Von Gerlinde Gukelberger-Felix
Es hätte eine Routineuntersuchung beim Frauenarzt werden sollen. Zwar hatte Linda Ott* immer wieder mit einem aufgeblähten Bauch und Verstopfungen zu kämpfen. Aber wer sollte bei solchen Symptomen schon an Eierstockkrebs denken? Doch die Ultraschalluntersuchung durch die Scheide lieferte schließlich den schockierenden Befund: ein Tumor in einem "frühen fortgeschrittenen" Stadium.
Etwa 8000 Frauen, durchschnittlich 65 Jahre alt, erhalten jedes Jahr in Deutschland die Diagnose Eierstockkrebs. Bei vielen wird die Krebserkrankung sogar erst viel später entdeckt als bei Ott. Das Problem: Eine Früherkennungsuntersuchung gibt es nicht. "Derzeit haben wir außer der gynäkologischen Tastuntersuchung, dem Ultraschall und der Bestimmung des Tumormarkers CA 125 keine Früherkennungsmaßnahme", sagt Jalid Sehouli.
Sehouli ist Direktor der Gynäkologischen Klinik der Charité in Berlin und Leiter des Europäischen Kompetenzzentrums für Eierstockkrebs (EKZE) und weiß nur zu gut, wie tückisch die Krankheit ist - und wie schwer deren Folgen: Wie viele Betroffene musste sich Linda Ott einer aufwendigen Operation unterziehen, bei der die Ärzte Eierstöcke, Eileiter, Gebärmutter sowie Lymphknoten entfernten. Bei der OP stellten die Ärzte fest: Das Ovarialkarzinom, so lautet der medizinische Fachbegriff, befand sich zum Zeitpunkt der Diagnose im Stadium IIa. Das heißt, außer den Eierstöcken waren Eileiter und Gebärmutterkörper bereits vom Tumor befallen. Für die 66-Jährige bedeutete das 18 Wochen Chemotherapie.
"Nicht der Name des Chefarztes ist wichtig"
Otts Therapie verlief optimal. Doch längst nicht immer ist das der Fall. Eine Untersuchung der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologischer Onkologen (AGO) zeigte jüngst, dass derzeit jede zweite Patientin nicht ausreichend behandelt wird. "Die Studie ergab auch, dass eine gute medikamentöse Therapie eine schlecht gemachte OP nicht ausgleichen kann und umgekehrt. Und sie zeigt, dass nicht der Name des Chefarztes wichtig ist, sondern die Tatsache, dass die betreffende Klinik Zugang zu kontrollierten Studien hat, an denen die Frauen teilnehmen können", sagt Sehouli.
Solche Studien haben den Vorteil, dass bestimmte Patientinnen mit neuen, vielversprechenden Medikamenten behandelt werden können, die bisher noch nicht zugelassen sind. Um die Behandlungsqualität zu verbessern, haben sich sechs Vivantes-Kliniken und die Klinik für Gynäkologie am Campus Virchow-Klinikum der Charité zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. "Eierstockkrebs ist eine Erkrankung, bei der die Behandlungsqualität direkten Einfluss auf das Überleben hat", sagt Sehouli.
In regelmäßigen Tumorkonferenzen besprechen die Ärzte gemeinsam die Therapien. Auf diese Weise sollen die Behandlungsergebnisse - in Berlin und Brandenburg, aber auch überregional - verbessert werden. Zudem sollen die Betroffenen und deren Angehörige besser über den Eierstockkrebs und die Therapiemöglichkeiten informiert werden.
In dem Kliniken-Netzwerk assistieren sich gut trainierte Ärzte gegenseitig bei den Operationen: "Eine Operation bei Eierstockkrebs dauert etwa sechs bis sieben Stunden, ist sehr aufwendig und erfordert viel Erfahrung", sagt Sehouli. Aber nicht nur die Behandlung selbst muss optimiert werden. Das Ziel ist auch, die Zahl jener Frauen, deren Krebserkrankung erfolgreich behandelt wird, zu erhöhen.
Nutzen der Immuntherapie ist fraglich
In jenen Fällen, die weiter fortgeschritten sind als bei Linda Ott - wo sich also der Krebs bereits auf das Beckengewebe, die Eierstöcke oder die Lymphknoten ausgebreitet hat - wird derzeit die Chemotherapie mit einer Immuntherapie kombiniert. Dabei wird der Antikörper Bevacizumab verabreicht (Handelsname Avastin), der das Ansprechen auf die Chemotherapie verbessern und die Neubildung von Tumorgefäßen blockieren soll, damit wird der Tumor quasi aushungert. Etwa 15 Monate dauert die Therapie. Ob sie dazu führt, dass die betroffenen Frauen länger leben, "wissen wir derzeit aber noch nicht", sagt Sehouli.
Die heute 66-jährige Linda Ott hatte Glück: In ihrem Fall beträgt die sogenannte Fünf-Jahres-Überlebensrate 80 bis 90 Prozent. Der Wert gibt Auskunft darüber, wie viel Prozent einer Patientengruppe mit einer bestimmten Erkrankung, nach Ablauf von fünf Jahren noch lebt.
Doch bei etwa 75 Prozent der Frauen, die die Diagnose Eierstockkrebs erhalten, sind bereits Blase, Darm, Lymphknoten und vor allem das Bauchfell befallen. Sie leiden häufig unter unerklärlichen, stärker werdenden Rückenschmerzen, ihr Bauchumfang nimmt zu, oder haben wochenlang dumpfe Schmerzen im Unterbauch oder Blutungen. Für viele von ihnen kommt die Diagnose zu spät, nach fünf Jahren leben gerade mal noch 30 bis 40 Prozent der Frauen.
Das neue Kliniken-Netzwerk soll diese Situation nun verbessern. Der Berliner Mediziner Sehouli hofft, dass es bundesweit viele Nachahmer finden wird und sich die Behandlungsqualität und damit auch das Überleben von Patientinnen mit Eierstockkrebs verbessert.
*Name von der Redaktion geändert
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