, damit Kosten im Gesundheitssystem verursache, dann aber die verordneten Medikamente nicht nehme, dann darf ich mich auch nicht beschweren, wenn ich die Zeche selber zahlen muss. Schlimm genug, dass es überhaupt soweit gekommen ist, über solche Erfindungen nachdenken zu müssen (aus medizinischer Sicht, politischer bzw. diktatorischer Mißbrauch steht auf einem ganz anderen Blatt).
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