Rückschlag in der Seuchenbekämpfung Ebola kehrt zurück - von See

Die Ebola-Epidemie in Westafrika schien auf dem Rückzug: Bis Mitte April sollte sie besiegt sein, hofften die betroffenen Nationen. Doch nun flammt sie wieder auf - sogar der Vizepräsident von Sierra Leone begab sich in Quarantäne.

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Ebola-Friedhof in Makeni, Sierra Leone: Die Fallzahlen steigen wieder
obs/SOS-Kinderdörfer weltweit/Hermann-Gmeiner-Fonds/Daniel van Moll

Ebola-Friedhof in Makeni, Sierra Leone: Die Fallzahlen steigen wieder


Freetown/Hamburg - Was man in den letzten Wochen über Ebola hörte, gab meist Grund zur Hoffnung: Die Zahl der Neuansteckungen war merklich gesunken, in Liberia öffneten sogar die Schulen wieder. Bis Mitte April, ließen die Regierungen von Guinea, Sierra Leone und Liberia Mitte Februar verlauten, wollten sie die Zahl der Neuinfektionen auf Null bringen.

Zumindest in Sierra Leone wird das womöglich nicht gelingen. Seit ein paar Wochen steigt die Zahl der Neuansteckungen wieder. Seit Samstag befindet sich sogar Sam Sumana, der Vizepräsident des Landes, in freiwilliger Quarantäne, nachdem am Vortag einer seiner Leibwächter an Ebola gestorben war.

Die Quarantäne sei nur eine Vorsichtsmaßnahme, hieß es aus Sumanas Büro, bis die Testergebnisse der Gesundheitsbehörde vorlägen. In Gefahr sei der Politiker nicht. Er habe aber vorsichtshalber entschieden, in den kommenden 21 Tagen nicht in sein Büro zu kommen, sondern von zu Hause aus zu arbeiten.

Präsident Ernest Bai Koroma gab am Wochenende bekannt, dass sämtliche Einschränkungen und Schutzmaßnahmen, die in den letzten Wochen aufgehoben oder gelockert worden waren, wieder gelten würden.

Vom Optimismus, die aktuelle Ebola-Welle binnen weniger Wochen komplett auszumerzen, ist in solchen Statements nichts mehr zu spüren: Die Regierung von Sierra Leone hat "große Sorge" geäußert, nachdem die Zahl der Ebola-Fälle in den vergangenen Wochen wieder hochgeschnellt ist. Dies wurde unter anderem auf "unsichere" Beerdigungen zurückgeführt. Die Sitte, durch Berührungen von den Toten Abschied zu nehmen, war einer der Hauptfaktoren für die katastrophale Ebola-Epidemie, die seit mehr als einem Jahr in Westafrika tobt.

Ebola-Comeback: Per Schiff wieder eingeschleppt?

Lückenhaft waren aber anscheinend auch die Sicherheitsmaßnahmen. Nachdem Anfang des Jahres in Teilen des Landes keine Ansteckungen mehr vorkamen, hatte die Regierung von Sierra Leone ihre Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche sukzessive gelockert. In manchen Regionen öffneten die Schulen wieder, Reisebeschränkungen wurden aufgehoben.

Möglicherweise öffnete das der Seuche den Weg zu einem Comeback aus unvermuteter Richtung: Wieder eingeschleppt wurde Ebola offenbar durch erkrankte Fischer und Seeleute, die die Krankheit über die Häfen in die Slums und von dort aus wieder hinaus aufs Land brachten. Seit Anfang Februar registrierten die Gesundheitsbehörden und Nothelfer wieder 60 bis 80 neue Fälle pro Woche, die Regierung sprach für die letzte Woche von 18 Fällen.

Und sie machte die Häfen dicht: Teil der Schutzmaßnahmen ist ein Verbot nächtlichen Ausfahrens oder Landens, das Löschen von Ladung während der Nacht und die Einschränkung des Fährverkehrs. Vor der Küste patrouilliert die Marine und überwacht die Einhaltung der Verbote. In den Städten ist es regulären Taxis wieder verboten, mehr als zwei Passagiere zu transportieren, Sammeltaxis in Van-Bauweise dürfen nur vier Personen aufnehmen. Die Maßnahmen werden als Zeichen der Entmutigung verstanden, die Seuche wirklich schon bald überwinden zu können.

Der Vorgang zeigt, wie fragil die vermeintliche Stabilität in den betroffenen Ländern in Wahrheit ist. Auch in Liberia schien die Seuche schon so gut wie unter Kontrolle. Doch es reichen wenige Fälle, um neue Ansteckungswellen zu verursachen, wenn die Betroffenen "Multiplikatoren" sind: Aktuell herrscht dort Nervosität wegen eines erkrankten Pflegers, der Dutzende Kollegen und Patienten angesteckt haben könnte, bevor seine Erkrankung erkannt wurde. Unter Helfern wächst auch dort die Skepsis, dass die Seuche tatsächlich so schnell und endgültig zu besiegen sein wird, wie noch vor Wochen angekündigt.

Das Problem ist, dass es nach wie vor an einer Impfung fehlt. Und selbst wenn ein Mittel gefunden wird, muss es auch flächendeckend angewandt werden, um die Gefahr einzudämmen - wie auch der aktuelle Masern-Ausbruch in Berlin zeigt.

Risikofaktor Mensch

Wie dort könnten auch in Westafrika die Gefährdeten selbst noch lange Zeit für ihre Gefährdung sorgen - durch Umgehung notwendiger medizinischer Maßnahmen. Die erfolgreichen Schutzmaßnahmen, die zumindest schon zur Eindämmung der Epidemie geführt haben, waren nicht zuletzt gegen weit verbreitete Sitten und Gebräuche gerichtet. Sie zwangen Menschen zu Verhaltensänderungen, zu denen sie freiwillig nicht bereit waren. So etwas lässt sich aber nicht ewig aufrechterhalten.

In zahlreichen Regionen haben Kinder seit fast einem Jahr keine Schule mehr von Innen gesehen. Auch Reisebeschränkungen lassen sich nicht endlos ausdehnen, denn natürlich unterminieren sie die Wirtschaft und vergrößern ökonomische Probleme.

Dazu kommt, dass gerade auf dem Land immer noch zu viele Gefährdete lieber versuchen, Erkrankungen zu verbergen. Sie fürchten das soziale Stigma - oder glauben schlicht noch immer nicht an die wissenschaftlichen Erklärungen für die Gründe der Ebola-Seuche. So lange die Fallzahl nicht auf Null gebracht wird, haben solche Faktoren jederzeit das Potenzial, die Epidemie wieder aufflammen zu lassen.

Die Seuche wird nur durch direkten Kontakt mit Erkrankten oder kürzlich an Ebola gestorbenen Menschen übertragen. Ebola-Tote dürfen deswegen nicht von den Familien oder einfachen Bestattungsunternehmen beerdigt werden, sondern nur von Experten des Roten Kreuzes in Schutzanzügen.

Staatschef Koroma nimmt am Dienstag an einer internationalen Ebola-Konferenz in Brüssel teil, die von der EU und mehreren westafrikanischen Staaten organisiert wird.

Seit dem Ausbruch der Epidemie im Dezember 2013 in Guinea starben mehr als 9500 Menschen an Ebola. Die meisten Toten, 4037, waren in Liberia zu beklagen. In Sierra Leone starben 3400 Menschen an dem Virus.

mit Informationen der AP



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Seite 1
roby 01.03.2015
1.
Von einem Hype zu nächsten Hype zu springen, mag für die Unterhaltung der Menschen hilfreich sein; was aber fehlt ist eine grundsätzliche Verhaltensänderung der weltweiten Gesellschaft. Solange der Turbokapitalismus in den Errungenschaften des Humanismus wie ein Krebsgeschwür wütet, solange werden auch Krankheiten wie Ebola innerhalb der Menschheit ihre Nahrung finden.
derdave3000 01.03.2015
2.
Zitat von robyVon einem Hype zu nächsten Hype zu springen, mag für die Unterhaltung der Menschen hilfreich sein; was aber fehlt ist eine grundsätzliche Verhaltensänderung der weltweiten Gesellschaft. Solange der Turbokapitalismus in den Errungenschaften des Humanismus wie ein Krebsgeschwür wütet, solange werden auch Krankheiten wie Ebola innerhalb der Menschheit ihre Nahrung finden.
Es ist schon ziemlich krampfhaft wenn man dem Turbokapitalismus die Schuld an Ebola gibt.
fx33 01.03.2015
3. Der...
Der Turbokapitalismus ist Schuld daran, dass wenige Menschen auf der Erde durch die Ausbeutung insbesondere der armen Länder unvorstellbare Vermögen anhäufen und hörten und dadurch die Möglichkeiten der Weltgemeinschaft, solchen Katastrophen akut oder gar präventiv entgegenzutreten, vernichten. Und das alles nur für immer größere Zahlen auf dem Papier, denn ausgeben kann man solche Vermögen nicht mehr. Würden die reichsten 100 Personen der Welt zur Hälfte enteignet, würden die das nicht mal merken, aber die UN hätte genug finanzielle Möglichkeiten, auf jede humanitäre Krise auf dieser Welt adäquat zu reagieren. Aber Gier frisst Hirn.
kalim.karemi 01.03.2015
4. Kapitalismus schuld an Ebola
Tut mir leid liebe Vorredner, der Zusammenhang erschließt sich mir leider nicht. Vielleicht ist eher der Kapitalismus der Grund, daß alles Mögliche getan wir Ebola herr zu werden. Außerdem bitte ich um eine Definition für Turbokapitalismus, gibt es auch Turbofeudal, Turbosozial-, Turbokommunismus?
roby 01.03.2015
5. @kalim.karemi
Turbokapitalismus -> guckst du Wikipedia...... dann verstehen Sie auch den Zusammenhang.... Schuld ist der dran, weil dieser sich nur für ein Thema interessiert, solange es Geld kosten kann und in der öffentlichen Aufmerksamkeit steht. Lässt das Interesse nach, lässt die Anstrengung nach..... wie es grad in diesem Thema der Fall ist....
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