Krankheitswelle 2011 Was wurde eigentlich aus Ehec?

Tausende Menschen erkrankten, die Intensivstationen in Norddeutschland waren überfüllt. 53 Menschen starben. Der Ehec-Ausbruch 2011 dauerte nur wenige Wochen und war so plötzlich vorbei, wie er begonnen hatte. Was hat er verändert?

Ehec-Bakterien: Gefährliche Variante der harmlosen E.coli-Darmbakterien
DPA

Ehec-Bakterien: Gefährliche Variante der harmlosen E.coli-Darmbakterien

Von


Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

"Die Erreger gibt es nach wie vor, das muss uns bewusst sein", sagt Helge Karch von der Uni Münster. Er spricht über Ehec-Bakterien. 2011 hatte ein bis dahin kaum bekannter Ehec-Typ den bisher größten Ausbruch in Deutschland verursacht. Höchstwahrscheinlich waren es verunreinigte Sprossen, über die sich die Bakterien verbreitet hatten.

Innerhalb weniger Wochen erkrankten rund 3800 Menschen, 53 starben. Knapp 3000 Betroffene litten an heftigem, blutigen Brechdurchfall. 855 entwickelten eine lebensgefährliche Komplikation: HUS, das hämolytisch-urämische Syndrom. Die Intensivstationen der norddeutschen Kliniken waren überfüllt, Fachkräfte aus anderen Regionen reisten an, um auszuhelfen.

Wie geht es den Betroffenen heute?

Inge Derad, Nierenfachärztin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) erinnert sich, wie sie und ihre Kollegen während des Ausbruchs rund um die Uhr gearbeitet haben. Derad hat einen Großteil der in Lübeck behandelten Patienten nach einem sowie nach drei Jahren erneut kontaktiert, um zu dokumentieren, wie es ihnen geht. Zu Beginn hatten die Ärzte befürchtet, dass fast alle, die aufgrund des HUS an die Dialyse mussten, diese dauerhaft benötigen würden. Bei Kindern - außerhalb dieses Ausbruchs die am meisten von HUS betroffene Gruppe - ist dies meist so.

Zum Glück hat sich die Befürchtung nicht bewahrheitet. "Bei allen Erkrankten, die wir später erreichen konnten, waren die Nieren wieder leistungsfähig", sagt Derad. Einige hätten jedoch einen Eiweißverlust - etwas, das regelmäßig ein Arzt kontrollieren sollte. Die häufigste Nachwirkung sei Bluthochdruck, ein Patient habe eine Sprachstörung. Einige Patienten litten eine Zeit lang unter schwerer Erschöpfung und Depressionen. "Die Menschen waren ja schwerstkrank. Einige haben erzählt, sie hätten halluziniert, wie sie sterben."

Ramona Schuppner, Neurologin an der Medizinischen Hochschule Hannover, hat ebenfalls Informationen von Betroffenen gesammelt, die 2011 an der Klinik behandelt wurden. "Etwa die Hälfte unserer Patienten hat noch Beschwerden in Form von Konzentrationsstörungen, Kopfschmerz oder Schlafstörungen", sagt sie. Bei jedem Vierten gebe es die Tendenz, dass sich der Zustand wieder verschlechtere. Doch während Kinder, die an HUS erkranken, anschließend oft mit Epilepsie oder Lähmungen zu kämpfen haben, ist dies bei den 2011 Infizierten nicht der Fall.

Ob das vor allem am Alter der Betroffenen liegt, am Erregertyp oder an einer Kombination von beidem - das lässt sich nicht beantworten.

Fehlende Finanzierung

"Es ist schön zu sehen, dass wir diesen Menschen wirklich helfen konnten", sagt Derad. Finanziell hat das große Engagement dem UKSH aber geschadet. "Wir sind auf rund 5,5 Millionen Euro Kosten sitzengeblieben", sagt Pressesprecher Oliver Grieve. Zusätzliche Personalkosten, Unterkünfte für die angereisten Fachkräfte, für die Behandlung angeschaffte Geräte und Materialien, dazu Ausfälle bei den Einnahmen in anderen Bereichen, weil viele weniger dringliche Behandlungen in der Zeit nicht durchgeführt wurden: Das alles kostete. Die Krankenkassen hätten so viel übernommen wie möglich, sagt Grieve. Appelle an Bund und Länder blieben erfolglos.

Warum war die Therapie der HUS-Patienten so zeit- und kostenintensiv? Weil sie intensivmedizinische Maßnahmen benötigten. Diese waren und bleiben die Basis der Behandlung, sagt Jan-Christoph Galle vom Klinikum Lüdenscheid, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (Nierenheilkunde).

Während des Ausbruchs wurden einige Patienten mit zusätzlichen Methoden behandelt: einem Plasmaaustauch oder dem Wirkstoff Eculizumab, der bis heute nicht für diese Therapie zugelassen ist. Doch: "In der kurzen, dramatischen Zeit des Ausbruchs war es nicht möglich, eine Studie zu beginnen, in der diese Behandlungen systematisch verglichen werden", sagt Galle. "Deshalb weiß man nicht, ob sie einen Vorteil bringen."

Viele Fragen offen

Ob die angewendeten Zusatztherapien sinnvoll waren - das ist nicht die einzige unbeantwortete Frage.

Wie kam es dazu, dass sich plötzlich dieser Ehec-Typus in Deutschland verbreitete? Warum sank die Zahl der Neuinfektionen, noch bevor bekannt gegeben wurde, dass verunreinigte Bockshornklee-Sprossen die Erreger weitertrugen?

"Wir haben in unserer 2012 herausgegebenen Stellungnahme darauf hingewiesen, dass eine Reihe von Fragen offen sind", sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH), Martin Exner. Die Aufarbeitung von Ausbrüchen in Deutschland müsse sich verbessern. Vor Kurzem hat sich die Weltgesundheitsorganisation WHO sehr kritisch mit ihrer Reaktion auf den Ebola-Ausbruch in Westafrika auseinandergesetzt und aufgezeigt, welche Fehler sich nicht wiederholen dürften. "Diesen selbstkritischen Ansatz vermissen wir hierbei in Deutschland", sagt Exner.

Auch die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch kritisierte 2012 die aus ihrer Sicht nicht ausreichende Aufarbeitung des Ausbruchs.

Die DGKH bemängelt unter anderem, dass im offiziellen Abschlussbericht zum Ehec-Ausbruch nur vermerkt ist, auf dem Sprossen herstellenden Hof habe es keine hygienischen Mängel gegeben. Die genauen Abläufe hätte man besser beleuchten müssen. "Nicht, um Schuld zuzuweisen, sondern um daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen." Für die auf dem Hof Arbeitenden war die Situation mehr als belastend: Die beiden Besitzer erlitten einen Nervenzusammenbruch. Und weil die Umsätze total einbrachen, mussten sie fast alle Mitarbeiter entlassen.

Auch die Risikokommunikation müsse sich verbessern. "Dass erst spanische Gurken öffentlich als Ehec-Vehikel genannt werden, was sich kurz darauf als falsch herausstellt - so etwas darf nicht passieren."

Aus Exners Sicht offenbarte der Ehec-Ausbruch, dass die verteilten Kompetenzen zwischen Bund und Ländern in einer Ausnahmesituation problematisch sind. "Es muss eine zentrale Stelle geben, die das Sagen hat." Das ermögliche, auf einen Ausbruch schnell und effizient reagieren, wie es internationale Richtlinien einfordern. Die DGKH kritisiert auch, dass zwischen den ersten Krankheitsfällen und der Erklärung, dass man es mit einem großen Ausbruch zu tun hatte, zweieinhalb Wochen vergingen. "Das hat zu lange gedauert." Man müsse über ein verbessertes Reaktionssystem reden.

Der nächste Ehec-Ausbruch wird kommen

Helge Karch, der an der Uni Münster das HUS-Konsiliarlabor leitet und damals mit seinem Team maßgeblich an der Identifizierung und Charakterisierung des Erregers beteiligt war, gibt zu bedenken, dass nach wie vor vieles über Ehec nicht bekannt sei. "Wir wissen relativ wenig darüber, in welchen Tieren die vielen verschiedenen Ehec-Typen überdauern. Daran wird auch kaum geforscht." Und über mögliche Reservoirs beim Menschen wisse man "im Prinzip nichts". Dass Stuhlproben von Patienten mit Durchfall auf Ehec getestet werden, passiere in Deutschland nur in etwa einem von zehn Fällen. Die große Aufmerksamkeit, die der Ausbruch mit sich brachte, kurbelte die Forschung kaum an. Abgesehen von einem neu dazu gekommenen EU-Projekt , sagt Karch, erhalte das Institut in etwa die gleichen Forschungsgelder wie zuvor.

Einen großen Ehec-Ausbruch gebe es in den Industrienationen alle fünf bis zehn Jahre. "Man kann nicht ausschließen, dass das auch in Deutschland wieder passiert."

Immerhin ist die beste vorbeugende Maßnahme bekannt: "Gründlich die Hände waschen - mit warmem Wasser und Seife, dann sind Ehec-Bakterien auf jeden Fall weg." Das gilt im Haushalt insbesondere beim Umgang mit rohem Fleisch und nach dem Toilettengang. Und wer Sprossen isst, muss sich bewusst sein, dass sie ein aus hygienischer Sicht riskantes Lebensmittel sein können. "Aber selbst auf einem Ehec-Kongress habe ich wieder Salat mit Sprossen gesehen", sagt Karch.

Im Video: SPIEGEL TV über Ehec (2011)

SPIEGEL TV

Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Was wurde eigentlich aus... Ihrem Wunschthema?
  • DPA
    Die Recherche-Serie bei SPIEGEL ONLINE: Nur selten erfahren wir, wie es mit den Menschen und Geschichten weitergeht, wenn sie nicht mehr "Nachricht" sind. "Was wurde aus...?" spürt den Themen nach. Sie sagen uns, was Sie wissen wollen, und wir erzählen Ihnen, wie die Geschichten ausgingen.
  • Im Überblick: Alle bisherigen Folgen
  • Was würden Sie gern wissen? Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und Ihre Hinweise.
    Selbstverständlich behandeln wir Ihre Angaben vertraulich. E-Mail genügt!
    Ihre Redaktion von SPIEGEL ONLINE
  • waswurdeaus@spiegel.de



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kraichgau12 18.06.2015
1. Bockshornklee-Sprossen...
hiessen die und die Saat kam aus Ägypten, was damals dann auch mit Einfuhrverbot belegt wurde...was ist daran so rätselhaft? Rätselhaft ist höchstens, das Einfuhren aus Drittweltländern scheinbar nur mangelhaft lebensmittel-hygienisch kontrolliert wurden bei der Einfuhr. Solche Hochrisiko-Güter wie die Saat für roh zu essende Sprossen sollten konstant kontrolliert werden, Charge für Charge...wenn man sich das "spart", wirds irgendwann woanders sehr teuer, am teuersten für die Patienten!
rudolf.kipp 18.06.2015
2. Bio-Sprossen
Zitat aus dem Artikel: "Immerhin ist die beste vorbeugende Maßnahme bekannt: "Gründlich die Hände waschen - mit warmem Wasser und Seife, dann sind Ehec-Bakterien auf jeden Fall weg." " Diese Aussage ist leicht irreführend. Den damals an EHEC erkrankten hätte diese Maßnahme ganz sicher nicht geholfen. Schließlich waren die Erreger in den Sprossen. Da hätte es nicht einmal geholfen, wenn man diese vorher mit Domestos abgewaschen hätte. Was in dem Artikel nicht erwähnt wurde ist der Umstand, dass es sich bei dem verursachenden Betrieb um einen (als vorbildlich bekannten) Bio-Hof gehandelt hat. Hätte es sich dabei um einen industriellen Massenbetrieb gehandelt, wäre uns diese Information sicher nicht vorenthalten worden. Irgendwie scheint die Tatsache, dass der größte Lebensmittelskandal der Nachkriegsgeschichte aus der Bio-Branche stammt, keine "relevante" Meldung zu sein. Während jede noch so kleine Geschichte, so sie etwa mit Massentierhaltung etc. in Verbindung gebracht werden kann, gleich der ganzen Branche negativ angehaftet wird.
mohsensalakh 18.06.2015
3. USA bekam das Geld, das er haben wollte!
Genau wie alle andere mediale Krankheiten wie Schweine- und Vogelgrippe und zuletzt Ebola. Bei Schweine- und Vogelgrippe füllte Rumsfeld seine Taschen voll mit dem Geld auf und mit EHEC andere amerikanische Firmen - "Tausende erkrankten" ist und bleibt eine von Medien erfundene Zahl, damit der Boss USA leichter an seinem Geld kommt. Ach Ebola - da hat auch USA sich kurzer Hand als alleinige Kämpfer hingestellt und bekam deshalb von Europa ein paar Milliarden und schon verschwand Ebola so schnell wie sie auftauchte!
petruschkaforever 18.06.2015
4. Robert-Koch-Institut
Hier müsste doch das Institut tätig werden und die Vorgänge untersuchen, dafür ist es doch zuständig?! Es kann doch nicht sein, dass es keinen qualifizierten Bericht gibt, der auch Lösungen zur Verhinderung gibt. Warum gab es keine Verhaftungen? 53 Tote, ich empfinde das als besorgniserregend. Und das Krkhaus bleibt auf den Schulden sitzen, in einer Republik, nicht zu fassen, der Helfende trägt auch noch den Schaden!
maxmaxweber 18.06.2015
5. Kampf gegen Bio passt nicht so gut
Wäre es eine genveränderte Tomate gewesen, dann hätte Deutschland den sofortigen Austieg aus der Gen-Forschung beschlossen und eine "Nahrungswende" verkündet. Jeder, der versucht hätte die Genforschung zu verteidigen, würde als "Genlobbyist" oder gar als "Genleugner" in die Ecke gedrängt. Aber es war ja Bio - also nur ein bedauerlicher Einzelfall von denen nicht auf eine ganze Branche geschlossen werden kann. PS: Ich esse gern Bioäpfel. Aber nicht aus Ideologie, sondern weil diese meist besser schmecken.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.