Ebola-Epidemie in Westafrika "Viele Erkrankte schämen sich"

Krankenschwester Anja Wolz kämpft in Sierra Leone gegen die Ebola-Epidemie. Im Interview spricht die Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen über gefährliche Beerdigungsrituale und stellt eine bittere Prognose.

AP/dpa

Ein Interview von "Watson"-Autor Sven Zaugg


Zur Person
    Die gelernte Krankenschwester Anja Wolz aus Würzburg koordiniert für Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières) in Sierra Leone den Kampf gegen Ebola. "Watson" erreicht die Spezialistin im Behandlungszentrum in Kailahun. Das Virus forderte in Sierra Leone bereits mehr als 250 Todesopfer.

Frage: Frau Wolz, Sie rennen von Notfall zu Notfall. Wie ist die Lage?

Wolz: Sehr unübersichtlich. Wir stehen zwar täglich in Kontakt mit dem hiesigen Gesundheitsministerium, doch Informationen, wie sich das Virus verbreitet, fließen nur spärlich. Es mangelt an Spezialisten, an Epidemiologen, die die Lage einschätzen und den Herd des Virus eruieren können. Die Weltgesundheitsorganisation hat das erkannt und intensiviert ihre Arbeit im Ausbreitungsgebiet. Wir wissen bis dato immer noch nicht, wie viele Dörfer von der Epidemie betroffen sind.

Frage: Wie kommen die Patienten zu Ihnen?

Wolz: Ein Team arbeitet auf dem Feld und besucht verschiedene Dörfer im Distrikt. Wir suchen quasi gezielt nach Personen, die sich mit dem Virus infiziert haben oder infiziert haben könnten und bringen sie - wenn möglich - ins Behandlungszentrum. Das Personal dafür reicht jedoch bei Weitem nicht aus. Zusätzlich werden Kranke via Gesundheitsministerium an uns überwiesen.

Frage: Dabei spielt das Timing eine wichtige Rolle.

Wolz: Wir stehen unter einem enormen Zeitdruck: Je länger es dauert, Kontaktpersonen von Erkrankten zu finden und sie über Wochen hinweg zu untersuchen, desto schwieriger wird es, die Epidemie in den Griff zu bekommen. Viele Patienten warten schlicht zu lang, bis sie sich untersuchen lassen. Sie sterben dann nicht einmal 24 Stunden nach der Einlieferung.

Frage: Es gibt keine Impfung und keine zugelassenen Medikamente gegen das Virus. Wie werden die Patienten behandelt?

Wolz: Zuerst versuchen wir, das Immunsystem mit Antibiotika zu stabilisieren. Parallel dazu behandeln wir die Symptome wie Durchfall, Übelkeit und Fieber. Wir verabreichen den Patienten spezielles Essen mit einem hohen Anteil an Kohlenhydraten wie eine sehr kalorienhaltige Milch. Darüber hinaus legen wir Infusionen mit Schmerzmitteln. Und wir betreuen Patienten und Angehörige psychologisch. In einem Fall hat ein Vater acht Familienmitglieder verloren. Diesen Mann haben wir psychologisch betreut.

Frage: Neben der Behandlung der Patienten betreibt Médecins Sans Frontières auch Aufklärung. Wie muss man sich das vorstellen?

Wolz: Wir gehen in die Dörfer, zu den Menschen, klären sie über das Virus auf. Versuchen, der Bevölkerung zu erklären, wo die Gefahren liegen, wie man sich schützen kann. Viele Menschen verneinen die Existenz des Virus. Es braucht - zumindest teilweise - sehr große Überzeugungskraft.

Frage: Ein großes Problem sind die Beerdigungsrituale, bei denen die Verstorbenen noch einmal umarmt werden.

Wolz: Viele Angehörige haben sich dadurch mit dem Virus infiziert. Wir müssen Beerdigungsteams in Dörfer schicken, wo wir von Ebola-Toten wissen oder sie vermuten. Für die Leichen benutzen wir einen speziellen Plastiksack. Wir desinfizieren das Haus des Verstorbenen und die Latrinen mit Chlor und verbrennen Bettlaken und andere Gegenstände, die zu einer Ausbreitung führen könnten. Doch leider müssen wir davon ausgehen, dass es Dörfer gibt, in denen das Virus grassiert, wir aber nichts davon wissen. Hinzu kommt die Angst, viele erkrankte Menschen schämen sich und tauchen ab.

Frage: Bei der kleinsten Unachtsamkeit könnte das Ebola-Virus auch Sie töten. Wie schützen Sie sich?

Wolz: Wenn wir im Behandlungszentrum arbeiten, tragen wir Mundschutz, lange Kleidung, Handschuhe, eine spezielle Kopfbedeckung und Schutzbrillen. Wir bewegen uns immer zu zweit, und jeder ist für die Einhaltung der Sicherheitsregeln durch den anderen mitverantwortlich. Wir passen aufeinander auf, fast besser als auf uns selbst. Keiner von uns ist bisher erkrankt, und darauf sind wir sehr stolz.

Frage: Wagen Sie bereits eine Prognose, wie es weitergeht?

Wolz: Nein, dafür verfüge ich nicht über genügend Informationen. Ich kann nur sagen: Bei der Weltgesundheitsorganisation WHO herrscht höchste Alarmstufe. Das Ausmaß dieser Epidemie hier, in Guinea und Liberia, ist erschreckend. Auch für mich. Und ich bin seit sieben Jahren bei der Behandlung von Ebola-Kranken im Einsatz. Wir brauchen dringend mehr Personal, um der Lage Herr zu werden.

Frage: Wie groß ist die Gefahr, dass sich das Virus auf weitere Länder ausbreitet?

Wolz: Das Virus kennt keine Grenzen. Das hat der Fall in Nigeria gezeigt. Dass das Virus weiterverschleppt wird, ist offensichtlich. Hinzu kommt: Die Grenzen zwischen Sierra Leone, Guinea und Liberia sind faktisch offen. Es wurden zwar Checkpoints eingerichtet, um Grenzübertritte besser zu kontrollieren, das hindert die Menschen aber nicht daran, zwischen den Ländern zu pendeln.

Frage: Besteht eine Gefahr für Europa?

Wolz: Eine Ausbreitung nach Europa ist meiner Meinung nach so gut wie ausgeschlossen. Hier konnte sich die Krankheit nur wegen des schwachen Gesundheitssystems verbreiten. Bei uns wäre das nicht möglich. Alle unsere Anstrengungen müssen der Eindämmung von Ebola in Westafrika gelten.

Anmerkung der Redaktion: Dies ist eine überarbeitete Fassung des Interviews des Schweizer Newsportals watson.ch.

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erkelenzer 05.08.2014
1. Filmzitat
Ein Zitat ist mir aus dem Seuchen-Film "Contagion" ständig im Gedächtnis. Etwa: "Wie kommen wir hier wieder raus ohne uns anzustecken?!" Experte: "Der Mensch berührt am Tag durchschnittlich 2000 Mal sein Gesicht mit seinen Händen. Lassen Sie's einfach...!" Interessant erstmals in einer Berichterstattung zu lesen, wie Infizierte behandelt werden. Danke für das Interview.
plagiatejäger 05.08.2014
2. Ebola geht um die Welt
Wer weiß wie schludrig es an manchem Deutschen Kreiskrankenhaus zugeht, wenn zufällig jemand auf die Idee kommt, nach ein paar Tagen einen MRSA-positiven Patienten aus dem Dreierzimmer zu isolieren... und vorher die Kinder der Besucher überall auf den Betten herumhüpften... also von Hygiene wissen manche nur auf Profit getrimmte Krankenhäuser manchmal wohl absichtlich nichts, weil kränkere Patienten einfach eine bessere Abrechnung erlauben. Da erwarte ich, daß Ebola keineswegs noch irgendwie in Afrika oder USA eingedämmt werden kann, wo es jetzt exisitert, sondern leicht in 2 Wochen in jedem bevölkerten Kontinent verbreitet wird. Die Frage ist doch, welche Tiere können das Virus verbreiten (abgesehen vom Menschen direkt)?
RuhrHorst 05.08.2014
3. Fast
Zitat von plagiatejägerWer weiß wie schludrig es an manchem Deutschen Kreiskrankenhaus zugeht, wenn zufällig jemand auf die Idee kommt, nach ein paar Tagen einen MRSA-positiven Patienten aus dem Dreierzimmer zu isolieren... und vorher die Kinder der Besucher überall auf den Betten herumhüpften... also von Hygiene wissen manche nur auf Profit getrimmte Krankenhäuser manchmal wohl absichtlich nichts, weil kränkere Patienten einfach eine bessere Abrechnung erlauben. Da erwarte ich, daß Ebola keineswegs noch irgendwie in Afrika oder USA eingedämmt werden kann, wo es jetzt exisitert, sondern leicht in 2 Wochen in jedem bevölkerten Kontinent verbreitet wird. Die Frage ist doch, welche Tiere können das Virus verbreiten (abgesehen vom Menschen direkt)?
Die Frage ist doch, welche Tiere das Virus übertragen können. Woher wissen wir denn, dass nicht etwa Tiere infiziert werden können, die es nur in bestimmten Regionen bei uns gibt? Woher wissen wir, dass es in diesen (neuen) Wirten nicht mutieren kann? Wieviele Tierarten gibt es auf der Welt? Das ist einfach zu komplex als das man sagen könnte: Da passiert bestimmt Nix.
lizard_of_oz 05.08.2014
4. "welche Tiere können das Virus verbreiten"
Zitat von plagiatejägerWer weiß wie schludrig es an manchem Deutschen Kreiskrankenhaus zugeht, wenn zufällig jemand auf die Idee kommt, nach ein paar Tagen einen MRSA-positiven Patienten aus dem Dreierzimmer zu isolieren... und vorher die Kinder der Besucher überall auf den Betten herumhüpften... also von Hygiene wissen manche nur auf Profit getrimmte Krankenhäuser manchmal wohl absichtlich nichts, weil kränkere Patienten einfach eine bessere Abrechnung erlauben. Da erwarte ich, daß Ebola keineswegs noch irgendwie in Afrika oder USA eingedämmt werden kann, wo es jetzt exisitert, sondern leicht in 2 Wochen in jedem bevölkerten Kontinent verbreitet wird. Die Frage ist doch, welche Tiere können das Virus verbreiten (abgesehen vom Menschen direkt)?
Ziemlich sicher noch Affen. Von denen stammt Ebola wahrscheinlich auch.
firenafirena 05.08.2014
5. Reservoir/Überträger
Als natürlicher Wirt gelten einige Fledermausarten und Flughunde. Diese Wirte erkranken selbst nicht. Überträger (also Tiere, die selbst krank werden) sind darüber hinaus Affen, Waldantilopen und Stachelschweine. Meist erkranken diese Tiere, weil sie direkten Kontakt mit den Wirten hatten (z.B. über Fruchtreste, etc.). Die Überträger sterben selbst.
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