Ein rätselhafter Patient Verräterische Flecken

Diabetes - die Diagnose klingt eindeutig. Doch obwohl der Patient seine Medikamente einnimmt, häufen sich die Beschwerden und seine Haut verfärbt sich. Ein Bluttest offenbart, woran der Mann leidet.

Acanthosis nigricans: An Kopf, Hals und Achselhöhle verfärbt sich die Haut des Patienten
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Acanthosis nigricans: An Kopf, Hals und Achselhöhle verfärbt sich die Haut des Patienten

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Mit 44 Jahren bekommt ein Franzose die Diagnose Diabetes mellitus. Seine Körperzellen reagieren auf das nach dem Essen ausgeschüttete Hormon Insulin nicht mehr, indem sie Glukose aus dem Blut aufnehmen; sie werden resistent. Als Reaktion steigert der Körper beim sogenannten Typ-2-Diabetes zunächst die Insulinausschüttung aus der Bauchspeicheldrüse, doch irgendwann versiegt die Produktion. Medikamente sollen den Blutzuckerspiegel senken und die Resistenz der Zellen bekämpfen.

Dagegen zerstört beim Typ-1-Diabetes, der häufig im Kindes- oder Jugendalter beginnt, das körpereigene Abwehrsystem die insulinproduzierenden Zellen. Die Betroffenen sind deshalb von Anfang an auf gespritztes Insulin angewiesen. An Typ-1-Diabetes leidet der Mann allerdings nicht, typische Antikörper fehlen. Der französische Patient spritzt zwar nach der Diagnose Insulin, kann kurz danach aber auf das als Tablette verfügbare Metformin umsteigen, das den Blutzuckerspiegel senkt.

Die Haut des Patienten verfärbt sich, er nimmt zehn Kilo ab

Im Jahr nach der im Pariser Krankenhaus Pitié-Salpêtrière gestellten Diagnose bereiten dem Patienten plötzliche Unterzuckerungen Probleme. Die können für Diabetiker lebensgefährlich sein, nicht nur weil sie Herz und Kreislauf belasten, sondern auch, weil sie zum Beispiel im Straßenverkehr schlimme Folgen haben können. Der französische Patient hört auf, sein Metformin einzunehmen, doch die Unterzuckerungen bleiben, sowohl wenn er nichts oder zu wenig gegessen hat als auch nach dem Sport. Gleichzeitig bleibt sein Insulinspiegel hoch. Seine Gelenke schmerzen, in kurzer Zeit nimmt er zehn Kilogramm ab.

Zur gleichen Zeit verändert sich die Haut des Mannes, berichten Olivier Bourron und seine Kollegen im Fachmagazin "The Lancet". An Kopf, Hals und Achselhöhle verfärbt sich die Haut dunkel, Mediziner nennen das Phänomen Acanthosis nigricans. Was genau die Veränderungen verursacht, ist unbekannt. Doch bei Diabetikern kommt es gelegentlich vor - typischerweise, wenn die Insulinresistenz zunimmt und der Körper vermehrt Insulin produziert.

Die Ärzte nehmen Blut ab: Der Kontrollwert (HbA1c), der anzeigt, wie hoch der Blutzucker in den vergangenen drei Monaten durchschnittlich war, zeigt trotz der Unterzuckerungen einen mittelhohen Wert an. Beim Glukosetoleranztest nimmt der Mann auf nüchternen Magen 75 Gramm Glukose zu sich, anschließend wird nach einer, zwei und drei Stunden der Blutzuckerspiegel gemessen. Trotz der Unterzuckerungen bleibt sein Blutzuckerspiegel, wie bei einem Diabetiker zu erwarten, zwei Stunden nach dem Testbeginn deutlich erhöht, gleichzeitig ist sein Insulinspiegel ebenfalls deutlich zu hoch.

Blick auf die Bauchspeicheldrüse

Im Ultraschall sieht die Bauchspeicheldrüse normal aus. Auch eine Szintigrafie und eine Computertomografie sowie Blutuntersuchungen ergeben keine Hinweise auf einen insulinproduzierenden Tumor, der die Ursache der Unterzuckerungen sein könnte. Die Ärzte schließen auch aus, dass der Patient sich selbst - versehentlich oder absichtlich - Medikamente zuführt, die den Blutzuckerspiegel senken.

Allerdings finden die Mediziner im Blut verschiedene Antikörper, seine Abwehrzellen sind teilweise in geringerer Menge als normal vorhanden, und auch andere Teile des Immunsystems sind beeinträchtigt. Die Ärzte glauben, dass ihr Patient zusätzlich zum Diabetes an einer anderen Krankheit leidet, dem systemischen Lupus erythematodes, einer Autoimmunkrankheit.

Im Blut finden die Ärzte schließlich Antikörper, die sich gegen einen Insulinrezeptor auf den Zellen richten. In Laborversuchen können diese Antikörper gleichzeitig:

  • eine ähnliche Wirkung auslösen wie Insulin selbst,
  • verhindern, dass Insulin an seinen Rezeptor in der Zelloberfläche bindet.

Ein Krebsmedikament hilft

Um den Patienten von seinen Unterzuckerungen zu erlösen, geben die Ärzte ihm zwei Injektionen eines Antikörpers, Rituximab. Der richtet sich gegen Abwehrzellen, die ein bestimmtes Protein auf der Oberfläche tragen. Normalerweise wird das Medikament bei Lymphomen eingesetzt, Krebserkrankungen der Abwehrzellen. Als Wirkung der Behandlung geht ein Teil der antikörperproduzierenden Abwehrzellen des Patienten unter. Drei Monate nach dieser Therapie kommt es bei dem Mann immer seltener zu Unterzuckerungen. Zwei Jahre nach dem Beginn der Probleme ist sein Langzeitblutzuckerwert HbA1c normal, Unterzucker ist kein Problem mehr, ein erneuter Blutzuckertest verläuft ohne krankhafte Werte. Schließlich nimmt der Mann wieder vier Kilogramm zu und die Hautverfärbungen verschwinden.

Ein solches Insulinresistenzsyndrom ist zwar nicht außergewöhnlich, schreiben die behandelnden Ärzte. Es tritt auch häufig gemeinsam mit Autoimmunkrankheiten wie dem Lupus erythematodes auf. Doch die Patienten haben nur selten von Beginn an Unterzuckerungen. Die Ärzte vermuten, dass bei ihrem Patienten Antikörper, die vom Lupus erythematodes verursacht werden, nicht nur für die Unterzuckerungen verantwortlich gewesen sein könnten, sondern auch für den Ausbruch der Blutzuckerkrankheit an sich. Denn nach der Behandlung mit dem Antikörper sind nicht nur die Unterzuckerungen verschwunden, sondern auch der Diabetes.

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insgesamt 2 Beiträge
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sok1950 26.10.2014
1. und wie wirkt sich Erkenntnis beim praktischen Arzt aus?
Zitat: --gar nicht. Es bleibt dabei, wer zu hohen Zucker hat wird mit teuren Medikamenten behandelt, ohne das die Ursachen tatsächlich abgeklärt sind.
CancunMM 26.10.2014
2.
Zitat von sok1950Zitat: --gar nicht. Es bleibt dabei, wer zu hohen Zucker hat wird mit teuren Medikamenten behandelt, ohne das die Ursachen tatsächlich abgeklärt sind.
Irgendwie haben Sie den Artikel nicht verstanden, oder ? Welche Abklärung möchten Sie denn beim Diabetes mellitus Typ II oder Typ I ? Die Mechanismen sind doch bekannt. Wollen Sie also weniger teure Medikamente, aber eine teure Abklärung auf molekularer Ebene, die aber auch rein gar nichts in Hinblick auf die Behandlung bringt ? Und welches teure Medikament meinen Sie ? Metformin ? Supiteuer ? Klar gibt es auch teure Medikamente, aber ein Großteil der Typ II-Diabetiker könnte bei etwas mehr Bewegung und Gewichtsabnahme bei Metformin bleiben.
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