Rotaviren Das bereitet Kindern gerade Bauchweh

Das Rotavirus ist weltweit die häufigste Ursache für Durchfall im Kindesalter. Bedrohlich wird die Infektion aber erst, wenn der Wasserverlust zu groß ist. Zwei einfache Maßnahmen schützen.

Äußerst ansteckende Rotaviren
DPA/ CDC

Äußerst ansteckende Rotaviren

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Durchfall, Fieber, Tränen, Bauchschmerzen? Das kommt Ihnen bekannt vor bei Ihrem Kind? Kein Wunder, denn das Immunsystem von Kindern ist noch anfällig, und zahlreiche Erreger können Magen und Darm krank machen. Der weltweit häufigste unter ihnen: das Rotavirus.

Wie die zahllosen Schnief- und Husteninfekte gehört auch das Rotavirus zum Trainingsprogramm unseres Immunsystems. "Bis zum Alter von zwei bis drei Jahren haben fast alle Kinder mindestens eine Rotavirus-Infektion gehabt", sagt Judith Koch aus dem Fachgebiet Impfprävention des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin. "Mit jeder Infektion stärken sie ihre Abwehr gegen eine weitere."

Am häufigsten infiziert man sich im Winter und Frühjahr, die meisten Fälle gibt es von Februar bis April. Der starke Durchfall dauert dabei mitunter bis zu einer Woche an und kommt mit Husten und Fieber daher. Hoch ansteckend ist der Erreger auch: Nur wenige Viruspartikel genügen, um sich zu infizieren. Und die Viren überdauern Stunden oder sogar Tage auf Spielzeug und Wickelablagen. Allerdings fehlt ihnen im Vergleich zum Norovirus ein strategisch nützlicher Verbreitungsweg: das schwallartige Erbrechen. Schlecht für das Virus, gut für den Menschen.

Windel - Hand - Mund

Es sei eine typische "oral-fäkale Schmierinfektion", sagt Koch. Die Keime kommen dabei aus dem Darm des Kindes über den Stuhl in die Windel oder auf die Klobrille. Von dort gelangen sie über die Hände der Kinder oder Eltern in den Mund und dann wieder im Darm: Schon ist der Nächste infiziert - ein gut funktionierender Ansteckungs-Kreislauf.

Wer sich nach dem Wickeln oder dem Toilettenbesuch ordentlich die Hände mit Seife wäscht, hat daher schon viel getan. Vor allem die Kleinen aber, die alles anfassen und in den Mund stecken, sind leichte Opfer für den Erreger und damit auch seine Hauptverbreitungsquelle.

Serie Infektionskrankheiten
In loser Reihenfolge stellen wir sieben wichtige Infektionskrankheiten vor. Darunter drei der häufigsten Durchfallerkrankungen (ausgelöst durch Salmonellen, Noroviren und Rotaviren), außerdem die Grippe, die Masern, die durch Zecken übertragene Frühsommermeningitis (FSME) und eine eher unbekannte Infektion mit einem ungewöhnlichen Übertragungsweg: die Hantaviruserkrankung, die von Rötelmäusen übertragen wird.
Obwohl die Erreger selten lebensbedrohliche Erkrankungen auslösen, müssen Säuglinge und Kleinkinder wegen des enormen Wasserverlustes durch Durchfall und Erbrechen häufig doch ins Krankenhaus. "Die Rate der Kinder, die stationär behandelt werden muss, ist sehr hoch", sagt Medizinerin Koch, sie liegt teilweise bei rund 50 Prozent.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt daher seit 2013 die Schluck-Impfung für Säuglinge.Zwar trainiert eine Infektion das Immunsystem, das tut eine Impfung aber auch. Einen Nachteil haben geimpfte Kinder statistisch gesehen daher nicht - wohl aber einen Vorteil: Die Impfung kann Säuglinge und Kleinkinder vor einer schweren Infektion schützen, damit sie nicht ins Krankenhaus müssen. "Insbesondere bei den kleinen Kindern gehen die Fallzahlen von Jahr zu Jahr zurück", sagt Koch. Aber auch generell beobachten die RKI-Experten seit 2008 einen rückläufigen Trend.

Dass Wissenschaftler eine Impfung gegen das Rotavirus entwickeln konnten, hat mehrere Gründe: Im Gegensatz zum Norovirus lassen sich einige Rotavirus-Stämme gut im Labor züchten. "Das erleichtert die Impfstoffentwicklung", sagt Andreas Mas Marques aus dem Konsiliarlabor für Rotaviren am RKI. "Mögliche Impfstoffe können vorab in Zellkultursystemen produziert und überprüft werden."

Ein weiterer Vorteil bei der Impfstoffentwicklung ist, dass sich das Rotavirus nicht so stark von Jahr zu Jahr verändert wie das Norovirus. Es besteht vielmehr aus verschiedenen Partikelteilen, die sich zwar sehr unterschiedlich zusammensetzen, von denen sich einzelne aber stark ähneln. Der Impfstoff wirkt daher gegen viele dieser Virusvarianten.

"Seit geimpft wird, verschiebt sich die Saison etwas weiter nach hinten", sagt Koch. Es brauche eine gewisse Zahl an kranken Kindern, um eine Virussaison anzutreiben, vermutet die Epidemiologin. Und wenn mehr Kinder geimpft sind, dauert es eben länger, bis genug Kinder Durchfall haben, um das Virus effektiv zu verbreiten. So liegt das Saisonmaximum seit einigen Jahren erst im April.

Wie die Grafik der Altersverteilung deutlich zeigt, stecken sich vor allem Kinder unter drei Jahren mit Rotaviren an, die meisten davon sind Säuglinge und Einjährige. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen - woran das liegt, können sich die Epidemiologen nicht genau erklären. "Das ist bei ganz vielen Infektionskrankheiten so", sagt Koch, vor allem bei Magen-Darm-Infekten. "Wir können nur spekulieren, dass das Immunsystem von Jungen in dem Alter vielleicht noch nicht so gut ausgebildet ist."

In höheren Altersgruppen ändert sich das Bild wieder, dann sind mitunter die Frauen häufiger betroffen als Männer. Und während zwischen 10 und 70 Jahren nur sehr wenige Menschen an Rotavirus-Infekten erkranken, nehmen die Fälle danach wieder leicht zu. "Wir nehmen an, dass die Immunität gegen das Virus im Alter nicht mehr so gut ist", so Koch.

Seit November 2015 gehen beim RKI Meldungen über die Rotavirus-Fälle der aktuellen Saison ein. Die Anfang des Jahres gemeldeten Fälle sind laut den Experten vom RKI vergleichbar mit der Saison 2014/15. "Die vergangene Saison war von allen bisher erfassten jene mit den niedrigsten Infektionszahlen", sagt Koch. Und auch wenn sich im Infektionskarussell nie etwas sicher vorhersagen lässt, sind die Epidemiologen optimistisch, dass sich dieser Trend auch in dieser Saison fortsetzt.

Rotavirus-Erkrankungen in Deutschland


Ein Blick auf die Deutschlandkarte zeigt aber Überraschendes: In den ostdeutschen Bundesländern tauchen mehr Rotavirusfälle auf als im Westen. Das liege aber nicht daran, dass dort mehr Kinder erkranken, wissen die Experten vom RKI. "Mediziner machen dort einfach mehr Laboruntersuchungen", sagt Klaus Stark, Leiter des Fachgebiets Gastrointestinale Infektionen am RKI.

Zur Autorin
  • Tinka und Frank Dietz
    Kristin Hüttmann ist Diplom-Biologin und arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Zu ihren Schwerpunkten zählen Themen aus Medizin, Biologie, Biotechnologie, Gentechnik, Stammzell- und Pharmaforschung.



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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
hanfiey 29.03.2016
1. Wenn ich das richtig verstanden habe
Es gibt bei den älteren Menschen die nie geimpft wurden genau so viele Infektionen wie bei allen anderen und im Alter nimmt die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung zu.
phboerker 29.03.2016
2. unterschiedliche Fallzahlen
Ich vermute, dass Frauen deshalb häufiger betroffen sind, weil sie häufiger putzen, also auch wahrscheinlicher mit Erregern in Berührung kommen. Die höheren Infektionszahlen bei den Alten hat wohl auch eher mit einer anderen Einstellung zur Hygiene zu tun als mit irgendwelchen Effekten des Immunsystems. Bleiben die kleinen Jungs, für die sich auch recht leicht verhaltensbegründete Ursachen finden lassen dürften...
Frittenbude 29.03.2016
3. 2 Fragen
Zitat Artikel: "Aber auch generell beobachten die RKI-Experten seit 2008 einen rückläufigen Trend". Aus der Grafik wird das allerdings für mich nicht deutlich. Vielmehr scheint es nach einem leichten Anstieg von 2010 nach 2011 einen deutlichen Rückgang 2012 mit dann wieder einem sehr starken Anstieg 2013 gegeben zu haben, 2014 deutlicher Rückgang, 2015 wieder leichter Anstieg. Also hin und her, ein allgemein rückläufiger Trend ist durch diese Zahlen nicht gedeckt. Hinzu kommt: Wann wird eine Rotavirus-Infektion denn überhaupt mal gemeldet? Falls überhaupt ein Arztbesuch stattfindet und der Durchfall nicht einfach daheim ausgesessen wird, findet doch in der Regel aus Kostengründen gar keine entsprechende (Labor-)Diagnostik statt, sondern vermutlich nur in gravierenden Fällen
cindy2009 29.03.2016
4. Was haben Sie für Kinder?
Zitat von phboerkerIch vermute, dass Frauen deshalb häufiger betroffen sind, weil sie häufiger putzen, also auch wahrscheinlicher mit Erregern in Berührung kommen. Die höheren Infektionszahlen bei den Alten hat wohl auch eher mit einer anderen Einstellung zur Hygiene zu tun als mit irgendwelchen Effekten des Immunsystems. Bleiben die kleinen Jungs, für die sich auch recht leicht verhaltensbegründete Ursachen finden lassen dürften...
Respekt, dass in dem Alter "Frauen" schon putzen: "[...]Wie die Grafik der Altersverteilung deutlich zeigt, stecken sich vor allem Kinder unter drei Jahren mit Rotaviren an, die meisten davon sind Säuglinge und Einjährige. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen - woran das liegt, können sich die Epidemiologen nicht genau erklären.[...]"
phboerker 29.03.2016
5. @cindy2009
Witzig gemeint ist das Gegenteil von witzig. Gucken Sie sich die Fallzahlen an, dann werden Sie sehen, dass in fast allen Altersklassen Frauen mehr Infektionen aufweisen als Männer. Erst ältere Männer liegen wieder vorne. Das hätten Sie natürlich verstehen können, wenn Sie das Wort "Frauen" in meinem Beitrag nikcht ignoriert hätten, was sich wohl kaum auf Kleinkinder anwenden lässt.
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