Ebola-Epidemie "Wir haben den schlimmsten Fall verhindert"

Die Zahl der Ebola-Infizierten in Westafrika sinkt, Experten mildern bereits ihre Katastrophen-Szenarien. Doch ohne enorme finanzielle und personelle Hilfe könnte die Epidemie jederzeit wieder aufflammen.

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Fiebermessen in Liberia: Trauriger Alltag, nachdem ein Verwandter an Ebola gestorben ist
AFP

Fiebermessen in Liberia: Trauriger Alltag, nachdem ein Verwandter an Ebola gestorben ist


Die Nachrichten von der Ebola-Epidemie in Westafrika haben sich gewandelt. Die Zeiten sind vorbei, in denen Todkranke tagelang zu Hause ausharren mussten, weil sie kein Krankenwagen abholte. In denen Menschen vor den Türen der Behandlungszentren zusammenbrachen, weil drinnen kein Bett mehr für sie frei war.

Heute sinken die Zahlen der neuen Infektionen von Woche zu Woche. Nach mehr als einem halben Jahr Pause können Kinder wieder die Schule besuchen. Straßensperren, die ganze Regionen vom Rest des Landes abgekapselt haben, verschwinden. Zum ersten Mal seit Monaten wirkt die Epidemie besiegbar.

"Wir haben eine Trendwende geschafft, den schlimmsten Fall verhindert", sagte die WHO-Generaldirektorin Margaret Chan am Sonntag in Genf. Die Weltbank korrigierte Anfang der Woche ihre Schätzungen zum erwarteten wirtschaftlichen Schaden in den betroffenen Ländern herunter. Statt der - während des Peaks der Ebola-Epidemie geschätzten - 25 Milliarden US-Dollar geht sie jetzt im schlimmsten Fall von 6,2 Milliarden US-Dollar Schaden aus.

Ähnlich verhält es sich mit den Infektionen. Schreckensszenarien mit Hunderttausenden Infizierten sind momentan fern. Bis zum 21. Januar zählte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 21.724 Infizierte und 8641 Todesopfer, die Dunkelziffer ist wahrscheinlich hoch. Aber die Zahl der neuen Diagnosen halbiert sich aktuell: alle zehn Tage in Guinea, alle 14 Tage in Liberia und alle 19 Tage im noch am härtesten betroffenen Land Sierra Leone.

Trotzdem ist es für eine Entwarnung noch viel zu früh:

Die Erfolge sind vor allem einem strikten Hilfsplan zu verdanken. Nachdem die WHO erst reagierte, als die Epidemie längst außer Kontrolle war, folgten enorme Bemühungen, noch Schlimmeres zu verhindern. Der Ebola-Beauftragte der Vereinten Nationen, David Nabarro, erklärte auf einer Sondersitzung des WHO-Exekutivrats am Sonntag, der Kampf gegen die Seuche habe bislang vier Milliarden Dollar gekostet.

Eine der größten Herausforderungen war dabei die fehlende Infrastruktur der betroffenen Länder. Viele Menschen erkrankten in kleinen Dörfern im Dschungel, die nur durch stundenlangen Fußmarsch erreichbar waren. Dort mussten die Helfer lernen, den Menschen das Misstrauen zu nehmen. Sie mussten akzeptieren, dass sie erst die Oberhäupte und die Heiler für ihre Ideen von sicheren Beerdigungen und isolierten Kranken gewinnen mussten, bevor sie mit allen Menschen redeten. Heute melden sie immer mehr Erfolge.

Hinzu kamen militärisch anmutende Maßnahmen - Checkpoints, an denen bei allen Autoinsassen Fieber gemessen wurde. Ausgangssperren. Verbote von Märkten und Versammlungen. Desinfektionsbehälter an jeder Straßenecke. Und der Aufbau von Behandlungszentren, die sich immer schneller an die Brennpunkte verlegen ließen. Darauf liegt noch immer ein Hauptaugenmerk der Anstrengungen.

Eine Epidemie wie ein Schwelbrand

Die Fortschritte klingen vielversprechend, doch noch ist es zu früh, um wirklich erleichtert zu sein. Die aktuelle Situation in den Ländern ähnelt einem Waldbrand, bei dem noch immer an verschiedenen Stellen das Feuer schwelt. Sinken die Anstrengungen, kann die Epidemie an jedem der verbleibenden Ebola-Herde wieder aufflammen und außer Kontrolle geraten.

Um das zu verhindern, fehlen den Helfern noch immer wirksame Medikamente, auch die Impfstoffe werden jetzt erst erprobt. Stattdessen müssen sie einen anderen Weg gehen: Die Zahl der neuen Infektionen lässt sich nur auf null senken, wenn alle verbliebenen Infizierten isoliert, wenn all ihre Kontaktpersonen beobachtet und alle Opfer sicher begraben werden.

Uno-Beauftragter Nabarro erklärte Anfang der Woche auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, dass für diesen Aufwand noch einmal 1000 Epidemiologen notwendig seien, die sich um die aktuell 50 kleinen Ebola-Herde kümmerten. Dafür und um die Folgen der Epidemie zu lindern, brauche es noch einmal eine Milliarde US-Dollar. Ansonsten drohe eine Hungerkatastrophe und eine große Zahl unversorgter Waisen.

"Ich kann nicht sagen, wie lange es noch dauern wird", sagt Nabarro. "Aber es ist der letzte Teil auf dem Weg zu null Infizierten, der möglicherweise der schwierigste wird".

Mit Material von AP und dpa

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
leser008 26.01.2015
1. Immer wieder
Dass man nun die checkpoints und andere Massnahmen sofort herunterfährt zeigt, dass man nichts gelernt hat und die Seuche jederzeit genauso wieder ausbrechen kann. Afrika hat ein strukturelles Problem, deshalb brechen diese Seuchen ja auch nicht in Südamerika oder Asien aus.
Tiananmen 26.01.2015
2.
Es ist illusorisch anzunehmen, dass die Seuche beherrschbar ist, solange keine Kenntnis der ursprünglichen Quelle(n) besteht. Wenn diese bei Fledermäusen oder anderen Tieren liegt, reicht eine Ausbreitung der Tiere, um die Epidemie neu aufflammen zu lassen. Von Bildung und Gesundheitswesen vor Ort ganz zu schweigen...
leser008 26.01.2015
3. So bessert sich nichts
Zitat von TiananmenEs ist illusorisch anzunehmen, dass die Seuche beherrschbar ist, solange keine Kenntnis der ursprünglichen Quelle(n) besteht. Wenn diese bei Fledermäusen oder anderen Tieren liegt, reicht eine Ausbreitung der Tiere, um die Epidemie neu aufflammen zu lassen. Von Bildung und Gesundheitswesen vor Ort ganz zu schweigen...
Wirte der Ebala Erreger sind Fledermäuse und Affen wie Schimpansen. Diese werden erlegt und gegessen. Wenn sie hier bei uns in den Wald gingen und Füchse, Wildschweine, Fledermäuse fingen und essen, würden sie auch an Tollwut, Bandwürmern, Trichinen und sämtlichen Parasiten eingehen. Bildung und gravierende Verhaltensänderungen sind in Afrika notwendig.
Tiananmen 26.01.2015
4.
Zitat von leser008Wirte der Ebala Erreger sind Fledermäuse und Affen wie Schimpansen. Diese werden erlegt und gegessen. Wenn sie hier bei uns in den Wald gingen und Füchse, Wildschweine, Fledermäuse fingen und essen, würden sie auch an Tollwut, Bandwürmern, Trichinen und sämtlichen Parasiten eingehen. Bildung und gravierende Verhaltensänderungen sind in Afrika notwendig.
Das ist schon richtig. Nur werden Sie nicht in allen Fledermaus- oder Affenpopulationen Ebola finden. In so fern besteht die Unkenntnis der Quellen weiter.
Atheist_Crusader 26.01.2015
5.
Zitat von leser008Dass man nun die checkpoints und andere Massnahmen sofort herunterfährt zeigt, dass man nichts gelernt hat und die Seuche jederzeit genauso wieder ausbrechen kann. Afrika hat ein strukturelles Problem, deshalb brechen diese Seuchen ja auch nicht in Südamerika oder Asien aus.
Was denn, wollen Sie etwa andeuten, dass Südamerika und Asien besser seien als Afrika, obwohl sie genauso brutal von den europäischen Kolonialmächten ausgebeutet wurden? In diesen Tagen ist das nahe dran am Rassismus.
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