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Ebola-Fotograf in Liberia: "Er hat sich nie wieder bewegt"

Von

Ebola in Bildern: Zurück bleiben Schrecken und ein Funke Hoffnung Fotos
John Moore/ Getty Images

Eine Schule voller kranker Menschen, viele von ihnen liegen sterbend am Boden: John Moore war einer der ersten westlichen Journalisten in Liberia. Seine Fotos über den Ebola-Ausbruch gingen um die Welt. Er hofft, dass seine Bilder geholfen haben.

Zur Person
  • Getty Images
    Der Fotograf John Moore ist für die Fotoagentur Getty Images in der ganzen Welt unterwegs und war in etlichen Krisengebieten. Er hat mehrfach den World Press Photo Award gewonnen und erhielt 2005 für seine Bilder des Arabischen Frühlings zusammen mit anderen Kollegen den Pulitzer-Preis. Moore lebt in New York.
SPIEGEL ONLINE: Wann waren Sie das erste Mal in Westafrika?

Moore: Das war im August 2014. Ich bin nach Monrovia, Hauptstadt von Liberia, geflogen. Damals waren nur sehr wenige ausländische Journalisten im Land. Das war wenige Wochen, bevor die Ebola-Epidemie weltweit große Schlagzeilen machte. Aber im Land gab es schon Hunderte Infizierte und viele Tote.

SPIEGEL ONLINE: Wie waren Ihre Eindrücke?

Moore: Die Situation war unübersichtlich und geriet durch die sprunghaft steigenden Fallzahlen außer Kontrolle. Zu dieser Zeit haben sich gerade in Monrovia viele Menschen angesteckt - darunter auch medizinisches Personal, das nicht wusste, wie man sich richtig schützt. Viele hatten keine entsprechende Kleidung. Es wurde viel improvisiert, um die Kranken versorgen zu können. Mit die schlimmsten Erinnerungen habe ich in an eine Schule im Westen von Monrovia.

SPIEGEL ONLINE: Was passierte dort?

Moore: Diese Grundschule wurde notdürftig zu einem Pflegezentrum umfunktioniert. Alle Räume waren voll mit Patienten, die im Verdacht standen, sich mit dem Virus infiziert zu haben. Sie lagen auf den Gängen oder in den ehemaligen Klassenräumen einfach auf dem Boden. Als ich am nächsten Tag wiederkam, waren sehr viele dieser Menschen tot. Sie lagen noch immer da, wo sie gestern auch schon gelegen hatten - zwischen den Lebenden. Keiner hatte sie weggetragen.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich an Einzelfälle?

Moore: Ja, mir ist ein Mann im Gedächtnis geblieben. Er hieß Ibrahim. Seine Frau war bei ihm. Erst lag er da, stand plötzlich auf und ging ein paar Schritte. Aber an der Tür des Klassenraums brach er zusammen und verlor das Bewusstsein. Sein Frau wollte ihm so gerne helfen, aber sie durfte ihn ja nicht berühren. Ich sah ihre Hilflosigkeit, ihre Verzweiflung. Das hat mich sehr berührt.

SPIEGEL ONLINE: Hat er überlebt?

Moore: Nein, er hat sich nie wieder bewegt. Dass er tot ist, habe ich später am Tag erfahren. Auch bei seiner Frau brach die Krankheit später aus. Sie hat aber überlebt.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie keine Angst, sich selbst zu infizieren?

Moore: Ich hatte mich vorher gut informiert und mir Schutzkleidung besorgt. Mir schien mein persönliches Ansteckungsrisiko sehr gering. Beim Fotografieren hatte ich neben einem Anzug zwei Paar Latexhandschuhe übereinander, einen Mundschutz und Schutzbrille sowie Überschuhe getragen. Gerade dieser Schutz für die Schuhe war sehr wichtig: Man kann zwar oft verhindern, etwas anzufassen. Aber man kann eben nicht fliegen. Zudem wurde ich von den Pflegekräften mehrmals am Tag mit Desinfektionsmittel abgesprüht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit Ihren Bildern den Sony World Photography Award 2015 gewonnen. Wie fühlt sich dieser renommierte Preis angesichts der schrecklichen Ereignisse für Sie an?

Moore: Ich habe dazu gemischte Gefühle. Natürlich ist es toll, für einen guten Job ausgezeichnet zu werden. Aber diese Bilder mit Toten und Kranken sind auch für mich verstörend. Vielleicht haben sie aber ein wenig dazu beigetragen, die Krise weltweit besser wahrzunehmen. Dann haben sie sich gelohnt. Und vielleicht helfen sie dabei, beim nächsten Mal Fehler zu vermeiden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fehler standen für Sie im Vordergrund?

Moore: Es gab schon zu Beginn der Epidemie viele Hinweise, dass sich Ebola sehr schnell ausbreiten würde - lange bevor Ende September 2014 der erste Fall in den USA auftrat. Aber die Reaktionen darauf waren außerhalb Afrikas sehr gering. Auch von den Medien. Ich glaube, dass bei einer Katastrophe von solchem Ausmaß sonst mehr Journalisten vor Ort gewesen wären. Aber die nächste Epidemie wird kommen. Hoffentlich ist die Welt dann besser vorbereitet.

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