Ein rätselhafter Patient Panik nach der Operation

Eine 48-Jährige leidet unter Panikattacken, der Arzt verschreibt ihr ein Antidepressivum. Als die Angst immer schlimmer wird, sucht die Frau in der Uni-Klinik Mainz Hilfe. Die Psychiater haben schnell einen Verdacht.

Panikattacken: Die Frau schreckt aus dem Schlaf hoch, fühlt sich unruhig, ängstlich und bedroht
Corbis

Panikattacken: Die Frau schreckt aus dem Schlaf hoch, fühlt sich unruhig, ängstlich und bedroht


Wegen ihrer Panikattacken kommt eine 48-Jährige in die Ambulanz der psychiatrischen Universitätsklinik Mainz. Zwei Stunden, bevor sie bei den Ärzten dort Hilfe sucht, hatte sie ihren letzten Anfall erlitten, Angst und Ruhelosigkeit plagen sie in diesen Phasen.

Als die Mediziner sie untersuchen, hat sie keine körperlichen Beschwerden mehr. Sie ist auf der Suche nach einer Alternative zu dem angstlösenden Antidepressivum, das ihr der Hausarzt verschrieben hat. Kurz zuvor hatte sie dessen Diagnose einer Angststörung von einem Psychiater bestätigen lassen, der ihr geraten hatte, die Dosis des Medikaments zu erhöhen.

Die erste Panikattacke hatte die Patientin fünf Wochen zuvor ereilt, kurz nachdem sie am Sprunggelenk operiert worden war. Seit dem ersten Anfall treten die Panikattacken etwa zweimal wöchentlich nachts auf. Die Frau wacht aus dem Schlaf auf, ist unruhig, ängstlich, fühlt sich bedroht, ihr ist schwindelig und sie schwitzt stark, berichten Konrad Schlicht und seine Kollegen im Fachmagazin "The Lancet". Dazu kommen Stimmungsschwankungen, sie muss plötzlich weinen und kann sich nicht mehr konzentrieren.

Die Psychiater fragen weiter nach. Vor Kurzem hat die Frau sich selbstständig gemacht, sie belastet außerdem eine schwere Krankheit ihrer Mutter. Nach einer Schwangerschaft hatte sie zwölf Jahre zuvor an einer Wochenbettdepression gelitten, nie zuvor allerdings an Panikattacken oder anderen Angststörungen.

Überweisung in die Notaufnahme

Der diensthabende Psychiater wundert sich über den zeitlichen Zusammenhang zwischen dem erstmaligen Auftreten der Panikattacken und der Sprunggelenksoperation. Weil die Patientin vor dem letzten Anfall zudem erstmals auch unter Atemnot litt, hat er einen Verdacht - er schickt die Frau weiter in die Notaufnahme der Uni-Klinik. Dort machen seine Kollegen sich auf die Suche nach einer möglichen körperlichen Ursache der Panikattacken.

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Auch in der Notaufnahme hat die Patientin keine offensichtlichen körperlichen Beschwerden. Ihr Blutdruck ist normal, allerdings schlägt ihr Herz mit 105 Schlägen pro Minute schneller als normal, das EKG ist ebenfalls nicht ganz normal. In einer Laboruntersuchung sehen die Ärzte einen weiteren Hinweis, der ihren Verdacht unterstützt: Die sogenannten D-Dimere sind erhöht - möglicherweise hat die Patientin eine Lungenembolie erlitten.

Bei einer Lungenembolie lösen sich Teile einer Thrombose, häufig in den Beinvenen, und werden mit dem Blut durch den rechten Teil des Herzens bis in die Lunge gespült, wo sie die Blutgefäße verstopfen. Dadurch wird die Atmung behindert, unbehandelt kann eine Lungenembolie schnell tödlich enden. Tatsächlich entdecken die Mediziner in einer rasch durchgeführten Computertomografie (CT) die Emboli in den Lungenarterien. Die rechte Herzkammer, die versucht, gegen den erhöhten Widerstand Blut in die Lunge zu pumpen, ist bereits vergrößert und arbeitet nicht mehr normal.

Die Frau hatte keine Panikstörung. Die körperlichen Symptome, die sie deutlich fühlen konnte, haben die Todesangst ausgelöst.

Sofort wird die Patientin auf die Intensivstation verlegt. Sie bekommt blutgerinnungshemmende Medikamente, ein Kompressionsverband am Bein soll weitere Emboli verhindern. Ein medikamentöses Auflösen der Thrombose verwerfen die Ärzte wegen der nur kurz zurückliegenden Operation.

Schon nach der Operation hatte die Frau wie bei solchen Patienten üblich einen Blutgerinnungshemmer erhalten, um das Thromboserisiko zu senken, während sie einen Verband tragen musste - offensichtlich vergeblich: In einer Ultraschalluntersuchung des Beines sehen die Ärzte mehrere verschlossene Beinvenen.

Mutation im Erbgut

Und eine weitere Blutuntersuchung ergibt die wahrscheinliche Ursache für die Thrombose: Die Frau hat eine sogenannte Faktor-V-Leiden-Mutation in ihrem Erbgut. Die verändert ein Protein, den Faktor V, der deshalb die Gerinnung dauerhaft fördert und das Risiko von Thrombosen erhöht.

Nach der Behandlung der Thrombose sind auch die psychiatrischen Probleme der Patientin verschwunden. Nach sechs Tagen kann sie entlassen werden, muss allerdings ein Jahr lang einen Blutgerinnungshemmer einnehmen. Bei einer Nachuntersuchung drei Monate später arbeitet auch die rechte Herzkammer wieder normal, die Frau leidet nicht mehr an Panikattacken. Nach sieben Monaten fließt auch das Blut im Bein wieder normal.

"Der Fall ist äußerst ungewöhnlich", sagt Klaus Lieb, der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz, in der die Frau zuerst Hilfe suchte. "Panikstörungen sind in den allermeisten Fällen psychische Erkrankungen und gerade nicht organisch bedingt." Viele Betroffene befürchteten, dass sie unter einer körperlichen Krankheit leiden, obwohl die allermeisten das nicht tun. "Unsere Patientin ist eine Ausnahme, die aber zeigt, wie wichtig auch bei jeder psychischen Erkrankung eine körperliche Untersuchung ist", sagt Lieb.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes hieß es, die Mediziner hatten die Emboli in den Lungenvenen entdeckt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
teneny 03.08.2014
1. Rechtschreibung
"Tatsächlich entdecken die Mediziner in einer rasch durchgeführten Computertomografie (CT) die Emboli in den Lungenvenen." "ein Kompressionsverband am Bein soll weitere Emboli verhindern." Es heißt nicht Emboli sondern Emboli"e". Der Plural von Emboli"e" ist Emboli"en".
mac4ever2 03.08.2014
2. Ein sehr interessanter und auch lehrreicher Fall
Immer noch werden Patienten, wenn die Ärzte nicht mehr weiter wissen, schnell auf die "Psychoschiene" abgeschoben. Hat man aber als Patient erst mal die Diagnose einer Somatisierungsstörung in den Akten, so kommt man auch so schnell nicht wieder davon herunter, es gibt ja andererseits auch viele Patienten, bei denen sie zutrifft. Ich weiß aber, daß es Psychiater gibt, die gegen diese Unsitte kämpfen. Die richtige DD zu stellen, ist halt nicht einfach - und nicht jeder ist ein "Dr. House"...
suchenwi 03.08.2014
3. Ein Embolus, zwei Emboli...
Zitat von teneny"Tatsächlich entdecken die Mediziner in einer rasch durchgeführten Computertomografie (CT) die Emboli in den Lungenvenen." "ein Kompressionsverband am Bein soll weitere Emboli verhindern." Es heißt nicht Emboli sondern Emboli"e". Der Plural von Emboli"e" ist Emboli"en".
Wikipedia dazu: "Embolie [ɛmboˈliː] (griechisch ἐμβάλλω emballo „hineinwerfen“ und Embolus „Gefäßpfropf“)", und Plural auf -i ist ganz regelmäßig ;^)
brammel 03.08.2014
4. Ich kann auch klugscheißen
er Embolus; Genitiv: des Embolus, Plural: die Emboli
Consanesco 03.08.2014
5. Wiedererkennungswert...
Hineingeworfene schulmeisterliche Kommentare wie der von "teneny" erinnern mich immer wieder zuverlässig daran, dass ich in Deutschland lebe.
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