Test zur geistigen Gesundheit Trump kann Löwe und Nashorn benennen

Trumps Arzt hat nach einem kurzen Test verkündet: "Der Präsident ist geistig sehr klar." Weiß man jetzt tatsächlich mehr über seine mentale Gesundheit?

US-Präsident Donald Trump
AFP

US-Präsident Donald Trump

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Es ist wie so oft bei Aussagen von Trump: heute hü und morgen hott. Hieß es im Vorfeld des Gesundheitschecks des US-Präsidenten noch, eine Untersuchung seiner geistigen Fähigkeiten gehöre nicht zum Programm, verkündete sein Arzt am Dienstag: "Der Präsident ist geistig sehr klar."

Trump selbst hatte offenbar darauf bestanden, dass sein Leibarzt Ronny Jackson seine Geisteskraft untersucht. Damit wollte er den Kritikern, die immer wieder an seiner mentalen Fitness zweifeln, etwas entgegenhalten.

Doch allein diese Vorgehensweise birgt schon ein Problem: Denn wer nichts ankündigt, gerät auch nicht in den Verdacht, etwas zu verschweigen. Die Fragen liegen nahe: Wären die Ergebnisse auch dann verkündet worden, wenn Trump schlechter abgeschnitten hätte? Und hat der Druck, den Trump schon im Vorfeld der Untersuchung aufgebaut hatte - Zitat: "Es sollte auch gut verlaufen, sonst wird die Börse nicht glücklich sein" - seinen Arzt möglicherweise beeinflusst?

Orangen und Bananen sind Früchte

Aber nun zum Test an sich, der Jackson immerhin die Aussage entlockt hat: "Ich habe keinerlei Bedenken, was seine geistigen Fähigkeiten anbelangt." Der Notfallmediziner und Konteradmiral, der auch schon Obama medizinisch betreut hatte und von diesem sehr geschätzt wurde, hatte laut Protokoll zunächst Hirnnerven, Reflexe, Gleichgewicht, Kraft und Sensibilität geprüft. Zur Einschätzung der kognitiven Fähigkeiten hatte er den sogenannten Moca-Test (Montreal Cognitive Assessment) verwendet. Der besteht aus acht Unterbereichen, in denen es um Kurzzeitgedächtnis, zeitliche Orientierung, Abstraktion und Aufmerksamkeit geht.

Konkret musste Trump etwa gezeichnete Tiere wie einen Löwen, ein Nashorn und ein Kamel benennen, sich fünf Wörter fünf Minuten lang merken, die Gemeinsamkeit von Orange und Banane finden und Datum, Wochentag und Ort nennen. Auch sollte er eine Uhr zeichnen, auf der es zehn Minuten nach elf ist. Der Test dauert insgesamt etwa zehn Minuten.

Montreal Cognitive Assessment
mocatest.org/ Z. Nasreddine

Montreal Cognitive Assessment

Mentale Leistungsfähigkeit nicht ermittelt

Von den 30 Punkten, die es in diesem Test zu holen gibt, hat Trump 30 erreicht. Besser geht es nicht. Aber beweist das Ergebnis tatsächlich, dass er geistig gesund ist? Ist eine Demenz, die dem US-Präsidenten wiederholt nachgesagt wurde, nun ausgeschlossen?

Die Cochrane-Collaboration, eine Vereinigung von Wissenschaftlern, die systematische Übersichtsarbeiten zu belastbaren und aussagekräftigen Studien erstellt, kommt auf der Basis von sieben unterschiedlichen Untersuchungen zu dem Schluss: Der Moca-Test erkennt eine Demenz wahrscheinlich dann gut, wenn die Betroffenen weniger als 26 Punkte erreichen. Damit erscheint diese neurologisch-psychiatrische Erkrankung eher unwahrscheinlich.

Aber alles andere? Der kanadische Psychiater Kenneth Shulman schreibt in einem Aufsatz: "Die standardisierten kognitiven Screeningtests sind nur ein Teil der Untersuchung des gesamten kognitiven und mentalen Status. Sie sind weder gleichzusetzen mit einer Diagnose noch mit der Erkennung von mentaler Leistungsfähigkeit."

Video: Donald Trump besteht Gesundheitscheck

Besorgte Psychiater brechen mit Berufsethos

Eine generelle und tiefgründige Einschätzung der psychischen Gesundheit des US-Präsidenten ist anhand der erfolgten Untersuchungen demnach nicht möglich. Der Raum für Spekulationen, den Trump so gern einengen wollte, bleibt damit nahezu unbenommen.

Zwar sind Ferndiagnosen über den Geisteszustand unter Psychiatern eigentlich verpönt. Dazu kommt eine ethische Verpflichtung, sich nicht ohne deren Einverständnis über Menschen des öffentlichen Lebens zu äußern. In Bezug auf Donald Trump aber haben schon einige Experten mit diesen Grundsätzen gebrochen - aus Sorge darüber, was er als Präsident anrichten kann.

"Wenn wir als Psychiater von der besonderen Gefahr wissen, die von Trump ausgeht, und darüber nicht sprechen, wird die Geschichte nicht gut über uns urteilen", sagte der US-Psychologe John Gartner. Er gehört zu 27 teils höchst renommierten Fachleuten, die in dem Band "The Dangerous Case of Donald Trump" ein Bild von Trumps Persönlichkeit zeichnen - und zu besorgniserregenden Ferndiagnosen kommen.

Narzisstisch? Dissozial? Paranoid?

Viele von ihnen sehen Anzeichen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Bei dieser kommen ein übertrieben dargestelltes Selbstbewusstsein und fehlende Empathie zusammen. Narzissten sind arrogant, eitel und wollen stets bewundert werden. Die Gefühle anderer sind ihnen dagegen egal. Wenn es ihren Zielen dient, lügen und manipulieren sie. Unter der Fassade ist das Selbstbewusstsein von Narzissten jedoch gering, sie können nicht mit Kritik umgehen und sind oft neidisch auf andere.

Auch eine dissoziale (oder antisoziale) Persönlichkeitsstörung wollen einige Psychiater bei Trump erkannt haben. Diese zeigt sich unter anderem im ständigen Brechen von Regeln: lügen, betrügen, stehlen, Gewalt anwenden - das machen Betroffene, um ihre Ziele zu erreichen. Auch hier mangelt es an Empathie, wobei die Gefühle anderer durchaus erkannt und gedeutet werden, um sie zum eigenen Vorteil zu nutzen. Haben sie jemandem geschadet, zeigen Betroffene keine Reue. Menschen mit dissozialer Persönlichkeitsstörung sind impulsiv, verantwortungslos, leicht reizbar und schnell frustriert.

Einige Fachleute vermuten einen bösartigen Narzissmus - im Grunde genommen eine Kombination von narzisstischer und dissozialer Störung. Ein Experte sieht Trumps Mangel an Vertrauen gegenüber anderen am Rande einer Paranoia, ein anderer glaubt gar an eine wahnhafte Störung.

Ist Trump gewachsen?

Jenseits der Vermutungen zu seiner psychischen Gesundheit bleiben die harten Zahlen aus dem Gesundheitsbericht. Allerdings fällt auch hier ein Widerspruch auf: Der Untersuchung zufolge hat Donald Trump mit 190,5 Zentimetern und 108,4 Kilogramm genau einen Body-Mass-Index (BMI) von 29,9. Damit steht er ganz knapp an der Grenze zur Fettleibigkeit, die bei einem BMI von 30 beginnt.

In seinem Führerschein von 2012 ist dokumentiert, dass Trump 188 Zentimeter groß ist. Welche Zahl stimmt, lässt sich von außen nicht sagen. Mit dieser Größe allerdings hätte der US-Präsident einen BMI von 30,6 - und wäre fettleibig.



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