Ein rätselhafter Patient Mangelhaft

Seit vier Wochen ist ein 61-jähriger Mann krank. In dieser Zeit hat sich sein Zustand rapide verschlechtert. Er ringt um Worte, schwankt beim Laufen. Die Ursache finden die Mediziner in seinem Magen.

Der Magen (Symbolbild)
Getty Images/iStockphoto

Der Magen (Symbolbild)

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Vor vier Wochen war der 61 Jahre alte Mann noch komplett gesund, jetzt tragen ihn seine Beine nicht mehr richtig. Er hat Schwierigkeiten, alleine aufzustehen. Wenn er geht, schlurfen die Füße über den Boden, und er schwankt. Hinzu kommen Taubheitsgefühle in seinen Händen und Füßen, es kribbelt.

In der Notaufnahme im Brigham and Womens' Hospital in Boston erzählt die Familie des Mannes, dass auch sein Gedächtnis in letzter Zeit nachgelassen habe. Im Schnitt muss der Mann um jedes vierte Wort ringen, berichten die Mediziner in einem Fallbericht im Fachmagazin "Jama".

Herz und Lunge des Mannes scheinen normal zu arbeiten, auch Tests der Nieren- und Leberfunktion fallen gut aus. Im Blut jedoch stoßen die Ärzte auf einen ersten Hinweis. Der Hämoglobin-Wert des Mannes ist zu niedrig, genauso wie der Hämatokrit-Wert. Das bedeutet, dass in seinem Blut zu wenige feste Bestandteile schwimmen. Der 61-Jährige leidet unter einer Anämie.

Reflexe wie ein Säugling

Bei der Untersuchung fällt den Ärzten auf, dass die Reflexe an den Beinen des Mannes zu stark ausgeprägt sind. Als sie über den Rand der Fußsohle streichen, zieht er seinen großen Fußzeh Richtung Kopf und spreizt die restlichen Zehen. Dieser sogenannte Babinski-Reflex ist bei Säuglingen bis zu einem Alter von etwa einem Jahr normal. Tritt er jedoch bei Erwachsenen auf, spricht das für eine Verletzung der Nerven im Rückenmark.

MRT- Aufnahmen bestätigen den Verdacht. Im Bereich von Brust- und Hals entdecken die Mediziner Stellen, an denen das Rückenmark beschädigt ist. In Kombination mit den Gedächtnisproblemen kommen mehrere Diagnosen infrage. So könnte es sich etwa um eine fortgeschrittenen Syphilisinfektion handeln, bei der die Krankheit auf das zentrale Nervensystem übergegriffen hat. Denkbar wäre auch ein Kupfermangel, schreiben die Mediziner um Maria Yialames in ihrem Fallbericht.

Aufgrund der Blutwerte schließen sie jedoch auf eine andere Erkrankung: Sie vermuten, dass ihr Patient unter einem extremen Vitamin-B-12-Mangel leidet. Der Körper benötigt das Vitamin unter anderem, um rote Blutkörperchen herzustellen. Das könnte seine Anämie erklären. Auch die Nervenprobleme passen zu der Diagnose. Fehlt das Vitamin, können Nerven ihre Signale nicht mehr richtig weiterleiten. Lähmungen, Verwirrtheit, Gedächtnisprobleme oder Psychosen zählen zu den möglichen Folgen.

Auf die Ernährung angewiesen

Ein Bluttest bestätigt die Vermutung. Der Wert des Vitamins ist so niedrig, dass das Labor nicht einmal kleinste Mengen findet. Ohne Vitamin B 12 kann der Mensch auf Dauer nicht überleben. Da der Körper das Vitamin nicht selbst herstellen kann, ist er auf die Zufuhr aus der Nahrung angewiesen. Vitamin B 12 steckt in erster Linie in tierischen Lebensmitteln wie Leber, Fisch, Eier oder Milchprodukten. Aus diesem Grund sollten vor allem Veganer auf eine ausreichende Versorgung achten.

Bei dem 61-jährigen Patienten hingegen kann die Ernährung den plötzlichen, extremen Mangel nicht erklären. Stattdessen muss bei der Aufnahme des Vitamins etwas gründlich schiefgehen. Dieser Prozess funktioniert nur mithilfe eines Eiweißes, das die Magenschleimhaut produziert. Es heftet sich noch im Magen an das Vitamin und schützt es auf dem Weg in den Dünndarm, wo es schließlich in die Blutbahn gelangt.

Es gibt eine Krankheit, die diesen Prozess untergräbt und die Probleme des Mannes erklären könnte. Sie tritt vermehrt in einem bestimmten Alter auf - die meisten erkranken mit 60. Dabei attackiert das eigene Immunsystem die Magenschleimhaut und verhindert die Produktion des schützenden Eiweißes. Das Vitamin B 12 geht während der Verdauung verloren, ein Mangel entsteht.

Ohne Umweg in den Muskel

Eine Magenspiegelung bestätigt den Verdacht. Die Magenschleimhaut des Patienten ist entzündet, ausgedünnt und ungewöhnlich platt. Behandeln lässt sich dieses Problem nicht direkt. Es bringt auch nichts, den Betroffenen Vitamin-Tabletten zu verschreiben. Das zugeführte Vitamin würde wie der Stoff aus den Lebensmitteln während der Verdauung verloren gehen. Stattdessen benötigen Betroffene Spritzen in den Muskel, von wo aus das Vitamin direkt in die Blutbahn gelangen kann.

Um die Speicher wieder aufzufüllen, spritzen die Ärzte dem Mann fünf Tage lang 1000 Milligramm des Vitamins, anschließend folgen wöchentliche Injektionen. Zum Schluss kommt der Patient mit monatlichen 1000-Milligramm-Spritzen aus. Seine Probleme sind gelöst. Zwei Monate später kreisen wieder genug Blutkörperchen durch seinen Körper, sein Gedächtnis funktioniert und auch die Nervenprobleme sind verschwunden.

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mintie 29.07.2018
1.
Und was ist nun mit der eigentlichen Ursache? Um welche Autoimmunkrankheit handelt es sich denn? Muss er nun ein Leben lang Vitamin B12 zu sich nehmen? Wird die Krankheit von selbst abheilen oder verschlechtert sich der Zustand?
barlog 29.07.2018
2.
Man darf sich fragen, ob es vor der Möglichkeit der Herstellung von B12-Nahrungsergänzungen Menschen gab, die die schöne Methode der veganen Ernährung schadlos praktizierten.
Kokolemles 29.07.2018
3. Findet das auch ein 0, 8, 15 Dorfarzt während einer Untersuchung?
Ich fürchte nein. Ich habe das selbe problem das mich magenbeschwerden plagen und ich massive problene beim Aufstehen habe. Ich war schon dutzendmal beim Arzt hier im Ort. Sicherlich Lunge wurde geröngt, die inneren Organe per Ultraschall untersucht, Aufwendige Blutuntersuchungen mit PH Werten um die 3 und hinter allen dem Schulterzuken. Dann erfährt man ggf Jahre später, das man Krebs hat und es für eine Heilung zu spät ist. Das Thema Vorsorgeuntersuchung wird viel zu wenig beachtet.
marsupilama 29.07.2018
4. Wo kommt Vitamin B12 her?
Zitat von barlogMan darf sich fragen, ob es vor der Möglichkeit der Herstellung von B12-Nahrungsergänzungen Menschen gab, die die schöne Methode der veganen Ernährung schadlos praktizierten.
Tiere und Fische, Eier und Milch produzieren kein Vitamin B12. Vitamin B12 wird vorwiegend von Mikroorganismen die auf Pflanzen leben hergestellt. Eine ausreichende Vitamin B12 Zufuhr kann , über Wildpfanzen, Sauerkraut, Norialgen u.a. sichergestellt werden. Da die meisten unserer Nahrungsmitteltiere inzwischen auch industrielle Nahrung bekommen, muss dort massiv Vitamin B12 als Zusatzstoff verfüttert werden.
Sonia 29.07.2018
5. Ungewöhnliches Glück hatte der Mann
er geriet offensichtlich an wirklich kompetente Ärzte, die ihren Beruf ernst nehmen und entsprechend gute medizinische und biologische Bildung haben. In unseren Kliniken zu einer Rarität geworden. Wer hier nicht leitliniengerecht krank wird, nicht auf leitlieniengerechte Behandlungen reagiert, hat ziemlich schlechte Chancen gesund zu werden. Mitdenken, Ursachenrecherchen, Kollegen zu Rat zu ziehen erfordert oft Engagement über die reguläre Arbeitszeit hinaus. Heute ist der pünktliche Feierabend heilig in einem Beruf, wo es um Leben u. Tod geht. Ich weiß aber, in den USA ist es nicht so - da wird sehr aufwendig Ursachenforschung bei Patienten betrieben, selbst dann, wenn Oma 90 wird und der Braten wartet. Dieser hier geschilderte Fall bestätigt das, wie Medizin in den USA funktioniert..Toll.
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