Ebola-Epidemie in Sierra Leone Die Katastrophe in der Katastrophe

Im Kampf gegen Ebola durften sechs Millionen Bürger Sierra Leones ihre Häuser tagelang nicht verlassen. Die Erfolgsaussichten der Aktion sind dürftig. Stattdessen verschärft sie die Gefahr einer Hungersnot.

AP/dpa

Freetown - Seit drei Tagen müssen die Einwohner Sierra Leones in ihren Häusern ausharren, sie dürfen nicht einkaufen, nicht arbeiten, nicht zum Arzt. Es ist ein verzweifelter Schritt, mit dem die Regierung die Rechte ihrer sechs Millionen Bürger beschneidet, um die Ebola-Epidemie unter Kontrolle zu bringen. Erreichen wird sie es wohl nicht.

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Heft 39/2014
Die entfesselte Seuche

Während der Ausgangssperre gingen rund 30.000 Freiwillige von Haus zu Haus, verteilten rund 1,5 Millionen Stück Seife und suchten in den Wohnungen nach Kranken und Toten. Experten und Nichtregierungsorganisationen bezweifeln, dass es den Helfern gelungen ist, in der kurzen Zeit alle 1,5 Millionen Haushalte zu erreichen. "Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass die Ausgangssperre verlängert wird", sagte auch Stephen Gaojia, der Leiter des Emergency Operations Centre der Nachrichtenagentur Reuters.

Von 92 gefundenen Leichen und 123 möglichen Infizierten berichtete Gaojia laut Reuters, die Zahlen beziehen sich auf Samstagabend. AFP schreibt von 60 bis 70 Toten, die bereits beerdigt wurden. Sie addieren sich zu den 1673 Infizierten und 653 Toten, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits in dem kleinen Land gezählt hat. Insgesamt haben sich bei der Epidemie mehr als 5300 Menschen angesteckt, mehr als 2600 sind gestorben. Die Dunkleziffer liegt wahrscheinlich weit höher, entlegene Regionen und Zweifel der Bevölkerung erschweren den Kampf gegen die Seuche (lesen Sie hier ein Interview mit dem Ebola-Entdecker im aktuellen SPIEGEL).

Katastrophe in der Katastrophe

"Ich erinnere mich an eine Frau, die gestern schrie, wir wollten sie töten, sie sei nicht interessiert an unserer Seife", schildert der freiwillige Helfer Kabarie Fofanah seine Erfahrung. Viele verstecken erkrankte Angehörigen, weil sie Ebola für ein Gerücht halten und andere Betroffene gesehen haben, die nie wieder aus dem Krankenhaus zurückkehrten. Dieses Problem kann die Ausgangssperre angehen, es ist allerdings auch das einzige, dem sie etwas entgegenzusetzen hat. Ob sie wirklich einen Wendepunkt beim bislang aussichtslosen Kampf gegen die Seuche bedeutet, ist äußerst fraglich.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bezeichnete die Maßnahme der Regierung als "PR-Aktion". Selbst wenn die Beteiligten einen Großteil der Infizierten entdecken, fehlt es in Sierra Leone - wie auch in den beiden anderen von der Epidemie besonders hart getroffenen Ländern Liberia und Guinea - an Mitteln, um die Erkrankten unterzubringen. Auf Tausende Bewohner kommt häufig nur ein Arzt, viele Mediziner haben sich bereits mit dem Virus infiziert. Auch die Mittel der Hilfsorganisationen sind begrenzt, Mitarbeiter berichten, dass sie Todkranke vor Krankenhäusern abweisen müssen.

Hinzu kommt, dass das Ausharren der Bevölkerung in ihren Häusern eine Katastrophe in der Katastrophe birgt. Die Wirtschaft steht für die Zeit still. Viele Menschen in dem kleinen westafrikanischen Land arbeiten als Tagelöhner auf den Feldern. Eigentlich müsste die Bevölkerung jetzt säen, pflanzen und die Ernte des nächsten Jahres sichern. Die Welthungerhilfe warnte davor, dass die Nahrungsmittelvorräte in den besonders betroffenen Gebieten Sierra Leones schon jetzt zuneige gingen, nur noch weniger als die Hälfte der Felder werde bewirtschaftet. Die Ausgangssperre könnte das Elend noch verstärken.

Ein Leben von der Hand in den Mund

Schon jetzt beklagen frustrierte Bürger, dass die Lebensmittel in einigen Viertel in der Nachbarschaft von Sierra Leones Hauptstadt Freetown knapp würden. In Bonga Town, einem Armenviertel in Freetown beschwerten sich die Einwohner, dass nur manche Familien im Zusammenhang mit der Ausgangssperre Reisrationen erhielten. "Als sie uns sahen, dachten sie, dass wir kommen und ihnen Essen bringen", zitiert AFP einen Helfer. "Aber leider kamen wir nur, um mit ihnen zu reden."

Erspartes besitzt in den ärmeren Teilen der Bevölkerung niemand. Die Menschen leben von der Hand in den Mund. Sie nutzen das Geld, das sie täglich verdienen, um ihrer Familie Nahrungsmittel zu kaufen. Das mache es unmöglich, für die dreitägige Ausgangssperre vorzuarbeiten, sagte Miatta Rogers, eine Mutter, die im Westen von Freetown lebt. "Wenn die Regierung Regeln wie diese aufstellt, müssen wir uns alle daran halten, aber einfach ist das nicht."

Das Welternährungsprogramm hatte im Vorfeld der Ausgangssperre 20.000 Pakete mit Reis, Bohnen und einer Art Lauch an Haushalte in den Slums verteilt. Ausgereicht hat das nicht. Jede weitere Stunde, die die Menschen des Landes Gefangene in ihren eigenen Häusern sind, wird sich ihr Hunger noch verstärken.

irb/AP/dpa/Reuters

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
felisconcolor 21.09.2014
1. Wenn die Menschen
dort nicht bereit sind zu lernen und der Wahrheit ins Auge zu sehen. Dann ist die Ausgangssperre die einzige Möglichkeit die Seuche in den Griff zu bekommen
Void 21.09.2014
2. ...und...
...wir vernichten unser Obst...
vandenplas 21.09.2014
3. Es ist immer wieder
fürchterlich zu sehen unter welchen Bedingungen die Menschen in diesen Ländern leben müssen. Bittere Armut, Dreck und Müll wohin das Auge sieht. Die reinste Hölle. Dass es dann immer wieder zu Epidemien kommen muss kann niemanden überraschen. Hier rächt sich die Entwicklungspolitik der Weltgemeinschaft und der Kapitalismus als System. Denn Viren interessieren sich nicht für Gewinn/Verlust Rechnungen und kennen keine Grenzen...
aufrechtsterben 21.09.2014
4. Die Seuche
ist das Resultat der Lebens- und vor allem der Ernährungsumstände ( Buschfleisch ). Alle Bildungsversuche scheinen an der Lebenswirklichkeit abzuperlen und die Dummheit regiert. Das wird sich nie ändern, das ist Afrika und komme mir bitte niemand mit seinen heuchlerischen Rassismusvorwürfen! Einfach hinreisen und die Augen aufmachen!
Shany 21.09.2014
5.
"Wenn die Menchen dort nicht bereit sind zu lernen..." Sie haben wohl zum Abendessen eine besonders große Portion Arroganz zu sich genommen...
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