Ein rätselhafter Patient Google sei Dank

Ein 48-Jähriger verliert plötzlich das Bewusstsein, auch nach 24 Stunden können sich die Ärzte die Ohnmacht nicht erklären. Dann aber stößt die Schwester des Mannes im Internet auf einen entscheidenden Hinweis.

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Alles beginnt am Abend. Der 48-Jährige hat Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, außerdem spürt er einen Druck in seinen Ohren. In der folgenden Nacht muss er sich mehrmals übergeben. Als sich am nächsten Morgen noch Empfindungsstörungen einstellen, bringt ihn seine Frau in die Notaufnahme des Krankenhauses im schwedischen Falun.

Bei seiner Ankunft antwortet der Mann noch einsilbig auf Fragen, dann verschlechtert sich sein Zustand rapide. Innerhalb der folgenden 15 Minuten verliert er das Bewusstsein. Fieber hat er keines, der Mann kann noch selbstständig atmen und seine Pupillen reagieren leicht auf Licht. Unter seinen Lidern bewegen sich die Augen, als würde er träumen.

Es gibt verschiedene Gründe, aus denen Menschen scheinbar grundlos und plötzlich in Ohnmacht fallen, schreiben seine behandelnden Ärzte um Thomas Silfverberg im Fachblatt "Journal of Medical Case Reports". Ein unbehandelter Diabetes etwa, ein Leber- oder Nierenversagen, eine inaktive Schilddrüse oder schwere Störungen im Elektrolythaushalt.

Routiniert starten die Mediziner ihre Tests, doch bei dem Mann scheint keine typische Ursache zutreffend. Seine Blutwerte sind normal, genauso wie CT-Aufnahmen seines Kopfes und Messungen der Hirnströme. Obwohl nichts für eine Infektion spricht, verordnen die Ärzte dem 48-Jährigen vorsorglich ein Antibiotikum sowie Mittel gegen Viren. Sein Zustand verbessert sich jedoch nicht, im Gegenteil.

Schwierigkeiten beim Schreiben, Krämpfe als Kind

Zwölf Stunden nach seiner Ankunft im Krankenhaus beginnt der bewusstlose Mann, Blut zu erbrechen. Weil seine Atmung stockt, verlegen die Ärzte ihn auf die Intensivstation. Aus Sorge, der Patient könnte doch unter einer Entzündung von Gehirn oder Rückenmark leiden, verschreiben sie ihm zusätzlich Entzündungshemmer. Doch auch das bringt keine Erleichterung.

Am nächsten Morgen, 24 Stunden nach der Ankunft im Krankenhaus, haben die Ärzte noch immer keine Ahnung, warum ihr Patient in Ohnmacht liegt. Dann allerdings bittet seine Schwester um ihre Aufmerksamkeit. Sie hat eine Idee.

Ihr Bruder entwickelte als Kind immer wieder Krampfanfälle, bei denen er sich übergab und das Bewusstsein verlor. Die Ärzte deuteten die Beschwerden damals als harmlose Fieberkrämpfe. Da der Mann jedoch sein Leben lang auch Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hatte, vermutete seine Schwester, dass er unter einer angeborenen Krankheit leiden könnte.

Um dem nachzugehen, machte sie, was viele tun würden: Sie suchte im Internet nach den Beschwerden, konkret nach "Erbrechen", "Bewusstlosigkeit" und "Krämpfe" (auf schwedisch: "kräknigar", "medvetslösher", "kramper"). Dabei sei sie auf eine seltene, genetisch bedingte Stoffwechselstörung gestoßen, erzählt die Frau den Ärzten. Deren Symptome würden zu seinen Problemen passen.

Bei der Krankheit kommt es zu einer Störung des Harnstoffzyklus in der Leber, wodurch sich Ammoniak im Körper anreichert und dem Gehirn schadet. Obwohl die Krankheit in der Regel im Kindesalter diagnostiziert wird, nehmen die Ärzte die Schwester ernst - und werden fündig. Im Blutplasma des Mannes schwimmen 213 Mikromol pro Liter Ammoniak, normal schwanken die Werte zwischen elf und 32.

Rätselhafte Abneigung gegen eiweißreiche Lebensmittel

Die Ärzte beginnen mit einer Dialyse, bei der sie sein Blut durch Maschinen leiten und das Ammoniak herausfiltern. Trotzdem verschlechtert sich der Zustand des Patienten drastisch, mittlerweile ist er seit 48 Stunden ohnmächtig. Bei einer Magenspiegelung stoßen die Mediziner auf schwere Blutungen durch ein Magengeschwür. Der Fund im Bauch erklärt auch, warum es dem Patienten plötzlich so schlecht geht, obwohl sein Harnstoff-Zyklus bereits seit seiner Geburt gestört ist.

Im Normalfall wandelt der Harnstoff-Zyklus überschüssigen Stickstoff aus Eiweißen in wasserlöslichen Harnstoff um, der dann über den Urin aus dem Körper gelangt. Funktioniert ein Teil des Kreislaufs nicht richtig, kann sich giftiges Ammoniak im Körper anreichern, das eigentlich nur ein Zwischenprodukt darstellt.

Bei dem Mann hatte sich die Störung bis zu diesem Zeitpunkt kaum bemerkbar gemacht, weil sein Harnstoff-Zyklus noch eingeschränkt funktionierte. Außerdem entwickelte er wie viele Betroffenen instinktiv eine Abneigung gegen eiweißreiche Lebensmittel, die viel Stickstoff in den Körper bringen. Mit dem Blut aus dem Geschwür gelangten allerdings so große Mengen Eiweiß in seinen Magen und damit in sein Verdauungssystem, dass sein Harnstoff-Zyklus kollabierte.

Zehn Liter Blutverlust

Obwohl die Ärzte mittlerweile wissen, was ihrem Patient fehlt, lassen sich die Probleme kaum kontrollieren. Innerhalb der folgenden 30 Stunden kommt es immer wieder zu heftigen Magenblutungen, der Mann verliert insgesamt rund zehn Liter Blut. Als Folge steigen auch seine Ammoniakwerte weiter, obwohl er an der Dialyse hängt. Die Ärzte geben ihm zusätzliche Medikamente, die den Stoff neutralisieren. Am Ende von Tag drei gelingt es schließlich, die Ammoniak-Werte in einen normalen Bereich abzusenken.

Am nächsten Tag zeigen neue CT-Aufnahmen jedoch, wie viel Schaden der Stoff bereits angerichtet hat. Das Ammoniak hat bewirkt, dass die Nervenzellen Flüssigkeit aufgenommen haben. Sein Gehirn ist angeschwollen und drückt auf den Schädel. Die Ärzte transportieren ihren Patienten auf die neurologische Intensivstation. In den folgenden Tagen zeigt die Therapie endlich Wirkung. An Tag 15 stellen die Mediziner die Dialyse ein. Nach 31 Tagen hat sich auch die angesammelte Flüssigkeit im Gehirn zurückgebildet. Doch die Schäden bleiben.

Als der Patient aufwacht, kann er kaum sprechen, er hat Seh-, Hör-, und Geschmacksstörungen. Zwar kann der Mann seinen Kopf selbst bewegen, seine Arme und Beine aber gehorchen ihm nicht. Die Flüssigkeit und der Druck haben Gewebe in seinem Gehirn zerstört, wie auf MRT-Bilder zu sehen ist. Trotzdem kämpft sich der Mann zurück ins Leben.

"Unser Patient würde vielleicht nicht mehr leben"

Zehn Monate nachdem ihn seine Frau in die Notaufnahme gebracht hat, kann der Mann das Krankenhaus wieder verlassen. Seine Familie hat sein Zuhause für seinen neuen Bedürfnisse umgebaut. Medikamente regulieren seinen Ammoniak-Haushalt, außerdem ist seine Eiweißzufuhr über die Ernährung auf ein Minimum beschränkt. Fünfzehn Monate nach seiner Entlassung beginnt er, wieder selbstständig zu essen und mit den Beinen seinen Rollstuhl durch die Wohnung zu bewegen. Auch sein Wortschatz wird größer, obwohl er sich nach wie vor nur einsilbig ausdrückt.

"Unser Patient hätte vielleicht nicht überlebt, wenn wir die Diagnose seiner Familie nicht ernst genommen hätten und ihr nicht nachgegangen wären", schreiben die Ärzte. Der Fall mache außerdem deutlich, was für eine Kraft eine Suche im Internet gerade bei seltenen Krankheiten mit verschiedenen Symptomen entfalten könne.

Ärzte sollten bei Patienten mit einer längeren, unerklärlichen Bewusstlosigkeit die Ammoniakwerte messen - ganz egal, wie alt die Betroffenen sind, schreiben die Ärzte. Obwohl die Krankheit bei Erwachsenen nur extrem selten diagnostiziert werde, sei sie möglicherweise weiter verbreitet und werde einfach nicht erkannt.

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
horstenporst 30.09.2018
1.
Trotz diese Falles gilt für Fragen der Gesundheit: Don't google it! https://danielrehn.wordpress.com/2014/11/11/case-dont-google-it-wie-die-flamische-regierung-eine-kampagne-mit-google-adwords-aufsetzte/ https://vimeo.com/109120220
multi_io 30.09.2018
2. Blutuntersuchung
Kann man ein Arzt erklären, wieso man das Ammoniak erst dann gefunden hat, als man gezielt danach gesucht hat? Offensichtlich war in diesem Fall ja die Zeit ein sehr kritischer Faktor, und man hätte das Koma und die Spätfolgen womöglich vermeiden können, wenn man sofort von dem vielen Ammoniak im Blut gewusst hätte. Könnte man nicht diese Blutuntersuchungen bei Notfallpatienten mit unklarer Diagnose irgendwie soweit automatisieren, dass einfach immer *alles* getestet wird, jedes auch nur irgendwie bekannte Molekül, ohne dass der Aufwand dafür ins unermessliche steigt?
Hansfried 30.09.2018
3. Die Frage habe ich mir auch gestellt
Zitat von multi_ioKann man ein Arzt erklären, wieso man das Ammoniak erst dann gefunden hat, als man gezielt danach gesucht hat? Offensichtlich war in diesem Fall ja die Zeit ein sehr kritischer Faktor, und man hätte das Koma und die Spätfolgen womöglich vermeiden können, wenn man sofort von dem vielen Ammoniak im Blut gewusst hätte. Könnte man nicht diese Blutuntersuchungen bei Notfallpatienten mit unklarer Diagnose irgendwie soweit automatisieren, dass einfach immer *alles* getestet wird, jedes auch nur irgendwie bekannte Molekül, ohne dass der Aufwand dafür ins unermessliche steigt?
Bei einem solchen Patienten wird doch sofort ein grosses Blutbild gemacht, bei der "Merker" auf dem ausgedruckten Ergebnisbogen bei jeder Abnormalität gesetzt werden. Können schwedische Ärzte nicht lesen? Ich habe mit meiner Frau einen ähnlichen Fall ärztlicher Ignoranz erlebt. Magnesiummangel mit Sauerstoffunterversorgung, sofort erkennbar im Blutbild. Was machten die Ärzte in Deutschland (weil es 3.000 Euro bringt)? Eine Herzkathederuntersuchung, die in diesem Fall eine Körperverletzung darstellt und in einigen Fällen tödlich endet. Meine Frau hat´s überlebt, hatte weiter die Probleme, ist in Polen zum Arzt gegangen und der hat das Problem (ohne Blutuntersuchung) sofort erkannt. Magnesiumspritze und weg war´s. So was ähnliches habe ich in einer deutschen Universitätsklinik erlebt, als ich mal (im Rahmen einer anderen Krankheit) Herzklabaster hatte. Mir wurde ebenfalls die o.a. Herzkathederuntersuchung vorgeschlagen, obwohl alle Indikatoren aus den bisherigen Untersuchungen keinerlei Auffälligkeiten zeigten. Ich habe abgelehnt und mich an das alte Hausrezept meines Vaters erinnert: Knoblauchpillen. Seitdem ich die nehme, habe ich keinerlei Beschwerden mehr.
Brontosaurus 30.09.2018
4. googelnde Patienten gehören nun mal dazu, und das muss nicht unbedingt schlecht sein
stimmt sicher, dass es vielen Menschen nicht gelingt, die vielen Informationen aus dem Internet richtig einzuordnen. Diagnosen, die man sich dort raussucht indem man einfach unspezifische Beschwerden ergoogelt, ohne dass man tiefergehende medizinische Fachkenntnisse hat, sollte man zumindest mit seinem Arzt besprechen. In Zeiten von Google, sollten aber auch Ärzte umdenken und auf das eingehen, welche Sorgen und Fragen Patienten in die Sprechstunde mitbringen, die gegoogelt haben, und ihnen nicht einfach nur sagen, glaubt Google nicht, sondern glaubt mir. Das ist nicht nur arrogant, zeugt von Null Respekt und Interesse für den Patienten, sondern ist oft genug auch ebensowenig richtig diagnostiziert. Auch Ärzte tappen häufig im Dunkeln, geben es aber ungern zu. Wenn sie sich mehr für ihre Patienten interessieren würden, anstatt sie in zwei Minuten ohne zuzuhören durchzuschleusen, könnten sie den Patienten sicherlich auch öfter helfen, und der wichtigste Grund fürs googeln würde damit wegfallen. Hilfreich wäre es über die Sorgen zu sprechen, die vielleicht durchs googlen aufgekommen, aber unberechtigt sind. es nützt nichts, die so sorgen einfach als Quatsch abzuqualifizieren, denn offen gebliebene Fragen, werden den Patienten auch weiter nachhängen. im Übrigen ist es eine Frage der Recherchekompetenz, ob man von der Google-Suche profitiert oder sich eher verrückt machen lässt. ich persönlich, war schon so mehrere Male froh, gegoogelt zu haben, anstatt mich auf den Arzt zu verlassen. Von der richtigen OP für meine Mutter und den richtigen Verhaltensweisen, bei eigenen orthopädischen Problemen, bis hin zum selbst erkannten Typ 1 Diabetes, wo mein Arzt noch wenige Monate, bevor dieser völlig eskalierte, noch gesagt hatte, ich solle mich über einzelne Laborwerte mal nicht so aufregen, war schon alles dabei. Danke Google, gut dass es dich gibt.
jujo 30.09.2018
5. ...
Zitat von HansfriedBei einem solchen Patienten wird doch sofort ein grosses Blutbild gemacht, bei der "Merker" auf dem ausgedruckten Ergebnisbogen bei jeder Abnormalität gesetzt werden. Können schwedische Ärzte nicht lesen? Ich habe mit meiner Frau einen ähnlichen Fall ärztlicher Ignoranz erlebt. Magnesiummangel mit Sauerstoffunterversorgung, sofort erkennbar im Blutbild. Was machten die Ärzte in Deutschland (weil es 3.000 Euro bringt)? Eine Herzkathederuntersuchung, die in diesem Fall eine Körperverletzung darstellt und in einigen Fällen tödlich endet. Meine Frau hat´s überlebt, hatte weiter die Probleme, ist in Polen zum Arzt gegangen und der hat das Problem (ohne Blutuntersuchung) sofort erkannt. Magnesiumspritze und weg war´s. So was ähnliches habe ich in einer deutschen Universitätsklinik erlebt, als ich mal (im Rahmen einer anderen Krankheit) Herzklabaster hatte. Mir wurde ebenfalls die o.a. Herzkathederuntersuchung vorgeschlagen, obwohl alle Indikatoren aus den bisherigen Untersuchungen keinerlei Auffälligkeiten zeigten. Ich habe abgelehnt und mich an das alte Hausrezept meines Vaters erinnert: Knoblauchpillen. Seitdem ich die nehme, habe ich keinerlei Beschwerden mehr.
Man kann den schwedischen Ärzten eventuell mangelnde Sorgfalt vorwerfen. Mit Sicherheit aber nicht unsinnige (?) Untersuchungen weil diese Geld bringen. Eher ist es umgekehrt, zwingende (?) Untersuchungen unterbleiben weil diese zu teuer sind. Bislang habe ich gute Erfahrungen hier in Schweden gemacht. Was zu meckern gibt es immer.
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