Eichenprozessionsspinner Giftige Raupen lösen heftige Allergien aus

Im Juni kriechen Eichenprozessionsspinner zu Tausenden aus den Baumkronen herab. Beim Kontakt mit ihren Gifthärchen drohen heftige allergische Reaktionen. Vor allem Spaziergänger und Schwimmbadbesucher sollten aufpassen.

Von Katrin Neubauer

DPA

"Vor den Eichen sollst du weichen" - in Zeiten des Prozessionsspinners ist dieser Spruch, der sich eigentlich auf Gewitter bezieht, ein wertvoller Ratschlag. Wenn die Raupen des eigentlich harmlosen Nachtfalters im Juni zu Tausenden aus den Baumkronen herabkriechen und ihre giftigen Härchen ausbilden, sollte man die Bäume tatsächlich meiden, wo es geht. Die Brennhaare der Raupen lösen oft unerträglich juckende Hautexzeme aus und können auch für Augen und Atemwege gefährlich werden.

Der aus der Mittelmeerregion stammende Eichenprozessionsspinner (EPS) hat sich in den vergangenen zehn Jahren zu einem gefürchteten Allergieträger entwickelt. In Gespinstnestern, die wie Zuckerwatte aussehen, bevölkern die Raupen mancherorts ganze Alleen, Schulhöfe, Sportplätze und Schwimmbäder. Am stärksten sind Gebiete entlang des Rheins, Deutschlands Süden und der Nordosten betroffen. Verschont blieben laut dem Braunschweiger Bundesforschungsinstitut Julius Kühn bislang nur das Saarland, Thüringen und Bremen.

"Besonders gefährdet sind Menschen und Tiere, die unter befallenen Eichen spazierengehen oder die Raupennester gar berühren", sagt Gudrun Luck-Bertschat, Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales in Berlin. In der Stadt waren 2013 mehr als 10.000 Bäume befallen.

Mit Widerhaken in die Haut

Die 0,1 bis 0,3 Millimeter großen Härchen der Raupen setzen sich mit kleinen Widerhaken leicht in der Haut fest. Das darin enthaltene Nesselgift Thaumetopoein kann eine sogenannte Raupendermatitis hervorrufen. Meist bilden sich auf unbedeckten Hautpartien wie Arme, Gesicht oder Nacken innerhalb kurzer Zeit starke Rötungen, Quaddeln und Pusteln. "Die ähneln vielen kleinen Insektenstichen oder Ausschlägen, wie man sie von Brennnesseln kennt", sagt Luck-Bertschat. Je nach Empfindlichkeit und Menge der Härchen verschwinden Ausschlag und Juckreiz auch ohne Behandlung spätestens nach zwei Wochen wieder. Der starke Juckreiz bringt dennoch viele dazu, zum Arzt zu gehen.

Mehr als 7000 Menschen ließen sich 2012 allein in Berlin und Brandenburg wegen Symptomen, wie sie das Raupengift hervorruft, vom Arzt behandeln. Das ergaben stichprobenartige Umfragen von Landesbehörden. Bundesweite Zahlen fehlen, da die Erkrankung nicht meldepflichtig ist. In Brandenburg war jeder vierte Patient ein Kind oder Jugendlicher. In den meisten Fällen litten die Patienten unter Ekzemen auf der Haut, bei fast jedem Fünften waren Augen und bei jedem Zehnten die Atemwege betroffen. Knapp 25 Prozent der Patienten wurden krank geschrieben.

"Der Juckreiz von Kontaktekzemen lässt sich mit verschreibungspflichtigen kortisonhaltigen Cremes gut lindern", sagt Ulrich Klein, niedergelassener Dermatologe aus Witten im Ruhrgebiet, der bereits mehrere EPS-Patienten behandelt hat. Allerdings ist die Diagnose oft schwierig, da der Ausschlag häufig mit der durch Hautmilben verursachten Krätze verwechselt wird. "Der Hinweis, dass man sich zuvor im Wald oder unter Bäumen aufgehalten hat, ist meist hilfreich", so Klein.

Tränendes Auge: Bloß nicht reiben

Im Auge können die Raupenhaare zu Rötungen der Bindehaut, Lichtscheuheit und Schwellungen führen. Augenärzte raten dazu, das tränende Auge möglichst nicht zu reiben. "Sonst könnten Härchen die Hornhaut durchbohren und eine Hornhautentzündung hervorrufen", sagt Christian Ohrloff, Direktor der Universitäts-Augenklinik in Frankfurt am Main und Sprecher der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft.

Wird der Fremdkörper nicht durch Tränen herausgeschwemmt, sollte ein Augenarzt helfen. "Durch eine Untersuchung mit der Spaltlampe lässt sich feststellen, ob sich das Härchen auf der Hornhaut oder unter dem Lid festgesetzt hat", sagt Ohrloff. Dann wird es mit einer Spülung oder einen Tupfer entfernt.

Gelangen die Gifthärchen in die Atemwege, drohen Entzündungen. Das Krankheitsbild kann einer Bronchitis, einer Rachen- oder einer Kehlkopfentzündung ähneln. Bei Asthmatikern können die Härchen Anfälle auslösen. Mittel erster Wahl sind in beiden Fällen Kortisonsprays und Antihistaminika. Allergiker und wiederholt Betroffene sind besonders gefährdet. "Aufgrund der Sensibilisierung des Immunsystems werden allergische Reaktionen nach jedem Kontakt schlimmer", sagt der Hautarzt.

Auch Haustiere von den Bäumen fernhalten

Leiden Patienten zusätzlich unter Atemnot, können bronchienerweiternde Mittel (Bronchodilatatoren) notwendig sein. In seltenen Fällen hat das Raupengift Schwindel, Übelkeit, Fieber oder einen anaphylaktischen Schock mit Kreislaufversagen zur Folge.

Die beste Vorsichtsmaßnahme ist, den Kontakt mit dem Insekt zu vermeiden, insbesondere wenn befallene Waldgebiete oder Bäume bereits mit Warnhinweisen versehen sind. "Das gilt auch für Haustiere, die die Gifthärchen im Fell mit einschleppen können", sagt Luck-Bertschat. Wer doch ein Raupenhaar aufgesammelt hat und erste Symptome spürt, sollte die Kleidung sofort wechseln und sich selbst von Kopf bis Fuß abduschen. Betroffene Hautpartien lassen sich am besten mit Wasser und Seife reinigen und sollten anschließend gefönt werden, um Härchen nicht einzureiben. Eine kalte Kompresse lindert den Juckreiz und etwaige Schwellungen.

Auch wenn sich die Raupen Ende Juni verpuppen, ist die Gefahr nicht komplett gebannt. Die Gifthärchen bleiben bis zu zehn Jahre in den Gespinsten hängen.



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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
zack34 23.06.2014
1. @ REDAKTION: Sind diese Raupen
Zitat von sysopDPAIm Juni kriechen Eichenprozessionsspinner zu Tausenden aus den Baumkronen herab. Beim Kontakt mit ihren Gifthärchen drohen heftige allergische Reaktionen. Vor allem Spaziergänger und Schimmbadbesucher sollten aufpassen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/eichenprozessionsspinner-gefahr-durch-gifthaerchen-der-raupen-a-976480.html
... für die in weiß eingehülten Bäume verantwortlich, die daran regelrecht ersticken?
ralf_si 23.06.2014
2. optional
"Wird der Fremdkörper nicht durch Tränen herausgeschwemmt, sollte ein Augenarzt helfen." Klasse, warten wir halt 3- 6 Monate auf einen Termin beim Augenarzt.
glimmstengel 23.06.2014
3. Wenn das überhaupt reicht....
Zitat von ralf_si"Wird der Fremdkörper nicht durch Tränen herausgeschwemmt, sollte ein Augenarzt helfen." Klasse, warten wir halt 3- 6 Monate auf einen Termin beim Augenarzt.
Ich habe auf einen Termin beim Augenarzt für meine Tochter, 8 Monate gewartet.
elcamel666 23.06.2014
4. @ralf_si
Ich hatte in den letzten Jahren zweimal Fremdkörper im Auge, und wurde jedesmal (einmal sogar an einem Karfreitag) binnen 30 Minuten von einem niedergelassenen Augenarzt behandelt. Ich kann ihre Sorge also garnicht nachvollziehen.
agua 23.06.2014
5.
Zitat von zack34... für die in weiß eingehülten Bäume verantwortlich, die daran regelrecht ersticken?
Bin zwar nicht die Redaktion, konnte aber oder musste, in den vergangenen Jahren Erfahrung mit den Raupen an Pinien sammeln.(in den vergangenen zwei Jahren begann der Befall an den Korkeichen) Auch wenn es unterschiedliche Raupen sind, ist die Entwicklung die gleiche. Die Eier liegen zunächst im Boden am Stamm. Die sich daraus entwickelnden kleinen Raupen kriechen den Baum hoch und fressen vor dem ersten Einspinnen die Nadeln oder Blätter. Im ersten Gespinnst werden sie grösser,verlassen dieses und fressen erneut. Das letzte Gespinnst dient zum Erreichen der ausgewachsenen Grösse der Raupe. Platzen diese auf, fallen die Raupen auf den Boden, bilden eine Kette und wandern zum nächsten Baum. Wir versuchen die Gespinnste, solange sie klein sind herauszuschneiden und zu verbrennen. Ausserdem gibt es ein biologisches Mittel, welches den Raupen vorgaukelt satt zu sein, also fressen sie nicht den Baum kahl und sterben. Die Bäume sterben am Kahlfrass.
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