Ein rätselhafter Patient In den Fuß gewandert

Nur eine Nebenwirkung des Wachstums? Als ein neunjähriger Junge nicht mehr auftreten kann, haben die Ärzte schnell eine Diagnose parat. Doch die Schmerzen werden immer unerträglicher.

Die Ferse des Jungen (Röntgenaufnahmen): Was schmerzt da so?
JMC/ Mallia et al.

Die Ferse des Jungen (Röntgenaufnahmen): Was schmerzt da so?

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Der neunjährige Junge kann nicht mehr auftreten, deshalb kommt er in die Notaufnahme des Queens Hospital im englischen Burton-on-Trent. Schon seit zwei Tagen schmerzt sein linker Fuß, wenn er ihn belastet. Nach dem Aufwachen konnte er gar nicht mehr auftreten, obwohl er den Fuß vorher nicht verletzt hat und auch keinen Unfall hatte.

Die Mediziner in der Notaufnahme haben schnell eine Diagnose zur Hand. Schmerzen im Fuß entstehen bei Kindern im Wachstum häufig durch eine Entzündung der Wachstumsfugen der Knochen. Übermäßiger Sport oder andere Belastungen können die Schmerzen auslösen, die in der Regel von selbst wieder verschwinden. Die Mediziner schicken den Jungen wieder nach Hause, er soll eine ambulante Physiotherapie bekommen.

Doch vier Tage später ist das Kind erneut in der Notaufnahme, weil seine Schmerzen zugenommen haben. Dieses Mal ist - im Gegensatz zum ersten Besuch - der Fuß nicht nur schmerzhaft, sondern auch gerötet und über Ferse und Sprunggelenken geschwollen. Die Mediziner untersuchen ihren Patienten nicht nur klinisch, sondern fertigen auch Röntgenaufnahmen an.

Röntgenaufnahmen des linken Fußes: Das Fersenbein (der große Knochen an der Ferse) hat sich verändert, das Gewebe um den Knochen ist geschwollen
JMC/ Mallia et al.

Röntgenaufnahmen des linken Fußes: Das Fersenbein (der große Knochen an der Ferse) hat sich verändert, das Gewebe um den Knochen ist geschwollen

Auf den Bildern sind Veränderungen des Fersenbeins, Mediziner nennen es Calcaneus, erkennbar - diese treten zwar teilweise im Kindesalter auf, können aber auch auf krankhafte Veränderungen hinweisen. Insgesamt fällt den Ärzten die Bildanalyse schwer, da der Fuß wegen der Schmerzen des Jungen nicht so gehalten werden kann, wie es für die Aufnahmen eigentlich notwendig wäre.

Aus der Sicht der Ärzte ist die wahrscheinlichste Diagnose nach wie vor eine Entzündung der Wachstumsfuge, auch wenn die Erkrankung meist an beiden Füßen auftritt und normalerweise nicht die Haut rötet. Der Junge wird wieder nach Hause entlassen, berichten Alvin James Mallia und seine Kollegen im Fachmagazin "Journal of Medical Case Reports".

Krank, fiebrig, ausgetrocknet

Nach weiteren vier Tagen kommt der Junge zum dritten Mal in die Klinik. Und jetzt ist es nicht mehr allein der Fuß, der ihm Beschwerden bereitet. Er fühlt sich krank, ist fiebrig und ausgetrocknet. Die Schmerzen sind schlimmer geworden. Die Entzündungszeichen des Fußes steigen jetzt bis in das linke Bein auf, die Schwellung ist ausgeprägter als zuvor.

Eine Blutuntersuchung gibt Hinweise auf eine Entzündung. Nachdem ein Orthopäde das Kind untersucht hat, tippt er auf eine Knochenentzündung, eine sogenannte Osteomyelitis. Rasch wird der Junge in einem Kernspintomografen untersucht, die Magnetresonanztomografie (MRT) zeigt tatsächlich die Entzündung des Fersenbeins und eine Infektion des Gewebes rund um den Knochen.

Aufnahmen der Magnetresonanztomografie: Das Fersenbein ist entzündet, das Gewebe rund um den Knochen infiziert
JMC/ Mallia et al.

Aufnahmen der Magnetresonanztomografie: Das Fersenbein ist entzündet, das Gewebe rund um den Knochen infiziert

Die Ärzte bringen den jungen Patienten umgehend in den OP, wo sie den Eiter aus dem linken Fuß entleeren. Mit sechs Litern Flüssigkeit wird die Wunde ausgiebig gespült, der Knochen dafür extra noch einmal angebohrt. Die notwendige Antibiotikatherapie beginnen die Ärzte erst, nachdem sie im OP Eiter sichergestellt und den Erreger der Wundinfektion bestimmt haben. Die Wunde muss erst einmal offen bleiben, nach der OP wird das Bein ruhiggestellt und die Wunde noch zweimal gespült. Erst dann verschließen die Mediziner sie.

Die Bakterienkultur im Labor zeigt, dass der Fuß des Jungen mit dem Keim Staphylococcus aureus infiziert ist. Die Ursache für eine solche Infektion können kleine Wunden am Fuß sein oder verschleppte Bakterien aus anderen Körperregionen. Möglich ist zum Beispiel, dass Patienten nach einer Mittelohrentzündung oder einem grippalen Infekt an der Osteomyelitis erkranken.

Sechs Wochen lang muss der Junge Antibiotika nehmen, um sicherzustellen, dass die Infektion im Knochen ausreichend behandelt ist. Die Blutwerte normalisieren sich, nach der Zeit hat er keine Beschwerden mehr und kann das Bein voll belasten. Ein Jahr nach der Behandlung geht es ihm gut und er kann normal Fußball spielen, berichten seine Ärzte.

Die britischen Mediziner schreiben in ihrem Fallbericht selbstkritisch, dass es bei diesem Patienten zu lange gedauert hat, bis sie die richtige Diagnose gestellt haben - obwohl es bei Knochenentzündungen im Fuß von Kindern häufig noch länger dauert, bis Ärzte auf die richtige Spur kommen.

Anders als bei Entzündungen langer Röhrenknochen haben die betroffenen Kinder am Fuß oft nicht so starke Schmerzen, wie es zu erwarten wäre. Zudem dauert es häufig, bis Veränderungen in den Knochen auf normalen Röntgenaufnahmen zu erkennen sind. Glücklicherweise müssen nicht alle Patienten operiert werden, in manchen Fällen reicht auch eine Antibiotikatherapie.

ZUM AUTOR
  • Dennis Ballwieser arbeitet für den Verlag der "Apotheken-Umschau" und ist Arzt. Von 2011 bis 2013 war er Redakteur bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
J. Eigenroth 13.09.2015
1. Tja …
Wären die Eltern mal zu einem vernünftigen Heilpraktiker gegangen, der hätte sofort eine Arnica-Therapie gestartet und das Problemchen wäre im Nuh weg gewesen. Aber lieber rennt man dreimal ergebnislos zum Arzt und quält den kleinen Patienten dann über ein Jahr! Echte Liebe zum Kind schaut definitiv anders aus!
interstitial 13.09.2015
2. genau
Arnika bei einer voll entwickelten S. aureus -Entzündung...genau.....So sieht echte liebe auch bestimmt nicht aus!
Sven04 13.09.2015
3. vernünftige Heilpraktiker?
http://www.spiegel.de/panorama/heilpraktiker-auf-droge-grosseinsatz-bei-tagung-in-handeloh-a-1051602.html#ref=veeseoartikel sind scheinbar schwer zu finden.
Arno Nym2 13.09.2015
4.
Zitat von J. EigenrothWären die Eltern mal zu einem vernünftigen Heilpraktiker gegangen, der hätte sofort eine Arnica-Therapie gestartet und das Problemchen wäre im Nuh weg gewesen. Aber lieber rennt man dreimal ergebnislos zum Arzt und quält den kleinen Patienten dann über ein Jahr! Echte Liebe zum Kind schaut definitiv anders aus!
http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/alternativmedizin-bei-krebs-gefaehrliche-esoterik-a-1048139.html Ganz genau, weil alle Ärzte und die ganze Pharmaindustrie so böse ist, nur die Heilpraktiker wollen was gutes.
Malshandir 13.09.2015
5. Nicht unueblich in UK
Mich wundert das bei den Aerzten in UK gar nicht. der hat sogar Glueck so schnell einen Roentgentermin zu erhalten. Die meisten Aerzte kennen sich in UK mit Schulmedizin nicht aus und folgen nur Arbeitsanweisungen und Protokollen.
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