Ein rätselhafter Patient Attacke im Gras

Ein 50-Jähriger hat heftige, krampfhafte Bauchschmerzen. Die Ärzte sind sich sicher: eine Nierenkolik. Doch die Beschwerden werden immer schlimmer - und passen nicht mehr zur Diagnose.

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Heftige Bauchschmerzen treiben einen 50-Jährigen in die Notaufnahme. Der Mann wohnt in Ontario, im südlichsten Zipfel Kanadas. Die Beschwerden hatten morgens plötzlich eingesetzt, erzählt er. Die Schmerzen seien krampfartig und diffus, er kann sie nicht an einer bestimmten Stelle festmachen.

Etwa zeitgleich mit den Bauchkrämpfen begann noch ein weiteres Problem. Der Mann hat andauernd das Gefühl, dass er dringend auf Toilette muss, dann aber tröpfelte kaum etwas in die Schüssel. Dafür schwitzt der 50-Jährige stark, berichten die Ärzte um Matthew Carere von der University of Ottawa im "Canadian Journal of Emergency Medicine".

Bei einer ersten Untersuchung finden die Mediziner Spuren von Blut im Urin, außerdem ist der Laktatwert leicht erhöht. Der 50-Jährige berichtet zwar von einem Insekten- oder Spinnenbiss am Vortrag - diesen halten die Ärzte aber für unerheblich. Stattdessen tippen sie auf eine Nierenkolik. Alles scheint zu passen.

Eine Nierenkolik wird in der Regel durch Harnsteine verursacht, die im Harnleiter feststecken. Da die Muskulatur versucht, die Harnsteine Richtung Blase zu schieben, kommt es zu krampfartigen Schmerzen. Schweißausbrüche zählen ebenfalls zu den typischen Beschwerden. Außerdem verhindern die Steine, dass der Urin richtig abfließen kann, und es kommt mitunter zu Blut im Urin.

Die Ärzte geben dem 50-Jährigen ein Schmerzmittel und organisieren einen ambulanten Termin bei einem Radiologen. Anschließend schicken sie ihn nach Hause.

Wieder da!

Am späten Nachmittag steht der Patient jedoch wieder in der Notaufnahme, seine Schmerzen sind inzwischen zu extrem. Bei einer erneuten Blutuntersuchung stoßen die Mediziner noch einmal auf erhöhte Laktat-Werte. Sie überweisen ihren Patienten in ein klinisches Behandlungszentrum, um direkt Röntgenaufnahmen zu machen.

Bei der Ankunft geht es dem Mann sichtbar schlecht, er schwitzt übermäßig, seine Augenlider sind auf beiden Seiten geschwollen. Als die Mediziner den Bauch abtasten, spannen sich seine Muskeln automatisch an. Eine solche Abwehrspannung spricht für eine Entzündung in der Bauchhöhle, der Körper versucht, den Bereich zu schützen.

Herz und Atmung des Mannes funktionieren normal, auch erneute Bluttests, Analysen des Urins und Leberfunktionstests liefern keine weiteren Hinweise. Nur seine Körpertemperatur ist leicht erhöht. Außerdem hat der 50-Jährige einen extrem hohen Blutdruck (210/128).

Im Gespräch mit den Ärzten weist der Mann noch einmal auf sein Erlebnis vom Vortag hin. Beim Spazieren durch hohes Gras hatte er plötzlich das Gefühl, dass ihn ein Insekt oder eine Spinne gebissen habe. Was anfangs nur ein kleines Ärgernis war, entwickelte sich innerhalb von zwei Stunden zu quälenden Schmerzen im Bereich des Bisses. Schlafen konnte der Mann trotzdem, am Morgen folgten aber die Bauchbeschwerden.

Die Ärzte können weder Spuren eines Bisses noch einen Ausschlag entdecken. Die Beschwerden des Mannes aber verschlimmern sich weiter. Den 50-Jährigen übermannen immer wieder starke Schmerzen, die sich mittlerweile die Beine herunterziehen und in den Fußsohlen bündeln.

Die schwarze Angreiferin

Als die Ärzte die CT-Bilder in den Händen halten, sehen sie nur eine massiv gedehnte Blase. Nierensteine hat der Mann keine. Dafür fließt ein Liter Urin ab, als sie dem Mann einen Katheter legen. Da ihr Patient weder unter einer Infektion noch unter einer Entzündung oder einer anderen organischen Ursache zu leiden scheint, ziehen die Ärzte eine Vergiftung in Erwägung - möglicherweise durch das Insekt oder eine Spinne? Sie bitten einen Toxikologen um Hilfe, der das Rätsel tatsächlich löst.

Das Schwitzen des 50-Jährigen, der Bluthochdruck, die Schmerzen und die anderen Beschwerden passen perfekt zum Gift einer seltenen, dafür aber sehr gefürchteten Bewohnerin seiner Heimat: der Schwarzen Witwe. Die Spinnen kommen in Kanada nur in den wärmsten Regionen in der Nähe zur US-Grenze vor, könnten sich aber durch den Klimawandel weiter ausbreiten, schreiben die Mediziner.

Schwarze Witwe (Latrodectus Hesperus)
imago/ ZUMA Press

Schwarze Witwe (Latrodectus Hesperus)

Ihren berüchtigten Ruf verdanken die Schwarzen Witwen vor allem ihrer Fortpflanzung. Nach der Begattung töten die viel größeren Weibchen der Legende nach die viel kleineren, harmlosen Männchen. In der Realität passiert das jedoch nur selten.

Auch beim Menschen endet eine Begegnung mit der Schwarzen Witwe nur extrem selten tödlich, aber mitunter sehr schmerzhaft. Ihr Gift führt dazu, dass die Nerven große Mengen Botenstoffe freisetzen, zu den Folgen zählen Bluthochdruck und starke Muskelschmerzen.

Die meisten Betroffenen erholen sich innerhalb von 72 Stunden von selbst. Bei besonders schweren Fällen können Ärzte auch das Gegenmittel Antivenin einsetzen. Dieses berge jedoch das Risiko für schwere Nebenwirkungen wie allergische Reaktionen, schreiben die Autoren.

Schwarze Witwe - auch schon in Deutschland aufgetaucht

Bei dem 50-Jährigen verzichten die Ärzte auf Antivenin, stattdessen verordnen sie ihm Infusionen für seinen Flüssigkeitshaushalt und Opioide gegen die Schmerzen. Außerdem erhält er ein Medikament, das seinen Blutdruck senkt. Am zweiten Tag nach der Ankunft in der Notaufnahme haben sich die Schmerzen deutlich verbessert. Der Mann kann auch wieder selbst urinieren.

Um sicherzugehen, dass sie wirklich nichts übersehen haben, klären die Mediziner noch einmal alle möglichen Ursachen der Beschwerden ab: Eine bösartige Erweiterung der Prostata? Eine krankhaft veränderte Schilddrüse? Ein toxikologisches Syndrom? Nichts davon trifft zu, der Biss bleibt die Diagnose. Zwei Tage nach seiner Ankunft kann der Mann das Krankenhaus wieder verlassen.

Weltweit existieren etwa 30 Spezies der Schwarzen Witwe, eine kommt auch in Europa vor - vor allem in Regionen rund ums Mittelmeer. In Deutschland wurden die Tiere bislang nur vereinzelt etwa bei Obstlieferungen eingeschleppt.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
permissiveactionlink 21.10.2018
1. Gerade in Ontario
hätte ich eher einen Biss durch Latrodectus variolus vermutet, der nördlichen schwarzen Witwe, deren Verbreitungsgebiet auf den Osten Kanadas beschränkt ist, während Latrodectus hesperus eher in Westkanada verbreitet ist. Toxikologisch wurde die Übeltäterin ganz sich nicht festgemacht. Und möglicherweise durchmischen sich neuerdings auch die Verbreitungsgebiete. Dem Patienten kann es eh wurscht sein, ob er von einer L. mactans, L. variolus oder L. hesperus gebissen wurde. Äußerst unangenehm ist die Sache allemal. Selbst ein Urlaub am Mittelmeer, besonders auf Sardinien und Korsika, aber auch vor der afrikanischen Küste (kanarische Inseln, La Palma) hat diesbezüglich ein gewisses Gefahrenpotential : Auch dort kommt eine Witwenspinnen vor : L. tredecimguttatus, welche ihre kleinen Netze meist in trockenen Wiesen anlegt. Also dort besser nicht mit nackten Füßen durch Wiesen laufen, was in südlicheren Gefilden wegen Scorpionen, Scolopendern (Hundertfüßlern) und Giftschlangen (Alpenwiesen, Vorsicht : Vipera aspis !) nicht wirklich zu empfehlen ist. In Deutschland werden Witwenspinnen meist mit Lieferungen aus den südlichen USA eingeschleppt (L. mactans), oft aber rechtzeitig beseitigt, bevor sie sich hier etablieren können. Die europäische schwarze Witwe hat ihre nördlichste Verbreitung bis etwa zum 45. Breitengrad, was sich durch den Klimawandel aber verändern wird. Noch besteht diesbezüglich bei uns keine Gefahr.
Emil Peisker 21.10.2018
2. Westliche Schwarze Witwe als Flüchtling in Deutschland...
In Werdohl ist eine Schwarze Witwe aus den USA in einer Obstkiste angekommen. Man hat ihr kein Asyl gewährt, sondern mit Sicherheitskleidung und vermummt bis über die Ohren, sind 10 Feuerwehrmänner der Spinne auf die Spur gekommen. Sie hatte sich in einem Kiesfeld versteckt. Sie wurde gefangen und zum Tod mit CO2 verurteilt. Nach dieser Aktion überprüften Wissenschaftler ob es wirklich eine Schwarze Spinne war. Tatsächlich, die Sanduhrzeichnung auf dem Leib war charakteristisch für eine Art, die von Florida bis nach Quebec vorkommt. Keine Angst, solche Flüchtlinge sind ausgesprochen selten.
Pless1 21.10.2018
3. Kein Ruhmesblatt
Ein Mann kommt mit typischen Vergiftungserscheinungen in die Notaufnahme und berichtet zudem noch von einem Biss. Sämtliche Untersuchungen gehen aber in andere Richtungen und lassen eine mögliche Vergiftung komplett außer acht, schicken den Patienten sogar nach Hause. Das war fahrlässig und arrogant. Immer wieder kommt es vor, dass Mediziner Verdachtsdiagnosen ihrer Patienten hintan stellen. Was weiß der Laie schon. Nun, er steckt drin im Körper und könnte zudem einfach zufällig richtig liegen. Es geht darum, dem Patienten zu helfen und nicht darum zu demonstrieren, dass man es besser weiß.
flohzirkusdirektor 21.10.2018
4.
Zitat von Pless1Ein Mann kommt mit typischen Vergiftungserscheinungen in die Notaufnahme und berichtet zudem noch von einem Biss. Sämtliche Untersuchungen gehen aber in andere Richtungen und lassen eine mögliche Vergiftung komplett außer acht, schicken den Patienten sogar nach Hause. Das war fahrlässig und arrogant. Immer wieder kommt es vor, dass Mediziner Verdachtsdiagnosen ihrer Patienten hintan stellen. Was weiß der Laie schon. Nun, er steckt drin im Körper und könnte zudem einfach zufällig richtig liegen. Es geht darum, dem Patienten zu helfen und nicht darum zu demonstrieren, dass man es besser weiß.
*When you hear hoofbeats look for horses not zebras!* Bei der geschilderten Symptomatik hätte auch ich als Erstes an eine Nierenkolik gedacht, sonograpiert und ein Ausscheidungsurogramm angeordnet, das alles allerdings *sofort*. Btw., das abstract fängt ja schon mit dem Satz "Latrodectism following Black Widow envenomation is *rare* in Canada." an ...
Pless1 21.10.2018
5.
Zunächst die Nierenkolik zu verfolgen ist nachvollziehbar, meine Kritik bezieht sich eher darauf, eine Vergiftung erst mal gar nicht in Betracht zu ziehen. Die Spinnenart mag dort selten sein, der Patienten wusste aber gar nicht, was ihn gebissen oder gestochen hatte. Das hätte auch sonst was gewesen sein können. Zumindest hätte ich diesen Patienten nicht zwischenzeitlich nach Hause geschickt.
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