Todesangst Hexengewehre und andere Ebola-Gerüchte

Ist das Ebola-Virus eine Erfindung von Politikern, um falsche Wähler loszuwerden? Existiert es überhaupt? Zahlreiche Gerüchte kursieren in den Epidemie-Regionen. Die Menschen wissen nicht, wem sie glauben sollen. Was bleibt, ist die Angst.

Aus Sierra Leone berichtet Dorcas Spitzhorn

Marktstand vor einem Krankenhaus in Freetown, Sierra Leone: "Ebola ist echt", steht auf einem Plakat, "lasst uns gegen Ebola kämpfen"
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Marktstand vor einem Krankenhaus in Freetown, Sierra Leone: "Ebola ist echt", steht auf einem Plakat, "lasst uns gegen Ebola kämpfen"


ZUR AUTORIN
  • Petra A. Killick
    Dorcas Spitzhorn arbeitet seit 2010 als Fachkraft für Entwicklungszusammenarbeit für den Evangelischen Entwicklungsdienst (EED), Brot für die Welt und den Zivilen Friedensdienst (ZFD) in Westafrika. Zunächst in Ghana und seit Mai 2014 in Sierra Leone, wo sie bei MADAM (Mankind's Activities for Development Accreditation Movement) als Enterprise Development Advisor tätig ist. Wegen der Ebola-Epidemie wurde sie aus Sierra Leone evakuiert. Seit dem 1. August 2014 arbeitet sie von Dakar aus weiter für MADAM. Sobald sich die Lage in Westafrika wieder entschärft hat, wird sie nach Sierra Leone zurückkehren.
Durch Sierra Leone geistert ein Phantom. Es ist das Ebola-Virus, das sich unsichtbar ausbreitet - und mit ihm die Angst und die Verwirrung. Nicht alle glauben an den ansteckenden, lebensgefährlichen Erreger.

Mein Kollege fährt mich zum Flughafen Lungi, nördlich von Freetown. Ich werde von der Nichtregierungsorganisation (NGO), für die ich arbeite, aus Sierra Leone nach Dakar zwangsevakuiert. Überall auf der Straße stehen vor öffentlichen Gebäuden Eimer mit Chlorwasser.

Damit muss man sich die Hände waschen, sonst kommt man nicht hinein. In der Bank tragen die Angestellten Gummihandschuhe. Selbst guten Freunden schüttelt man nicht mehr die Hand. Man trägt lange Kleidung, meidet Menschenansammlungen.

Eimer mit Chlorwasser vor einer Behörde: Trotz weitreichender Schutzvorkehrungen breitet sich die Seuche weiter aus
DPA

Eimer mit Chlorwasser vor einer Behörde: Trotz weitreichender Schutzvorkehrungen breitet sich die Seuche weiter aus

Auch wenn die Aufklärung voranschreitet - sogar die Songs im Radio rufen dazu auf, sich bei den ersten Anzeichen von Fieber oder Erbrechen im Krankenhaus zu melden: Noch immer machen zu viele Gerüchte die Runde. "Glaubst du etwa an Ebola?", höre ich jemand am Flughafen sagen. "Das ist doch alles eine Erfindung der Politiker."

Der Norden des Landes ist eine Wählerhochburg des Präsidenten Ernest Bai Koroma und seiner APP (All People's Party). Hier erzählt man sich Geschichten über den Osten, die Wählerregion der Oppositionspartei SLPP (Sierra Leone People 's Party). Dort, so heißt es, hätten die Politiker beim Ausbruch der Krankheit behauptet, Ebola sei eine Erfindung der APP. Das Virus sei nur gemacht worden, um die Zahl der SLPP-Wähler zu reduzieren. Sobald diese ins Krankenhaus eingeliefert werden, verabreiche man ihnen eine Todesspritze und behaupte, sie hätten Ebola.

Im Bombali-Distrikt im Norden des Landes, nahe Makeni, gibt es bisher kaum bestätigte Fälle. Aber auch hier wollen die Menschen nicht an Ebola glauben. Das zeigen die Geschichten, die in den Dörfern kursieren. Wie etwa jene des Mannes, der mit Ebola-Symptomen in eine Klinik eingeliefert wurde. Man nahm ihm Blut ab und schickte es nach Kenema, wo es eines der wenigen Labore für Ebola-Tests gibt. Seine Familie aber war überzeugt: Eine "Witchgun", ein Hexengewehr, habe ihn getroffen. Deshalb habe er jetzt die Hexenkrankheit, die nur von einem traditionellen Heiler kuriert werden könne.

Die Familie entführte den Mann aus dem Krankenhaus und brachte ihn zum Heiler. Der Labortest fiel positiv aus, der Mann starb. Genau wie der Hexendoktor und dessen Kind. Die Familie des Mannes floh und versteckt sich seither.

Glaubt man den offiziellen Zahlen, hat es bisher nur einen Ebola-Fall im Bombali- und im Tonkolili-Distrikt gegeben. Was aber ist mit dem traditionellen Heiler und dem Kind? Ist die Geschichte doch nur ein Gerücht? Oder lügen die Behörden?

Plakate zur Ebola-Aufklärung in Freetown: Viele Menschen glauben nicht an das Virus
AFP

Plakate zur Ebola-Aufklärung in Freetown: Viele Menschen glauben nicht an das Virus

Die NGOs schicken "Field officers" in entlegene ländliche Regionen, um auch dort die Bevölkerung aufzuklären und zu sensibilisieren. Das Problem aber ist nicht, dass die Menschen nicht wissen, was Ebola ist. Sie wissen einfach nicht, was oder wem sie glauben sollen.

So kommt es, dass auch jene stigmatisiert und ausgegrenzt werden, die nicht mit Ebola infiziert sind. Die aber Durchfall, Fieber oder Erbrechen haben, weil sie an Malaria oder Typhus erkrankt oder einfach nur schwanger sind. Es wird dazu aufgerufen, Menschen mit solchen Symptomen den Behörden zu melden. So manch einer meldet seinen unliebsamen Nachbarn, selbst wenn der gar nichts hat.

Slum in Freetown: Auch Menschen, die nicht Ebola-infiziert sind, werden stigmatisiert, wenn sie Anzeichen von Fieber oder Durchfall haben
AFP

Slum in Freetown: Auch Menschen, die nicht Ebola-infiziert sind, werden stigmatisiert, wenn sie Anzeichen von Fieber oder Durchfall haben

Ebola passt nicht zur Lebensart der Menschen in Sierra Leone. Trifft man eine Respektperson, kann man doch nicht so unhöflich sein und eine angemessene Begrüßung verweigern! Wird ein Familienmitglied krank, kann man es doch nicht isolieren! Immer wieder trifft man auf Menschen, die sich gleich gar nicht um all die Vorsichtsmaßnahmen scheren: Selbst Bushmeat, Fleisch von Wildtieren, das vermutlich die Epidemie in Guinea ausgelöste, wird noch an der Straße bei Lunsar angeboten.

Ich musste mich von meinen Kollegen und Freunden verabschieden. Aber ich bin nicht die einzige. Viele Mitarbeiter internationaler NGOs werden außer Landes gebracht. Die Situation ist zu gefährlich, um zu bleiben. Die Einheimischen aber, sie haben keine Wahl. Ihnen bleibt nur die Angst - und ein morbider Humor: Viele stellen Wetten auf, ob sie überleben werden oder nicht.

Auf dem Weg zum Flughafen bitte ich meinen Kollegen, kurz am Markt anzuhalten, damit ich Bananen kaufen kann. "Spinnst du?", sagt er, "das sind Typhus-Ebola-Bananen", und fährt einfach weiter. Auf der Fähre nach Lungi steigt er aus dem Pick-up, um eine Toilette zu suchen. Sichtlich nervös kommt er zurück und sucht nach einer Flasche Wasser. Hektisch wäscht er sich die Hände. Jemand habe ihn "aus Versehen" begrüßt, sagt er.

Die Fähre ist voll bis auf den letzten Zentimeter. Ein Händler breitet seinen "Jonk", seine Second-Hand-Winterjacken, auf unserer Motorhaube aus, um noch schnell mit jenen ein Geschäft zu machen, die in den kalten Norden reisen. Andere, die keinen Platz gefunden haben, machen es sich auf der Ladefläche bequem. Aus dem Radio dudelt beschwingt: "Ebola is dangerous, if you shit or vomit…"

Temperaturkontrolle am Flughafen: Fieber ist eines der Hauptsymptome für Ebola - aber auch für andere Infektionskrankheiten wie Malaria
DPA

Temperaturkontrolle am Flughafen: Fieber ist eines der Hauptsymptome für Ebola - aber auch für andere Infektionskrankheiten wie Malaria

Es wurde angekündigt, dass bei Passagieren am Flughafen vor Abreise die Temperatur gemessen wird. Es ist heiß, vorsichtshalber schlucke ich zwei Paracetamol. Dann kommen wir in Lungi an. Am Flughafen steht der obligatorische Eimer mit Chlorwasser. Ich muss ein Formular ausfüllen und ankreuzen, ob ich Ebola-Symptome habe. Dann der Temperaturscan: 36,3 Grad, alles in Ordnung. Eine Stunde nach der offiziellen Abflugzeit ist der Flieger, der mich nach Dakar bringen soll, noch immer nicht da. Die Passagiere rätseln kurz, ob wir jetzt in der Falle sitzen. Dann aber kommt die Maschine doch.

Jetzt bin ich in Dakar, im "Ebola-Exil". Zurückgeblieben sind meine Kollegen, die Freunde, die netten Bewohner von Makambo, jenem Dorf, in dem ich wohnte. Die Ohnmacht der Ungerechtigkeit macht mir zu schaffen: Die Einheimischen, die keine Verwandten im Ausland oder kein Geld haben - sie sind es, die in der Falle sitzen. Nachts wache ich mit Herzrasen auf, kann nicht wieder einschlafen. Eigentlich hatte ich in Sierra Leone nie Angst, mich anzustecken. Doch reicht mir jetzt jemand die Hand oder kommt er mir zu nahe, zucke ich zusammen.

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Seite 1
LDaniel 15.08.2014
1.
So traurig es ist - selbst hier "glauben" manche Menschen nicht an Ebola oder an Viren. Selbst hier schlucken Leute irgendwelche giftigen Sachen, weil irgend ein alter Mann behauptet, damit alle Krankheiten heilen zu können. Selbst hier schlucken Menschen Homöopathie, lassen sich nicht impfen oder gehen zum Wahrsager... . Dann kann man es den Leuten dort kaum verübeln... .
panc12 15.08.2014
2.
Das sehe ich ähnlich. Es wird gerne ignoriert oder bleibt verborgen, welch Unvernunft auch in als aufgeklärt geltenden Regionen herrscht. Nicht, dass ich generell für die Abschaffung unvernünftigen Verhaltens wäre, aber bevor jetzt wieder Kommentare kommen à la "die sind selbst schuld, wenn sie Affen essen" usw. möchte ich dazu anregen vernünftig nachzudenken.
undog 15.08.2014
3. NGO Spendenritter
Kann mir mal jemand den u.g. Satz inhaltlich erklären? "Die Ohnmacht der Ungerechtigkeit macht mir zu schaffen: Die Einheimischen, die keine Verwandten im Ausland oder kein Geld haben - sie sind es, die in der Falle sitzen." "Ohnmacht der Ungerechtigkeit" was ist das? Die NGO-Frau leidet daran, dass Millionen Afrikaner nicht ins Ausland fliehen können? Wie arbeitet diese leidende Frau in Afrika, wenn es noch dicker kommt?
horsteddy 15.08.2014
4.
Es ist tragisch, was in den betroffenen Gebieten passiert. Aber was ich verwerflich finde: die hauptberuflichen Dritte-Welt- und Migrationsexperten Leben von all dem Elend. Wenn ich mir die Titel bzw. die Namen der Hilfsorganisationen anschaue, wird mir schlecht. Diese Gutmenschen verdienen gut daran. Und ihr Mitleid hört dann auf, wenn arme deutsche Menschen sie um ein Almosen bitten. Oder Obdachlose in der Stadt an öffentlichen Plätzen lagern. Jeder ist sich selbst der nächste. Für mich zählen in erster Linie unsere eigenen Leute.
lyrasaturn 15.08.2014
5. Zur Vorsicht ?
Schluckt sie Paracetamol ? Damit sie falls sie Fieber hat , keines angezeigt wird ?
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