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Ebola-Epidemie: Regierung verweigert Gelder für Kinderklinik in Sierra Leone

Von Andreas Dieste

Isolierstation Freetown: Schnelle Hilfe im Kampf gegen Ebola Fotos
AFP

Die Bundesregierung hat spät auf die Ebola-Krise reagiert und wurde dafür kritisiert. Jetzt hat das Auswärtige Amt die Förderung einer dringend benötigten Ebola-Station in Sierra Leone abgelehnt - mit einer absurden Begründung.

Das Ola During Childrens Hospital liegt mitten in Freetown. In der Hauptstadt Sierra Leones herrscht Angst vor Ebola. Deswegen ist das Kinderkrankenhaus verwaist. Leere Flure, verschlossene Türen dort, wo jetzt während der Regenzeit eigentlich rund 250 junge Patienten wären. "Die Situation ist wirklich sehr traurig", sagt Werner Strahl.

Der Vorsitzende der Hilfsorganisation Cap Anamur sitzt in seinem Kölner Büro und schaut sich Videoaufnahmen der geschlossenen Klinik an. Seit fünf Jahren engagiert sich Cap Anamur in Sierra Leone. Die Organisation baute das heruntergekommene Kinderkrankenhaus in dem einstigen Bürgerkriegsland wieder auf und betreibt es seither.

Bis Mitte August. Da bestätigte sich erstmals in der Klinik ein Ebola-Verdachtsfall. "Es ging um einen kleinen Jungen, der wenig später leider verstarb", erzählt Strahl, der zu diesem Zeitpunkt selbst in Freetown war. Der Fall löste Panik im Krankenhaus aus, das Personal lief weg, verweigerte die Arbeit. Seither ist das Ola During Childrens Hospital geschlossen - so wie fast alle medizinischen Einrichtungen in Sierra Leone auch.

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Ebola in Sierra Leone: Land unter Quarantäne

"Aber", sagt Strahl in der Cap-Anamur-Zentrale voller Zuversicht, "jetzt können wir wieder anfangen, weil wir eine Auffangstation haben, wo wir die Kinder screenen können". Es geht um einen Bereich, in dem unter höchsten Schutzmaßnahmen alle Patienten einer Eingangskontrolle unterzogen werden. Gibt es einen Verdacht auf Ebola oder zeigen die Betroffenen Symptome des Ebolafiebers, werden sie isoliert und in der Station untergebracht.

Vor drei Wochen haben Bauarbeiter und Mitarbeiter von Cap Anamur damit begonnen, die Isolierstation zu errichten, direkt auf einem Grundstück neben dem Kinderkrankenhaus. Als die Hilfsorganisation hörte, dass die Bundesregierung Gelder für eine Ebola-Soforthilfe bereitstellte, nahm sie Kontakt zu zuständigen Abteilung im Auswärtigen Amt auf und stellte einen Antrag auf Förderung des Projekts in Freetown. Es ging um 200.000 Euro.

Vergangenen Freitag erhielt die Organisation, die zuvor nach eigenen Angaben noch nie öffentliche Hilfsgelder beantragt hatte, sondern ihre Projekte bisher über Spenden finanziert, eine Antwort aus Berlin. In einer E-Mail, die SPIEGEL TV vorliegt, lehnt das zuständige Referat für Humanitäre Hilfe die Förderung der Isolationsstation für das Kinderkrankenhaus ab.

Die Begründung: "Das Zuwendungsrecht erlaubt die Förderung bereits begonnener Projekte nicht", heißt es. Da die Bautätigkeiten der Station schon vor einiger Zeit "ohne vorherige Inaussichtstellung und Genehmigung eines frühzeitigen Projektbeginns" durch das Referat in Angriff genommen worden seien, "schließt dies eine Förderung durch das Referat aus".

Mittlerweile sind fast 3000 Menschen in Westafrika an den Folgen einer Ebola-Infektion gestorben. Damit habe fast die Hälfte der seit Jahresbeginn etwa 6500 Infizierten das Ebolafieber nicht überlebt, teilte die Weltgesundheitsorganisation WHO am Samstag mit.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) stellte unterdessen zusätzliche 130 Millionen Dollar für den Kampf gegen die Krankheit bereit. Kaum ein Tag vergeht ohne Appelle für ein intensiveres Vorgehen gegen Ebola. Die Uno, US-Präsident Obama, internationale Hilfsorganisationen sowieso - sie alle fordern endlich schnelleres Handeln.

Vor der Uno-Vollversammlung in New York kündigte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) jüngst an, Deutschland werde seinen Beitrag im Kampf gegen die Epidemie in Westafrika leisten. "Über die unmittelbare Solidarität hinaus brauchen wir vor allem auch langen Atem", sagte er und forderte zugleich, dass die Gesundheitssysteme der betroffenen westafrikanischen Länder langfristig gestärkt werden müssten.

Doch mit ihrer Absage zur Förderung des Projekts von Cap Anamur bestraft die Bundesregierung, die seit Wochen wegen ihres zögerlichen Verhaltens in der Ebola-Krise in der Kritik ist, die Hilfsorganisation geradezu für ihr schnelles Engagement vor Ort. "Das ist für uns eine völlig absurde Situation", sagt Cap-Anamur-Chef Strahl. Man habe mit dem Beginn des Baus der Isolationsstation nicht erst auf die Bewilligung von Fördergeldern warten wollen. Ziel sei es gewesen, das Kinderkrankenhaus so schnell wie möglich wieder in Betrieb nehmen zu können.

Die Nachfrage von Cap Anamur zu näheren Hintergründen der Absage blieb bisher unbeantwortet. Auch auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE äußerte sich das Auswärtige Amt bisher nicht.

Inzwischen ist die Station in Freetown so gut wie fertig. "Die Förderung wäre eine ungeheure Hilfe für uns gewesen", sagt Strahl. "Jetzt haben wir es eben allein gestemmt."

Mehr über das Cap-Anamur-Krankenhaus in Sierra Leone und den verzweifelten Kampf von Ärzte ohne Grenzen gegen Ebola bei SPIEGEL TV Magazin, Sonntag 28. September, RTL, 23 Uhr.

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insgesamt 114 Beiträge
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1. Verantwortung übernehmen?
pascal3er 28.09.2014
Fehlanzeige Hr. Gauk. Sie sind ein erbärlicher dummer Schwätzer, der unserem Land schadet. Da könnte man nämlich mal verantwortung übernehmen. Aber wir merken und einfach, wenn Gauck mal Krank ist helfen wir dem alten Sack auch nicht.
2.
onkel_faultier 28.09.2014
Das scheint nix besonderes zu sein. Auch bei Wirtschaftsförderungsprojekten gibt es eine Verbot eines frühzeitigen Beginn. Ärgerlich, aber so ist nunmal Bürokratie...
3. Das weiss man doch
Malshandir 28.09.2014
Also ich verstehe nicht, was daran ungewoehnlich ist. jeder weiss, dass vorher geprueft wird, es sollen ja keine Ferienwohnungen fuer Vorstaende gebat werden. Wer halt anfaengt hat Pech gehabt. 200.000 sind sehr viel Geld in Afrika. Daneben frage ich mich, ob das Geld gut angelegt waere. Ein Zaum zur Abriegelung der Region waere sich wirksamer in der Eindaemmung. Das ganze Hilfskonzept ist falsch. Zuerst eindaemmen, dann behandeln, nicht behandeln, die Leute laufen rum und verbreiten es weiter.
4. Geld für Klinik verweigerrt
Franz Wiedemann 28.09.2014
Überrascht? Dies ist bei allen Finanzieungshilfen der Fall, beim BMZ wie beim AA und anderen Geldgeber. Und dabei ist dies noch das kleinste "Hindernis". Die Verwaltungsgerichte Erfüllung der Antragsstellung steht erstmal vor dem Inhalt und der Sinnhaftigkeit. Grundsätzlich ist dies auch kein Problem, da alle Antragsteller in der Regle die Regelwerke kennen. Allerdings hätte das AA auch anders reagieren können, denn es handelt sich hier um ein Notfallprojekt. Es wäre gegangen, wenn man/Frau gewollt hätte. Allerdings wählt das AA meist den einfachsten Weg der Geldvergabe: alles an Grossorganisationen wie WHO und andere UN- Institutionen geben, dann veringert sich der Verwaltungsaufwand. Wenn da mehrere kleine deutsche Organisationen kommen, und Anträge stellen, da ist um einiges aufwendiger. In der Regel gehen diese bei solchen Förderungen leer aus. Leider!
5. Man sollte Sonntagsreden nicht mit
buntesmeinung 28.09.2014
Handeln verwechseln. Außerdem sind die Gelder schon längst für Diätenerhöhungen, Reisekosten zu Fußballspielen usw. verplant. Natürlich sollte die Regierung Gelder nicht ungeprüft oder nach Gießkannenprinzip verteilen. Aber hier ist schnelle und eben auch unbürokratische Hilfe erforderlich. Angesichts der Beträge, welche die Regierung locker mal für andere "Projekte" rausschmeißt, ist das geschilderte Verhalten ein Hohn.
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POTENZIELLE MITTEL GEGEN EBOLA
ZMapp
Bei dem Serum namens ZMapp handelt es sich um einen Cocktail aus drei verschiedenen sogenannten monoklonalen Antikörpern. ZMapp, in Studien auch MB-003 genannt, wird von der US-Firma Mapp Biopharmaceutical Inc. aus San Diego hergestellt. Dazu werden gentechnisch veränderte Tabakpflanzen genutzt, aus denen die Antikörper isoliert und aufgereinigt werden. Doch die Herstellung dauert Monate.

2012 erschien erstmals eine Studie in den "Proceedings of the National Academy of Sciences", die die Wirkung des Serums beschreibt. Spätere Versuche bei Affen zeigten, dass die Antikörper dem Immunsystem helfen, infizierte Zellen zu eliminieren - auch wenn man das Serum verabreicht, nachdem die ersten Anzeichen des Ebola-Fiebers ausgebrochen sind.

Bei dem Ebola-Ausbruch in Westafrika wurden bis Mitte August drei Menschen mit ZMapp behandelt: Eine Missionarin und ein Arzt aus den USA sowie ein Geistlicher aus Spanien, der inzwischen verstorben ist. Ob ZMapp den US-Amerikanern geholfen hat, ist völlig unklar. Ebenso welche Nebenwirkungen es im Menschen haben kann.
TKM-Ebola
TKM-Ebola ist ein gentechnisch hergestelltes Mittel, das von der kanadischen Firma Tekmira Pharmaceuticals in Burnaby produziert wird. Es handelt sich dabei um kleine Erbgut-Schnipsel, sogenannte siRNA-Moleküle, die die Vermehrung des Virus bremsen sollen.

Im Januar hatte die Tekmira mit ersten Versuchen an Menschen begonnen. Doch die US-Zulassungsbehörde FDA hatte die Versuche aus Mangel an Daten darüber wie die Therapie wirkt und aus Mangel an Daten zur Sicherheit des Medikaments, zunächst unterbrochen. Inzwischen hat die FDA die Studie wieder unter Auflagen freigegeben.

Auch TKM-Ebola hatte bei Versuchen an Primaten Wirkung gezeigt. Im Gegenteil zu ZMapp aber könnte es sein, dass sich TKM-Ebola nur für eine rasche Behandlung sofort nach der Ansteckung mit dem Virus eignet. Vorteil: Das Mittel lässt sich schneller produzieren als ZMapp.
VSV-Vakzine
Neben den Mitteln, die Erkrankten helfen sollen, das Ebola-Virus zu besiegen, gibt es auch Impfstoffe in der Entwicklung. Sie sollen vor einer Infektion mit Ebola schützen.

Einer der Impfstoffe stammt ursprünglich aus dem Labor von Geisberts Forscherteam. 2005 veröffentlichten die Wissenschaftler erstmals eine Studie über die sogenannte VSV-Vakzine. Diese besteht aus dem Vesicular stomatitis Virus, ein Virus, das eng mit dem Tollwutvirus verwandt ist und dessen Erbgut gentechnisch verändert ist, sodass es zwar keine Krankheit mehr im Menschen verursachen kann, aber dennoch die Immunabwehr dazu anregt, Antikörper dagegen zu produzieren.

Auch in Kanada forschen Wissenschaftler an einer solchen VSV-Vakzine namens VSV-EBOV, die bisher nur an Affen und nicht an Menschen getestet wurde. Am 13. August erklärte die kanadische Gesundheitsbehörde, dass man der WHO 800 bis 1000 Ampullen VSV-EBOV zur Verfügung stellen werde. Die Firma NewLink Genetics Corp hält die Lizenz für den Impfstoff. Sie kündigte an, die VSV-Vakzine in Zusammenarbeit mit US-Sondereinheit Defense Threat Reduction Agency (DTRA) bald in einer ersten humanen klinischen Studie zu testen. Dazu sollen in den nächsten Wochen weitere Dosen des Impfstoffs produziert werden.

Der Imfpstoff könnte nach Angaben des Virologen Stephan Becker von der Universität in Marburg ab Herbst auch vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung an Menschen getestet werden, falls genügend Impfdosen zur Verfügung stehen - und sich Geldgeber finden.

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