Ein rätselhafter Patient: Sensationelle Schwangerschaft

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Eine schwangere Afrikanerin hat den errechneten Geburtstermin bereits überschritten, als sie mit Bauchschmerzen in die Klinik geht. Das Kind sitzt offenbar in Steißlage - die Ärzte empfehlen einen Kaiserschnitt. Doch als der junge Assistenzarzt das Skalpell ansetzt, bricht Aufregung aus im OP.

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Baby im Bauch: Manchmal geheimnisvoll bis zur Geburt

Dass die 33-jährige Afrikanerin eine Sensation ist, ahnen weder ihre Ärzte noch sie selbst, als sie am Ende ihrer Schwangerschaft Bauchschmerzen bekommt. Besonders um den Bauchnabel herum tut es ihr weh, als sie sich im Mpilo Central Hospital in Bulawayo vorstellt, der zweitgrößten Stadt Simbabwes. Es ist ihre erste Schwangerschaft, und es hat bereits Komplikationen gegeben.

In der neunten und in der 15. Woche hatte die Frau mit leichten Schmerzen im Unterbauch das lokale Krankenhaus an ihrem Wohnort aufgesucht. Auch im weiteren Verlauf der Schwangerschaft litt sie immer wieder unter Bauchschmerzen. In der 22. Schwangerschaftswoche stellten Mediziner zudem einen erhöhten Blutdruck fest und verschrieben ihr Medikamente. Alle vier Wochen ließ die Patientin daraufhin ihren Blutdruck messen, er lag jedes Mal im Normbereich. Erst in der 39. Woche war er mit 150/100 mmHg deutlich zu hoch.

In der 33. Woche untersuchten Ärzte die Schwangere offenbar das erste Mal per Ultraschall. Während dies in Deutschland schon in der Frühschwangerschaft üblich ist, besitzt in den ländlichen Gegenden Afrikas längst nicht jede Klinik Ultraschallgeräte. Die vaginalen Untersuchungen hatten bis dahin immer ergeben, dass das Kind kopfüber im Bauch der Mutter liegt. Die Mediziner dokumentierten nach der Ultraschalluntersuchung aber, es handele sich um einen intrauterin - also innerhalb der Gebärmutter - liegenden, lebensfähigen Fötus in Steißlage. In vielen Ländern ist diese Lage des Kindes, bei der das Becken in Richtung Geburtskanal zeigt, ein entscheidendes Argument für einen Kaiserschnitt.

Das Drama beginnt

Als die Frau das Mpilo Central Hospital wegen ihrer Bauchschmerzen aufsucht, hat sie den errechneten Geburtstermin bereits überschritten. Erneut messen die Ärzte einen erhöhten Blutdruck. Bei der Untersuchung tasten sie, dass das Kind weiterhin in Steißlage liegt. Sie raten der Patientin dringend zu einem Kaiserschnitt, wie sie im "Journal of Medical Case Reports" berichten. Die Schwangere willigt ein und lässt sich am folgenden Tag eine rückenmarksnahe Narkose geben - das Drama beginnt.

Zu Beginn der Operation setzt ein wenig erfahrener Assistenzarzt das Skalpell an und schneidet den Bauch der Frau auf. Er durchtrennt die Haut, das Fettgewebe und die Muskeln des Bauches, als plötzlich dunkel gefärbte Flüssigkeit aus der Wunde quillt. Das dürfte so nicht sein, normalerweise enthält dieser mit Bauchfell umkleideten Teil des Unterbauchs keine Flüssigkeit. Und eigentlich müsste der junge Arzt als nächstes die Gebärmutter eröffnen, doch der Rücken des Kindes ist schon zu sehen. Es liegt nicht in der Gebärmutter, sondern mitten im Bauchraum. Sofort holt das Ärzteteam das Baby aus dem Bauch, die Nabelschnur wird abgeklemmt und durchgeschnitten - es ist ein Mädchen. Es schreit, es strampelt, seine Haut ist gut durchblutet. Es geht ihm gut.

"Dass eine Frau mit einer Bauchhöhlenschwangerschaft ein gesundes Baby zur Welt bringt, ist extrem selten", sagt Birgit Seelbach-Goebel, Direktorin der Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Universität Regensburg zu dem Fall aus Simbabwe. "Eine Bauchhöhlenschwangerschaft kann durch Verwachsungen des Mutterkuchens mit umliegenden Organen und Blutungen lebensbedrohlich werden." In Deutschland werden diese Fälle meistens schon in den ersten Wochen erkannt, weil Gynäkologen mit einem vaginalen Ultraschall die Lage des Embryos bestimmen können. "Wird der erste Ultraschall wie in diesem Fall aber erst in der 33. Woche gemacht, ist es manchmal sehr schwer, genau zu erkennen, ob der Fötus innerhalb oder außerhalb der Gebärmutter liegt", meint Seelbach-Goebel.

Bei welcher Entscheidung ist die Lebensgefahr geringer?

Die Mutter ist einerseits glücklich - und hat andererseits große Angst. Im Operationssaal herrscht Aufregung: Der Mutterkuchen löst sich nicht von allein. Der junge Chirurg klemmt die Arterien ab und ruft einen erfahrenen Kollegen zu Hilfe, der entscheidet, dass die Frau eine Vollnarkose braucht. Die Gefahr für eine lebensbedrohliche Blutung ist groß, weil die Plazenta stark durchblutet ist. Die beiden Mediziner konsultieren einen weiteren Arzt.

Auch der Mutterkuchen liegt nicht in der Gebärmutter, sondern außen am Dünn- und am Dickdarm und der Harnblase. Die Ärzte wissen, dass sie das Organ entfernen müssen. Zwar riskieren sie so weitere Blutungen. Lassen sie den Mutterkuchen aber im Bauch, besteht die Gefahr, dass sich das Gewebe entzündet, abkapselt oder blutet. Die Chirurgen nähen die Wunde nach der Entfernung mit acht Stichen, kleine Membranteile belassen sie im Bauchraum, um den Darm und die Blase nicht zu verletzen. Die Frau verliert bei der Operation eineinhalb Liter Blut und bekommt Konserven.

Fünf Tage später will sie schon nach Hause. Zwar entdecken die Ärzte noch Flüssigkeit im Bauchraum, ansonsten geht es Mutter und Kind aber gut. Das kleine Mädchen ist so kräftig, dass es an der Brust trinken kann. Doch schon am nächsten Tag muss sich die Frau nach dem Essen übergeben, sie hat starke Bauchschmerzen. Drei Tage später kommt sie zurück ins Krankenhaus. Die Flüssigkeit im Bauchraum, die Ärzte auch Aszites nennen, hat deutlich zugenommen. Mit langen Nadeln müssen die Mediziner wiederholt literweise Flüssigkeit ablassen, außerdem verordnen sie der Patientin Antibiotika.

In ihrem Fallbericht schreiben die Ärzte: "Wir sind uns bewusst, dass unser Management mangelhaft erscheinen mag. Wir arbeiten in einem einkommensschwachen Land. Uns fehlten die finanziellen Mittel, um herauszufinden, woher die Flüssigkeit im Bauchraum kam."

Der Frau geht es Schritt für Schritt besser, ein erhöhter Blutdruck aber bleibt, auch ist ihr Kalium- und Natriumspiegel zu niedrig. Die Ärzte empfehlen ihr, sich selbst und das Kind regelmäßig untersuchen zu lassen.

Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter
Für Mobilnutzer: Über diesen Link erfahren Sie mehr über die Risiken und Behandlungsmöglichkeiten einer Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter.

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Na toll...
raphaela45 03.02.2013
Bestimmt werden die "Lebensschützer" diesen seltenen Einzelfall als Beleg dafür verwenden, daß es richtig ist, auch in Ländern, wo solche -potentiell lebensgefährlichen - Einzelfälle schon im Schwangerschafts-Frühstadium feststellbar sind, nicht als medizinische Abbruch-Indikation zu werten...In den Ländern Mittel- und Südamerikas wo die katholische Kirche die Gesetzgebung beeinflußt hat, dürfen u. a. auch Eileiter-Schwangerschaften erst beendet werden, wenn das "Kind" abgestorben oder der Eileiter geplatzt ist.
2.
kleo123 03.02.2013
@raphaela45: was hat das jetzt mit "Lebensschützern" zu tun wenn sich eine Frau ein Kind wünscht und es dann zur Welt bringt? Nur, weil es Komplikationen gibt (und der Artikel besagt nicht, ob diese lebensgefährlich waren), muss eine Frau nicht gleich ihr Kind abtreiben, egal, in welchem Land!
3. Ist selten, ...
prüter 03.02.2013
... kommt aber auch in den reicheren westlichen Ländern ganz selten mal vor. So wie vor einigen Jahren in der Geburtshilflichen Abteilung in Hilden (NRW). Nach meiner Erinnerung war der Verlauf nach der Geburt nicht so komplikationsbehaftet, Mutter und Kind waren wohlauf. Auch hier kam es bei einer Sektio zu einer großen Überraschung bei den operierenden Gynäkologen. Insgesamt ist den - sehr selbstkritischen - Ärzten aus den von Ihnen zitierten Fall ein großes Lob auszusprechen, dass es Ihnen gelungen ist, auch die Mutter zu retten. Ich kenne die medizinische Versorungslage in Simbabwe nicht, weiß aber von Kollegen, die in afrikanischen Ländern für Ärzte ohne Grenzen gearbeitet haben, dass die Verhältnisse gerade in der Geburtshilfe in vielen Ländern sehr schlecht sind und Frauen reihenweise an Erkrankungen versterben, die durch eine moderne Geburtshilfe, die wir uns leisten können, hier kaum noch vorkommen. Umso mehr verdiet dieser Fall unseren Respekt!
4. Nicht verstanden
sponvw 03.02.2013
Geht es nur mir so, oder hat auch jemand anderes nicht verstanden was letztlich die Flüssigkeit im Bauchraum war? Die Frau ging 5 Tage nach der Geburt nach Hause und kam drei Tage später zurück ins Krankenhaus. Dort wurde wieder Flüssigkeit aus dem Bauchraum entnommen, es geht aber nicht hervor, was es für eine Flüssigkeit war und woher sie stammt.
5. optional
TheJonsc 03.02.2013
@kleo: Eine solche extrauterine Schwangerschaft ist nicht nur eine "Komplikation", sondern verläuft unbehandelt in aller Regel tödlich. Aber sie haben schon recht, nur weil Mutter (und Kind sowieso) mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sterben gibt das niemandem das Recht abzutreiben und das Leben der Mutter zu schützen. Sie soll schließlich leiden für ihre Erbsünde!
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  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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• Bestimmung von Blutgruppe und Rhesusfaktor
• Test auf Röteln, HIV, Chlamydien, Lues, Hepatitis B
• bei begründetem Verdacht Test auf Toxoplasmose
• Ernährungsberatung (Jod, Folsäure und Vit B12)
• Kontrolle durch Zahnarzt

Alle vier Wochen:
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• Überwachung der kindlichen Herztöne

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