Ein rätselhafter Patient Gefährliche Geburt

Kurz hintereinander bringen zwei Frauen in Arizona ihr Kind zu Hause zur Welt, bei den Geburten läuft alles gut. Dann aber können die Babys nicht mehr richtig atmen. Ihr Zustand verschlechtert sich rapide.

Neugeborenes (Symbolbild)
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Neugeborenes (Symbolbild)

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Als erstes trifft es ein Baby, das im Januar 2016 zur Welt kommt. Seine Mutter hat sich für eine Hausgeburt entschieden. Betreut von einer Hebamme entbindet sie in einer frisch gefüllten Wanne, alles scheint gut zu laufen. Schon fünf Minuten nach der Geburt hat sich das Kind an das Leben außerhalb der Gebärmutter angepasst, es atmet regelmäßig, seine Haut verfärbt sich rosa. Auch sein Herz schlägt gleichmäßig. Einen Tag nach der Geburt stehen die Eltern jedoch in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Arizona, wie aus einem Fallbericht der US-Gesundheitsbehörde CDC hervorgeht.

Der Zustand ihres Kindes hat sich dramatisch verschlechtert, es ringt viel zu schnell nach Luft. In seinem Blut zirkuliert nicht mehr genug Sauerstoff. Die Ärzte diagnostizieren einen angeborenen Herzfehler, das Baby wird in eine Kinderklinik überwiesen. In dem Krankenhaus röntgen die Ärzte zum ersten Mal den Brustkorb des kleinen Kindes. Auf der Aufnahme zeigt sich eine Trübung des linken, unteren Lungenflügels - an der Stelle können die Röntgenstrahlen das Gewebe des Kindes nicht richtig durchdringen.

Die Mediziner gehen davon aus, dass dieser Teil der Lunge kollabiert ist. Dazu kann es kommen, wenn sich die Lunge von Neugeborenen nicht richtig entfaltet. Daneben würde jedoch auch eine Lungenentzündung infrage kommen. Die Mediziner beginnen, die Lunge zu beobachten. Weitere Röntgenaufnahmen zeigen, dass sich das Organ nicht erholt - im Gegenteil. Auf beiden Seiten scheint sich das Gewebe entzündet zu haben. Die Ärzte überweisen das Kind an ein zweites Krankenhaus, wo Mediziner eine Lungenspiegelung durchführen. Was hat es bloß?

Das Wasser im Jacuzzi steht bereit

Nur drei Monate später kommt in derselben Region ein weiteres Baby zur Welt, das Mediziner vor ein ganz ähnliches Rätsel stellt. Die Eltern kennen sich nicht, die Hebammen sind andere - und doch sind die Babys Leidensgenossen. Auch beim zweiten Kind hat sich die Mutter für eine Hausgeburt entschieden. Seit einer Woche steht der Whirlpool bereit, gefüllt mit 36,7 Grad warmem Wasser. Als sich die Wehen zuspitzen, bringt die Frau in dem Becken ein gesundes Baby zur Welt.

Drei Tage später jedoch entwickelt das Neugeborene hohes Fieber, auch am nächsten Tag steigt die Körpertemperatur gefährlich in die Höhe. Die Eltern sind besorgt, sie gehen mit ihrem Kind in die Notaufnahme. Dort messen die Mediziner 39,2 Grad Celsius, sie röntgen direkt den Brustkorb des Babys. Das Bild zeigt flockige, knötchenförmige Schatten. Die Mediziner behalten das Kind im Krankenhaus, ihr Verdacht: Es hat eine Lungenentzündung und eine Neugeborenensepsis - eine schwere, meist bakterielle Infektion. Welcher Keim dahintersteckt, ahnen die Ärzte zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Als sich der Zustand jedoch nicht verbessert, untersuchen sie Urinproben und Lungensekret des Neugeborenen. Eine Woche ist es alt, als sie schließlich sein erstes Krankheitsrätsel lösen: Im Körper des Babys haben sich Legionellen ausgebreitet - stäbchenförmige Bakterien, die bei Neugeborenen nur sehr selten Infektionen verursachen. Auch beim ersten Baby finden die Mediziner die Keime schließlich in Gewebeproben der Lunge. Ein Verdacht keimt auf: Haben sich die Babys bei der Geburt in den mit Leitungswasser gefüllten Wannen infiziert?

Legionellen auch in Deutschland ein Problem

Die Mediziner melden die Fälle unabhängig voneinander der Gesundheitsbehörde, die sie schließlich zusammenbringt und in einem Bericht schildert. Legionellen kommen in geringen Mengen in nahezu jedem Gewässer vor, ab Temperaturen von etwa 25 Grad können sie sich jedoch stark vermehren. In den meisten Fällen infizieren sich Menschen mit Legionellen, indem sie Wasserdampf mit den Keimen einatmen, etwa über eine schlecht gewartete Klimaanlage, beim Duschen oder beim Baden in Whirlpools. Auch in Deutschland kommen die Keime vor, die meisten Betroffenen sind hierzulande aber Männer über 50, berichtet das Robert Koch-Institut (RKI).

Als die US-Gesundheitsbehörde nachforscht, stößt sie jedoch noch auf einen weiteren Fall, bei dem sich ein Baby in Texas bei einer Wassergeburt zu Hause mit Legionellen infiziert hat. Das Kind hat die Infektion nicht überlebt.

Um das Risiko für solche Fälle in Zukunft zu senken, erstellt die Gesundheitsbehörde einen Ratgeber für Hebammen. Die Gefahr könne unter anderem gesenkt werden, indem der Wasserschlauch erst einmal drei Minuten lang mit heißem Wasser gespült werde, schreiben sie. Außerdem sollten spezielle Wannen verwendet werden - auf keinen Fall ein Whirlpool und erst recht nicht ein Whirlpool, in dem das warme Wasser bereits seit einer Woche steht.

Die beiden Babys in Arizona haben Glück. Beide erhalten zehn Tage lang Antibiotika, das zweite Kind darf schon kurz nach Beginn der Therapie wieder nach Hause. Das erste hingegen muss insgesamt mehr als zwei Monate im Krankenhaus blieben. Schuld daran sind allerdings nicht die Legionellen, sondern sein zufällig entdeckter Herzfehler.

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