Ein rätselhafter Patient Ein Schluck zu viel

Ganz plötzlich wird einer Frau auf dem Rückweg von einer Party schlecht. Alkohol ist nicht der Grund, aber ein anderes Getränk hat Prozesse in ihrem Körper verändert - mit lebensbedrohlichen Folgen.

Longdrinks an der Bar
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Longdrinks an der Bar

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Eine junge Frau hat abends mit ihren Kollegen gefeiert und will nach Hause. Sie fährt mit dem Auto, denn sie hat kaum Alkohol getrunken. Urplötzlich, "wie nach einem Blitzschlag", sagt sie, beginnt sie zu frieren und zu zittern. Ihr wird übel, der Bauch krampft sich zusammen, Schwindel überkommt sie.

Zu Hause schafft es die 35-Jährige kaum noch auf die Toilette. Der Durchfall ist nicht kontrollierbar, sie übergibt sich mehrfach, hat Bauch- und Rückenschmerzen und misst eine Temperatur von 38,9 Grad Celsius.

Als sie am nächsten Tag in die Notaufnahme fährt, geht es ihr etwas besser. Von den heftigen Beschwerden sind nur die Rücken- und Bauchschmerzen geblieben - und die Angst, dass nach den explosionsartig aufgetretenen Symptomen etwas in ihrem Körper grundsätzlich falsch läuft.

Blutwerte landen ungeprüft in der Schublade

Den Ärzten fällt bei der Untersuchung auf, dass die Bauchdecke der Patientin leicht gespannt ist. Zudem ist die Zahl der weißen Blutkörperchen erhöht, was für eine Infektion spricht, und die Frau hat etwas zu wenige Blutplättchen. Die Mediziner nehmen an, dass sie an einem gewöhnlichen Magen-Darm-Infekt leidet und entlassen sie nach Hause. In den nächsten Tagen solle sie zum Hausarzt gehen, so ihre Empfehlung.

Doch die Ärzte in der Rettungsstelle übersehen Blutwerte, wie James George von der University of Oklahoma Health Sciences Center und Kollegenim "New England Journal of Medicine" berichten: Noch während die Frau in der Notaufnahme sitzt, werden verschiedene Befunde in ihre Akte sortiert, ohne dass die Ärzte sie sehen.

Dabei hätten die Analysen die Alarmglocken klingeln lassen müssen: Der Nierenwert Kreatinin ist deutlich erhöht, ebenso wie der bestimmter Leberenzyme. Die Veränderungen weisen auf eine akute Nierenschädigung oder eine Leberentzündung hin. In jedem Fall sind sie bei einer zuvor gesunden Frau besorgniserregend und müssen abgeklärt werden.

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Die Patientin kommt zwei Tage später wieder in die Notaufnahme. Sie kann seit der Partynacht kein Wasser mehr lassen. Ihr Blutdruck ist erhöht, und sie hat weiterhin Rückenschmerzen. Die Ärzte nehmen ihr erneut Blut ab und sehen erstmals auch die pathologischen, zwei Tage alten Werte.

Während die Entzündungszeichen jetzt zurückgehen, ist die Zahl der Blutplättchen (Thrombozyten) weiter abgefallen, die Nieren- und Leberwerte haben sich verschlechtert. Und die Patientin hat eine leichte Anämie, also zu wenig rote Blutkörperchen.

Kein Alkohol, keine Drogen

Die Patientin muss im Krankenhaus bleiben. Dort befragen sie die Stationsärzte nun ausführlich. Sie berichtet von leichtem Asthma, das sie medikamentös behandelt und von unregelmäßig auftretenden Kopfschmerzen, gegen die sie jeweils Schmerzmittel einnimmt. Sie trinke kaum Alkohol, nehme keine weiteren Medikamente oder Kräuterarzneien zu sich, ebenso auch keine Drogen. Ansonsten war sie immer gesund und auch in ihrer Familie gibt es keine bekannten Erbkrankheiten.

Weder in einer Stuhlprobe noch auf CT-Aufnahmen des Bauches finden die Mediziner Auffälligkeiten. Aber die Zahl der Thrombozyten fällt weiterhin rapide ab, ebenso die Menge der roten Blutkörperchen. Bei weiteren Untersuchungen zeigt sich, dass zahlreiche der roten Blutkörperchen zerfallen sind und es eine Vielzahl von großen, neu heranreifenden roten Blutkörperchen gibt. Damit steht fest, dass im Blut der Frau eine sogenannte Hämolyse stattfindet, also rote Blutkörperchen kaputtgehen.

Wegen der schlechten Nierenwerte, muss die Patientin an die Dialyse. Die Ärzte gehen davon aus, dass sich in den kleinsten Gefäßen der Patientin Blutgerinnsel bilden. Diese sind vermutlich für die Schäden in Niere und Leber verantwortlich. Gleichzeitig besteht die Gefahr von Blutungen, weil die Blutplättchen schneller verbraucht als nachgebildet werden.

Was die lebensbedrohlichen Prozesse ausgelöst hat, wissen die Ärzte allerdings noch nicht. Weil die Beschwerden so urplötzlich aufgetreten sind, vermuten sie aber, dass es sich um eine heftige Reaktion des Immunsystems gehandelt haben muss.

Tonic Water unter Verdacht

Die Mediziner haben eine Idee: Sie fragen die Patientin, ob sie einen Gin-Tonic getrunken habe. In Tonic Water steckt Chinin, das etwa zur Behandlung der Malaria tropica in den USA zugelassen ist. Weil es dort aber zu schweren Nebenwirkungen mit Blutbildveränderungen und zu Todesfällen im Zusammenhang mit Chinin gekommen ist, hat die US-Arzneimittelbehörde FDA wiederholt vor der Substanz gewarnt. Das ist den Ärzten bewusst.

Zunächst verneint die Patientin, erinnert sich dann aber, dass sie einen kleinen Schluck Wodka-Tonic getrunken habe. Als die Mediziner nachbohren, fällt der Frau ein weiteres Erlebnis auf einer Hochzeitsfeier 16 Monate zuvor ein. Auch auf dem Fest hatte sie Wodka-Tonic getrunken und danach erstmals Schüttelfrost, Fieber und Kopf- und Nackenschmerzen bekommen, verbunden mit Erbrechen. Eine Diagnose war nicht gestellt worden, aber schon damals waren die Nierenwerte erhöht gewesen, hatten sich aber nach sechs Monaten wieder normalisiert.

Im Blut können die Ärzte nun gezielt suchen. Sie finden Antikörper, die durch Chinin aktiviert werden können. Diese richten sich gegen Thrombozyten und bestimmte weiße Blutkörperchen. Damit haben sie die Diagnose.

Im Körper der Frau haben die Antikörper ausgelöst, was Ärzte eine TMA nennen, eine thrombotische Mikroangiopathie. Dabei handelt es sich um eine Erkrankung der kleinsten Blutgefäße mit Gefäßverschlüssen durch Blutpfropfen. Bei der Ehec-Infektionswelle hatte es eine Reihe Infizierter gegeben, die unter einer Sonderform der TMA litten.

Nie wieder Wodka Tonic

Eine ursächliche Therapie gibt es im Jahr 2009, als die Patientin erkrankt, noch nicht. Erst seit 2011 ist in den USA ein Antikörper zugelassen, der die krankmachenden Prozesse im Immunsystem stoppen kann. Die Patientin wird dialysiert und überwacht. Nach der akuten Phase darf die Frau nach Hause gehen.

Sie braucht noch zwei Monate lang regelmäßig Dialysen, dann arbeiten ihre Organe wieder selbstständig, wenn auch eingeschränkt - ein chronisches Nierenversagen ist zurückgeblieben. Und sie hat manchmal das Gefühl, mit ihrem Kopf nicht mehr so schnell zu sein wie früher. Sie müsse manchmal mitten im Satz anhalten und "auf ihr Gehirn warten, dass es nachkommt", erzählt sie den Ärzten.

In neuropsychologischen Tests finden die Mediziner zwar kleine Auffälligkeiten. Ihren Beruf als Geschäftsführerin einer kleinen Marketingfirma kann sie aber ungehindert weiterführen.

Nur eines wird sie nie wieder tun: Wodka Tonic trinken.



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widower+2 22.01.2017
1. Interessant
Aber im Artikel fehlen mir doch einige Informationen. Woran liegt es, dass Tonic bei dieser Patientin so heftige Reaktionen auslöst und kann das jedem passieren? Oder bedarf es dazu einer bestimmten genetischen Disposition? Darf ich weiterhin gelegentlich und unbesorgt Gin Tonic trinken, da die ersten 100 oder so in meinem Leben keine Symptome ausgelöst haben, oder könnte der 101. mir zum Verhängnis werden?
Iyanga 22.01.2017
2.
Zitat von widower+2Aber im Artikel fehlen mir doch einige Informationen. Woran liegt es, dass Tonic bei dieser Patientin so heftige Reaktionen auslöst und kann das jedem passieren? Oder bedarf es dazu einer bestimmten genetischen Disposition? Darf ich weiterhin gelegentlich und unbesorgt Gin Tonic trinken, da die ersten 100 oder so in meinem Leben keine Symptome ausgelöst haben, oder könnte der 101. mir zum Verhängnis werden?
Bei Allergien handelt es sich um erworbene krankhafte Reaktionen, wobei Gene eine entsprechende Veranlagung aufzeigen bzw. die Wahrscheinlichkeit erhöhen. Des Weiteren tritt bei Allergien keine Sofortreaktion auf, sondern dass Immunsystem reagiert erst bei wiederholtem Kontakt - dass der Körper schon beim 1. Gin Tonic nicht besonders glücklich auf das Allergen war, merkt man mangels Symptome halt einfach nicht. Insofern muss man sagen: Ja, vielleicht ist gerade der 101. Gin Tonic derjenige, ab dem das Immunsystem sagt:"So , jetzt ist aber endlich genug, verpiss dich aus meinem Haus." Man kann sich nur umgekehrt sicher sein: Wenn man beim 101. Gin Tonic eine allergische Reaktion hatte, dann wird es beim 102. nicht ausbleiben, das Gedächtnis des Immunsystems wie zu reagieren ist, bleibt Jahrzehnte erhalten. Das eigentliche Problem ist, auch wenn es nur verkürzt war, die unzureichende Analyse der Daten - sprich:"medizinischer Flüchtigkeitsfehler". Der Schaden ist also eher zu 80% durch das Gesundheitssystem entstanden. Dagegen kann man sich kaum schützen.
widower+2 22.01.2017
3. Allergie
Zitat von IyangaBei Allergien handelt es sich um erworbene krankhafte Reaktionen, wobei Gene eine entsprechende Veranlagung aufzeigen bzw. die Wahrscheinlichkeit erhöhen. Des Weiteren tritt bei Allergien keine Sofortreaktion auf, sondern dass Immunsystem reagiert erst bei wiederholtem Kontakt - dass der Körper schon beim 1. Gin Tonic nicht besonders glücklich auf das Allergen war, merkt man mangels Symptome halt einfach nicht. Insofern muss man sagen: Ja, vielleicht ist gerade der 101. Gin Tonic derjenige, ab dem das Immunsystem sagt:"So , jetzt ist aber endlich genug, verpiss dich aus meinem Haus." Man kann sich nur umgekehrt sicher sein: Wenn man beim 101. Gin Tonic eine allergische Reaktion hatte, dann wird es beim 102. nicht ausbleiben, das Gedächtnis des Immunsystems wie zu reagieren ist, bleibt Jahrzehnte erhalten. Das eigentliche Problem ist, auch wenn es nur verkürzt war, die unzureichende Analyse der Daten - sprich:"medizinischer Flüchtigkeitsfehler". Der Schaden ist also eher zu 80% durch das Gesundheitssystem entstanden. Dagegen kann man sich kaum schützen.
Der Begriff "Allergie" kommt im Artikel überhaupt nicht vor, wodurch es für medizinische Laien schwierig ist, in diesem Fall auf eine Allergie zu schließen, obwohl es sich wohl um eine Art Allergie handelt. Und das finde ich fahrlässig! In einem medizinischen Fachjournal kann man den Artikel in der vorliegenden Form natürlich publizieren, in diesem Rahmen (SPON) kann er aber zu erheblicher Verunsicherung führen. Ich möchte Ihnen auf jeden Fall ausdrücklich für Ihre Erklärungen danken, die im Artikel völlig fehlen.
permissiveactionlink 22.01.2017
4. Thrombotische Mikroangiopathie
Ist das nicht eher als eine Autoimmunkrankheit zu sehen ? Bei Allergien, etwa gegen Bienengift, kommt es zu einer verstäkten Histaminausschüttung und einer damit einhergehenden Überreaktion des Immunsystems gegen das Antigen, also das Bienentoxin. Dadurch kann sogar ein lebensbedrohender Schockzustand ("anaphylaktischen Schock") eintreten. Hier jedoch richtet sich die Reaktion des Immunsystems nicht gegen das Antigen, also das Chinin, sondern gegen körpereigene Zellen des Immunsystems (spezielle Lymphozyten und Thrombozyten). Diese Autoimmunreaktion ist für gewöhnlich unterdrückt. Offenbar wird sie erst durch die Anwesenheit des Chinins überhaupt aktiviert. Es entzieht sich allerdings meiner Kenntnis, über welchen Weg genau diese Aktivierung erfolgt, und warum nicht noch andere Autoimmunreaktionen im Körper durch Chinin "scharfgemacht" werden. Ich halte es für ausgeschlossen, dass das Chinin an den Antigenerkennenden Bereichen des Antikörpers so bindet, dass der Antikörper seine Zielgruppen überhaupt erst zu erkennen vermag.
torro70 22.01.2017
5.
Der Hinweis auf Chinin wird nur unzureichend ausformuliert. Was hat das jetzt für Konsequenzen? So bleibt der Artikel belanglos.
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