Ebola in Afrika "Möge uns Gott schützen!"

Konzerne ziehen Mitarbeiter ab, Flugbegleiter weigern sich, in die betroffenen Länder zu fliegen: Die Angst vor Ebola hat schwerwiegende Folgen. Afrikas Regierungen fühlen sich alleingelassen - und wirken vollkommen überfordert.

Von Bartholomäus Grill, Kapstadt

Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen in Kailahun, Sierra Leone: Den Ärzten wird oft mit Misstrauen begegnet
AFP

Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen in Kailahun, Sierra Leone: Den Ärzten wird oft mit Misstrauen begegnet


"Sofort alle Flüge in die von Ebola betroffenen Länder Westafrikas einstellen!" 700 Mitarbeiter von Air France haben diese Forderung unterschrieben, sie steht in einer Petition der Gewerkschaft der französischen Fluglinie. Nach Angaben des Unternehmens weigerten sich erstmals auch Flugbegleiter, in die Maschinen nach Guinea und Sierra Leone einzusteigen - aus Furcht, sich mit den tödlichen Viren zu infizieren.

British Airways und Emirates haben ihre Linienflüge in die Krisenregion bereits eingestellt. Senegal und die Elfenbeinküste machen ihre Landgrenzen zu den benachbarten "Seuchen-Staaten" dicht. Subunternehmer des luxemburgischen Stahlkonzerns ArcelorMittal haben Personal von einer geplanten Expansion bei der Gewinnung von Eisenerz in Liberia abgezogen. Der britische Ölkonzern Tullow Oil zieht Mitarbeiter aus dem Land ab. Selbst hartgesottene Händler aus China lassen alles stehen und liegen und fliehen zurück in ihre Heimat.

Jenseits der tragischen Verluste von Menschenleben könne die Epidemie zu "signifikanten ökonomischen und fiskalischen Einbrüchen" führen, warnt die Ratingagentur Moody's. Liberias Finanzminister hat bereits die Wachstumsprognosen für sein Land nach unten korrigiert.

Misstrauen und Unsicherheit auf den Flughäfen

Auf vielen Flughäfen Afrikas breiten sich Misstrauen und Unsicherheit aus, die jederzeit in Panik umschlagen können. Südafrika hat ein Einreiseverbot für alle Ausländer verhängt, die aus dem Hochrisikogebiet kommen. Von dort heimkehrende Staatsbürger müssen elektronische Fieberdetektoren passieren und einen umfänglichen Fragekatalog zu ihrem Gesundheitszustand ausfüllen.

Die Seuche breitet sich aus. Bislang habe sie bereits 1427 Menschenleben gekostet, teilt die Weltgesundheitsorganisation WHO mit.

Vorige Woche wurden die ersten Ebola-Fälle aus der Demokratischen Republik Kongo gemeldet. Es gebe allerdings keine direkte Verbindung zu den Epidemien in Westafrika, man habe andere Erregerstämme identifiziert, erklärte Gesundheitsminister Félix Kabange Numbi.

Trotz solcher Beruhigungsversuche wächst in Afrika die Angst, dass die tödlichen Viren den ganzen Kontinent heimsuchen könnten.

In Amerika und Europa aber wird nach der anfänglichen Hysterie die Gefahr bagatellisiert oder verdrängt. Devise: Wir sind weit weg, und vielleicht ist ja alles doch nicht so schlimm.

Viren machen nicht vor Grenzen halt

Ein verhängnisvoller Trugschluss. Denn im Zeitalter der Globalisierung machen Viren nicht vor Grenzen halt, sie bewegen sich um die Erde wie Jets, Informationsflüsse und Finanzströme. So können HI-Viren, Schweinegrippe-Erreger oder Sars weltweit Ansteckungen auslösen oder gar eine Pandemie.

Ebola werde nicht die letzte globale Bedrohung dieser Art sein, warnen Wissenschaftler. Denn durch das Vordringen in die hintersten Winkel der Erde entstehen stets neue Zoonosen, Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen und umgekehrt übertragen werden. HIV sprang bekanntlich vom Affen auf den Menschen über, Ebola soll durch den Verzehr von Flughunden ausgelöst worden sein.

Ebola sei eine "außergewöhnliche Epidemie", die eine noch nie dagewesene Mobilisierung erfordere, mahnt David Nabarro, der Ebola-Beauftragte der Vereinten Nationen. Doch in den betroffenen Ländern herrscht Konfusion. Die Regierungen in Guinea, Liberia und Sierra Leone fühlen sich alleingelassen und wirken vollkommen überfordert.

Vielerorts bricht die Gesundheitsversorgung zusammen

"Möge uns Gott schützen und den Staat retten", erklärte Liberias Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf in ihrer Ratlosigkeit. Nachdem in der Hauptstadt Monrovia Unruhen ausbrachen und eine Sammelklinik für Ebola-Kranke attackiert wurde, verhängte sie eine nächtliche Ausgangssperre und ließ das Armenviertel West Point vom Militär abriegeln.

Bilder von Ebola-Toten, die auf den Straßen liegen, werden in den sozialen Medien verbreitet. In Mount Barclay, einem Slum am Stadtrand, sollen Hunde Ebola-Leichen aus den Gräbern gezerrt und aufgefressen haben. Die Bewohner müssen sich angesichts dieser apokalyptischen Szenen vorkommen wie in dem Hollywoodthriller "Outbreak", der von einer tödlichen Epidemie handelt.

Vielerorts bricht die ohnehin rudimentäre Gesundheitsversorgung zusammen. Es fehlt an Isolierstationen, Diagnoseinstrumenten, Krankenbetten, Medikamenten, qualifiziertem Personal, oft gibt es nicht einmal Schutzhandschuhe. Zudem werden die schlecht koordinierten Gegenmaßnahmen erschwert durch den Aberglauben und die Verschwörungstheorien der Bevölkerung.

Im Osten von Sierra Leone geht zum Beispiel das Gerücht um, dass die Regierung Ebola verbreite, um die Region zu entvölkern. Oder dass Patienten "ausgeschlachtet" und ihre Körperteile für rituelle Zwecke verwendet werden. Die meisten Menschen sind Analphabeten, viele misstrauen den "Gesundheitskriegern" in ihren Astronautenanzügen und verjagen Hilfsteams aus ihren Dörfern. Sie verstecken Angehörige, die sich infiziert haben, und waschen die Verstorbenen nach traditioneller Sitte. All diese Faktoren tragen zur raschen Verbreitung der Viren bei.

Gleichgültigkeit gegenüber den Problemen Afrikas

Von der Außenwelt aber wird die Seuche kaum noch wahrgenommen, geschweige denn als globale Herausforderung erkannt. Es ist die übliche Gleichgültigkeit gegenüber den Problemen Afrikas: Betrifft uns nicht, sollen die Afrikaner doch selber sehen, wie sie damit klarkommen.

Doch allein können die Afrikaner den Kampf gegen Ebola nicht gewinnen, sie brauchen massive internationale Unterstützung. Nun seien nicht nur schnelle Notmaßnahmen erforderlich, sagt Uno-Chefberater Jeffrey Sachs; man müsse auch einige Grundannahmen des globalen öffentlichen Gesundheitswesens überdenken.

Der amerikanische Starökonom plädiert für ein transnationales Krankheitskontrollsystem und einen flexiblen Fonds unter der Führung der WHO, mit dem Basisgesundheitsdienste in allen Armutsregionen finanziert werden könnten: in jeder Gemeinde ein Health Worker, eine Gesundheitsfachkraft, um Seuchen wie Ebola in den Griff zu bekommen. Sachs hat ausgerechnet, dass ein solches Programm rund fünf Milliarden Dollar pro Jahr kosten würde.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, der Stahlkonzern ArcelorMittal stoppe seine Operationen in einer Erzmine in Liberia. Das ist nicht der Fall. Vielmehr haben Subunternehmer der Firma Personen von einem neuen Projekt abgezogen, das den Eisenerzabbau noch verstärken soll. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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Linda14 27.08.2014
1. Vielleicht reicht Ebola doch Europa?
Ärzte, Schwestern und Pfleger ergreifen die Flucht, es gibt kaum wirksame Medikamente, Flugzeuge wollen die betroffenen Gebiete nicht mehr anfliegen. Und der Übertragungsweg ist in erster Linie durch Schmierinfektion? Ich habe mir von Anfang an schon gedacht, dass es was größeres ist und fand die Erklärung der Ärzte, in einem halben Jahr sei die Epidemie überwunden, doch eher unglaubwürdig. Mich erinnert das irgendwie an die Pest im Mittelalter/Frühe Neuzeit. Ich habe Afrika nie als weit weg und geht mich nichts an, empfunden.
andreu66 27.08.2014
2. Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott.
In den letzten Jahrzehnten wurden Milliarden nach Afrika gepumpt. Heute sieht es schlechter aus als je zuvor, nur die korrupten Eliten sind reicher geworden und gehen von Hong Kong bis Dubai shoppen (da hat man es auch nicht so mit der Demokratie). Natürlich braucht das Entwicklungshelfergewerbe auch mal wieder einen neuen Schocker, AIDS, Malaria usw ziehen ja nicht mehr so richtig. Nach Monaten erst 1500 Tote bis heute, obwohl es doch angeblich so ansteckend ist und alle immer noch ihre Toten waschen usw., irgendwie passt das doch alles nicht zusammen.
Paul-Merlin 27.08.2014
3. Ein Zeichen höchster Unfähigkeit
ist die Hilflosigkeit der afrikanischen Regierungen. Die dortigen Machthaber sind halt nur stark im Abgreifen von Entwicklungshilfezahlungen und beim hemmungslosen Nepotismus.
Ursprung 27.08.2014
4. Die Ueberbevoelkung beginnt zu stinken
Es zeigt sich, dass die Erde ist zu klein ist, um mehr als 7 Milliarden Menschen zu ertragen. Das ist zwar Gemeinplatz aber ein zutreffender. Wir werden nun halt Zeuge, viele von uns per eigenem Leib, wie Evolutionsmechanismen ueber biologische Monokulturen und gewaltaffine Bevoelkerungsteile in der eigenen Spezies Krisen verursachen. Dabei gibt es bekanntlich keinerlei evolutionaere Zielgerichtetheit, nur ein Abgleich existierender Spezies miteinander, unter dem gegebenen Kontext vielleicht doch weiterzuleben. Flughunde (vermutlich Ebola-Ursachen) oder Affen (vermutlich HIV-Herkunft) zu fressen, bzw. grausame Massenmorde als Kriegsfolgen, kommen zwar auch ohne krisenhafte Monokultur (Ueberbevoelkerung) vor. Sie bleiben dann aber eher lokal begrenzt. Womoeglich "nur" auf eine "lokale Ueberbevoelkerung" (Slums, Roemisches Reich, mittelalterliche Peststaedte). Wir sind aber mit 7 Mrd. weltweit ueberbevoelkert. Die Ameisen sind nun ueberall, kein Entrinnen mehr. Heissen Touristik, WHO, NGO, Smartphones, Flugverkehr, Medien, Menschenrechte, bald Weltpolizei. Ueberwachung dazu haben wir schon jetzt, siehe NSA. Intuitiv registrieren heutige Menschen zu recht mit Angst, wie solche frueher wohl nur oertlich ablaufende Malaisen immer oefter drohen, sich ueber den ganzen und zu eng bewohnten Erdball auszuweiten als ein sich selbst befeuerndes System, welches sich jederzeit gleich zu einer globalen Krise ausweiten koennte. Wir Stinkbakterien Mensch sind in der Petrischale Erde gefangen und unsere Darm- und andere Bakterien ueberfluten uns zu eigenem Schaden mehr und mehr.
aurelius.stahl 27.08.2014
5.
In einem Auslandsjournal gesendet im öffentlich rechtlichen Fernsehen konnte man sehen, wie die Menschen auch weiterhin Wildfleisch aßen. "Seht her" rief einer, "ich esse es mein Leben lang und nichts ist passiert. Warum sollte ich damit aufhören". Bei soviel ausgemachter Dummheit geht auch bei mir die Empathie verloren.
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