Gefährlicher Durchfall Noroviren verursachen fast ein Fünftel aller Magen-Darm-Infekte

Durchfallerkrankungen sind nicht bloß lästig, sie fordern pro Jahr fast 1,5 Millionen Todesopfer, schätzen Experten. Jetzt haben Wissenschaftler ermittelt, welchen Anteil daran das Norovirus hat.

Norovirus in der Blutbahn (Illustration): Weit verbreiteter Erreger
Corbis

Norovirus in der Blutbahn (Illustration): Weit verbreiteter Erreger


In Deutschland wird über Noroviren vor allem dann gesprochen, wenn Touristen auf einem Kreuzfahrtschiff oder in einem Hotel in großer Zahl an Brechdurchfall leiden. Doch die Krankheitserreger sind ein viel gravierenderes Problem. Bei rund 18 Prozent aller akuten Durchfallerkrankungen finden sich beim Betroffenen Noroviren, berichtet ein internationales Forscherteam im Fachblatt "Lancet Infectious Diseases".

Pro Jahr sterben geschätzt 1,45 Millionen Menschen an den Folgen einer Magen-Darm-Infektion, schreiben die Forscher um Benjamin Lopman von der US-Gesundheitsbehörde CDC. Wegen des Verlusts von Flüssigkeit und Elektrolyten kann ein starker Brechdurchfall vor allem für Kleinkinder, aber auch für ältere Menschen und chronisch Kranke sehr gefährlich sein, erklärte kürzlich Ernst Tabori vom Deutschen Beratungszentrum für Hygiene im SPIEGEL-ONLINE-Interivew.

Verunreinigte Lebensmittel, kontaminierte Oberflächen

Insbesondere in den Entwicklungsländern können Infektionen mit Noroviren oder anderen Durchfall verursachenden Erregern wie Rotaviren, tödlich enden. Experten schätzen, dass in Afrika und Südostasien jeder vierte Todesfall bei unter Fünfjährigen auf eine solche Erkrankung zurückgeht. Um dem Krankheitsbild entgegenzuwirken, ist es wichtig zu wissen, welche Erreger wie häufig vorkommen.

"Noroviren verbreiten sich von Mensch zu Mensch über verunreinigtes Essen oder Wasser oder durch den Kontakt mit kontaminierten Oberflächen", sagt Lopman. "Das Virus ist so ansteckend, dass manchmal schon 18 Viren reichen, damit sich ein gesunder Mensch ansteckt - und in einem Gramm Stuhl eines Infizierten können sich mehr als eine Milliarde Viren befinden." Eine Schutzimpfung gegen das Norovirus, wie sie bereits gegen Rotaviren existiert, gibt es bislang nicht.

Wer hat es bezahlt?
Die Studie über Novovieren wurde von der Arbeitsgruppe der Weltgesundheitsorganisation für Lebensmittelinfektionen (FERG) sowie der niederländischen Regierung finanziert.
Die Forscher haben 175 Studien ausgewertet, in denen Wissenschaftler über den Anteil an Norovirus-Infektionen bei Durchfallerkrankungen berichtet hatten und die zwischen 1990 und 2014 erschienen waren. Die Daten stammen aus 48 Ländern und enthalten mehr als 187.000 Fälle. Damit ist die Analyse von Lopman und Kollegen deutlich umfassender als eine vor fünf Jahren veröffentlichte, ähnliche Studie. Die Daten aus Afrika seien jedoch immer noch sehr spärlich, beklagt das Forscherteam.

Infiziert, aber nicht erkrankt

Ihrer Analyse zufolge finden sich Noroviren, unabhängig von der Altersgruppe, bei rund 18 Prozent der akut an Durchfall Erkrankten. In den Industrienationen sind die Erreger etwas häufiger bei den Betroffenen nachzuweisen, in Entwicklungsländern mit 14 Prozent seltener. Das liege jedoch nicht daran, dass die Viren dort nicht so oft vorkommen, schreibt das Team. Vielmehr seien dort zahlreiche andere Krankheitserreger, die Durchfall verursachen, stärker verbreitet.

In einigen der ausgewerteten Studien wurden auch gesunde Menschen als Kontrollgruppe untersucht - bei rund sieben Prozent wiesen Forscher ebenfalls Noroviren im Stuhl nach.

Lopman und Kollegen nennen drei mögliche Ursachen dafür:

  • Es liegt eine echte Noroviren-Infektion vor, die aber ohne Symptome verläuft.
  • Die positiv Getesteten hatten vor einer Weile eine Norovirus-Infektion mit den typischen Symptomen und geben in deren Folge immer noch Viren ab.
  • Die positiv Getesteten haben Viruspartikel mit der Nahrung aufgenommen, die sich nicht vermehren können und daher schlicht durch den Verdauungstrakt wandern, bis sie wieder ausgeschieden werden.

Ein weiteres Ergebnis: Noroviren fanden sich häufiger bei Erkrankten, die zuhause oder ambulant behandelt werden konnten und seltener bei jenen, die wegen des Brechdurchfalls in eine Klinik mussten. Sie sind demnach öfter für vergleichsweise milde - wenn auch extrem unangenehme - Infektionen verantwortlich. Gefährlich ist der Erreger dennoch, allein wegen der schieren Masse an Infektionen weltweit.

Norovirus: "Der perfekte Erreger"

wbr



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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
analyse 27.06.2014
1. Wurde kein Impfstoff entwickelt ? Oder lohnt sich eine
Impfung nicht ?
der.tommy 27.06.2014
2.
Dass es keine Impfung gibt kann sehr viele gründe haben. Mutationsrate, Anzahl der erregerstämme, unzureichende immunantwort selbst wenn man impft, variable oberflächenmerkmale des Virus (Antigene),..... Es ist nicht immer eine Frage des Profits.
mijaps 27.06.2014
3. Kein Wunder
Keine Verkäuferin der zigtausend Backshops trägt Handschuhe, keine Küchenhilfe der zigtausend Restaurants trägt Handschuhe, Hygiene NULL an allen Orten. Gesundheitszeugnisse werden nicht verlangt, jeder Mensch kann ohne jede Beachtung irgendeiner Hygienevorschrift mit Lebensmitteln hantieren. Wer soll sich da noch wundern, wenn so ein Ding wie dieses Norovirus seit Jahren seine Opfer findet.....
diplpig 27.06.2014
4. Zahle jeden Preis für eine Impfung ...
... weil ich regelmäßig betroffen bin. Foristen, die auf die unzureichende Hygiene schimpfen sollten bedenken, dass der Noro-Virus vor 30 Jahren kaum bekannt war und die Hygiene damals auch nicht besser. Es gibt auch Menschen, die gegen Noro immun sind.
firenafirena 27.06.2014
5. Impfstoff in Erprobung
Es gibt Bestrebungen, einen Impfstoff zu entwickeln. Problematisch ist jedoch, dass die Viren ihre Oberfläche ständig verändern, wodurch das Immunsystem es jedes Mal mit einem vermeindlich "neuen" Erreger zu tun hat. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass ein Impfstoff jedes Jahr neu angepasst werden müsste (wie bei der Grippe); es sein denn, man kann eine Variante entwickeln, die sich gegen die immer vorhandenen Strukturen auf den Viren richtet. Alles nicht so einfach...
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