Eine rätselhafte Patientin Guck mir auf die Zähne, Doktor

Eine 68-jährige Japanerin fällt in Ohnmacht. Im Krankenhaus finden Ärzte schnell Erklärungen für die Probleme der Frau. Den tatsächlichen Grund aber übersehen sie tagelang.

Arzt bei der Arbeit am Computer
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Arzt bei der Arbeit am Computer

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Anfangs ist der 68-Jährigen nur etwas schwindelig, dann aber verliert sie das Bewusstsein. Mit einem Rettungswagen kommt die Japanerin in die Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses in Hokkaido. Die Frau hat eine lange Krankenakte: Sie leidet unter Bluthochdruck, Diabetes und einer chronischen Nierenerkrankung. Einen Monat vor ihrer Einlieferung ist außerdem Appetitlosigkeit hinzugekommen.

Als die Ärzte die Patientin untersuchen, geht es ihr schon wieder besser. Sie kann die Augen öffnen, auf Fragen antworten und sich bewegen, wenn die Mediziner sie dazu auffordern. Ihr Blutdruck liegt zu diesem Zeitpunkt bei vorbildlichen 128 zu 75. Allerdings stolpert ihr Herz immer wieder und schlägt ungewöhnlich schnell, schreiben die Ärzte in der Zeitschrift "Oxford Medical Case Reports".

Die Mediziner bitten die Frau ins Behandlungszimmer, wo sie sie von Kopf bis Fuß durchchecken. Sie betrachten ihre Bindehaut, tasten nach geschwollenen Lymphknoten am Hals, hören ihren Brustkorb ab und inspizieren den Bauch. Alles wirkt gesund. Ein EKG zeigt zwar leichtes Vorhofflimmern, Röntgenaufnahmen der Brust sind jedoch unauffällig. Dasselbe gilt für CT-Aufnahmen des Gehirns und des Oberkörpers.

Natriummangel, Übersäuerung, Nierenversagen

Die Ärzte nehmen der Patientin Blut ab und bitten sie um eine Urinprobe. Beides schicken sie ins Labor. Erst die Analyse der Flüssigkeiten zeigt, wie stark der Körper der Frau tatsächlich aus dem Takt geraten ist. Im Blut der Japanerin kreist zu wenig Natrium. Fehlt der Stoff, können die Nerven nicht mehr richtig miteinander kommunizieren. Noch gefährlicher ist allerdings ein Hinweis aus dem Urin: Er enthält große Mengen Ketonkörper, die auf einen starken Insulinmangel hinweisen - und auf eine lebensgefährliche Übersäuerung.

Ohne Insulin können die Zellen keine Glukose aus dem Blut aufnehmen, ihnen fehlt ihr wichtigster Treibstoff. Stattdessen stellen sie ihre Energiegewinnung auf Fette um. Dabei entstehen jedoch größere Mengen an Zwischen- und Abfallprodukten, die den pH-Wert des Bluts absenken. Das wiederum stört zusätzlich die Nerven in Gehirn und Rückenmark. Im Extremfall kommt es zu Desorientierung und Koma.

Doch damit nicht genug. Die Blut- und Urinwerten der Frau zeigen außerdem, dass ihre Nieren nicht mehr richtig arbeiten. In ihrem Blut schwimmen Stoffe, die der Körper eigentlich über den Urin ausscheiden sollte. Dies sei wahrscheinlich Folge des gestörten Diabetes-Stoffwechsels und der chronischen Nierenkrankheit der Frau, schreiben die Mediziner. Sie sind überzeugt, das Problem der Frau gefunden haben.

Bessere Werte - schlechterer Gesundheitszustand

Die 68-jährige Japanerin muss im Krankenhaus bleiben, gegen den Natriummangel erhält sie Elektrolyte. Außerdem versorgen die Mediziner sie mit Insulin. Zumindest auf dem Papier erholt sich die Patientin. Ihre Natriumwerte steigen, der Blutzuckerspiegel sinkt und auch ihre Nieren beginnen, wieder zu arbeiten. Auf ihren geistigen Zustand hat das jedoch keine Auswirkungen - im Gegenteil. Er verschlechtert sich.

Am dritten Tag nach ihrer Ankunft im Krankenhaus kann die Frau zwar noch ihre Augen öffnen, auf Fragen antwortet sie jedoch nur noch mit einzelnen Worten. Außerdem reagiert sie nicht mehr auf Aufforderungen, sich zu bewegen. Auch ihre Atmung hat sich verändert, sie ist schneller geworden, setzt immer wieder aus. Die Zunge der Frau hat sich in den Rachen zurückverlagert, was bei tiefer Bewusstlosigkeit oder aber auch bei Atemaussetzern im Schlaf vorkommt.

Um ihre Atemwege frei zu halten, schieben die Ärzte der Frau eine Hohlsonde in den Rachen. Dabei bemerken sie, dass mehrere Zähne extrem von Karies befallen sind. Die Ärzte verfolgen die Spur erst einmal nicht weiter. Stattdessen tippen sie darauf, dass die Frau unter einer noch nicht diagnostizierten Krankheit von Hirn oder Rückenmark leidet.

CT, MRT, Röntgen, keine Hinweise

Sie durchleuchten die 68-Jährige ein zweites Mal, fertigen noch einmal CT-Aufnahmen des Gehirns und des Oberkörpers an, röntgen ihren Brustkorb, betrachten das Gehirn der Frau im MRT und untersuchen die Flüssigkeit, die Gehirn und Rückenmark umspült. Nichts deutet auf eine Erkrankung hin. Da die Frau zusätzlich Fieber entwickelt, geben die Ärzte ihr Antibiotika. Allerdings haben sie keine Ahnung, wo der Ursprung der Infektion sitzen könnte.

Am sechsten Tag im Krankenhaus übersteigt die Körpertemperatur der Frau die 38-Grad-Marke deutlich. Nur einem Symptom sind die Mediziner noch nicht nachgegangen, den kaputten Zähnen. Sie rufen einen Zahnarzt. Der Mann findet an 15 Stellen Karies, vier Zähne zieht er direkt. Vor allem am linken, oberen Eckzahn der Frau fließen größere Mengen Eiter ab, das Zahnfleisch ist geschwollen. Der Effekt der Behandlung gleicht einer Wunderheilung. Schon am nächsten Tag normalisiert sich der mentale Zustand der 68-Jährigen komplett.

Der Karies scheint eine extrem starke Entzündung ausgelöst zu haben, schlussfolgern die Mediziner. Im Eiter stoßen sie außerdem auf einen weit verbreiteten Erreger, einen nicht resistenten Staphylococcus Aureus. Bei Patienten, die wie die Frau unter Vorerkrankungen leiden, können Zahnerkrankungen enorme Folgen haben, schreiben die Ärzte in ihrem Fazit - und schlussfolgern zerknirscht: Sie hätten viel früher einen Zahnarzt zu Rate ziehen sollen. Es seien aber auch nur sehr wenige Fälle bekannt, bei denen sich Bakterien aus einer verborgenen Wunde im Mund verbreiten konnten.

Für die 68-Jährige geht alles gut aus. Knapp zwei Wochen lang muss die Frau noch Antibiotika schlucken, am 23. Tag nach ihrer Einlieferung kann sie das Krankenhaus wieder verlassen. Sie hat sich komplett erholt.

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