Ein rätselhafter Patient Sein kleines Geheimnis

Seit zwei Monaten schon hat der 55-Jährige Probleme, seine Blase zu entleeren. Kein Wunder: Beim Röntgen stoßen seine Mediziner auf eine verengte Harnröhre. Vom wahren Problem ahnen sie zu diesem Zeitpunkt noch nichts.

Kaum Durchkommen im Knick unter der Blase, am besten zu erkennen auf dem Bild links
BMJ Case Reports

Kaum Durchkommen im Knick unter der Blase, am besten zu erkennen auf dem Bild links

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Die Blase entleeren? Das war für den 55-Jährigen lange kein Problem. Schnell auf die Toilette, schnell erledigt. Seit zwei Monaten allerdings bereitet ihm der Gang zunehmend Schwierigkeiten. Sein Urinstrahl ist dünn, nur wenig Flüssigkeit schafft den Weg in die Toilette. Außerdem entdeckt der Patient Blut in seinem Urin.

Der 55-Jährige wendet sich zuerst an seine Hausarztpraxis. Die umfassenden Untersuchungen der Mediziner bestätigen die Erzählungen des Patienten. Auf Röntgenbildern ist eine verengte Harnröhre zu sehen. Der Engpass befindet sich an einer dafür typischen Stelle: Nachdem die Harnröhre am Ende des Penis im Unterleib verschwindet, macht sie einen Knick nach oben, wo sie kurz darauf in die Blase mündet. Genau in diesem Knick scheint der Urin nicht mehr frei fließen zu können.

Die Mediziner überweisen ihren Patienten in die Urologie der George's Medical University im nordindischen Uttar Pradesh. Dort sollen sich Experten um die weitere Behandlung kümmern. Der Engpass muss behoben werden. Staut sich Urin in der Blase, kann er Richtung Nieren zurückfließen. Es drohen Entzündungen, der Druck kann zu Nierenschäden führen.

Ein unauffälliger Patient

Im Krankenhaus checken die Urologen den Patienten noch einmal selbst durch, wie sie im "British Medical Journal" berichten. Die Blutwerte sind in Ordnung, der Urin auch. Bei Vermessungen des Urinstrahls aber zeigt sich das Problem. Aus der Harnröhre des Mannes kommen im Schnitt fünf Milliliter Urin pro Sekunde, der Maximalwert liegt bei acht Millilitern. Normalerweise schafft ein gesunder Erwachsener 15 bis 50 Milliliter pro Sekunde auszuscheiden.

Der Mann kann sich an keine Verletzung erinnern, die das Problem erklären würde. Dasselbe gilt für sexuell übertragbare Krankheiten, Drogen nimmt er auch nicht. Bei psychologischen Tests schneidet der 55-Jährige normal ab, er ist ein unauffälliger Patient. Das ist nicht ungewöhnlich, bei rund 30 Prozent der Harnröhrenverengungen lässt sich keine genaue Ursache finden. Wahrscheinlich schöpfen die Ärzte auch deshalb keinen Verdacht.

Erneute Röntgenbilder bestätigen die Diagnose des Hausarztes: Mitten in der Harnröhre stockt es, Narbengewebe scheint den Durchgang zu versperren. Dass sich dort überflüssiges Gewebe bildet, ist in Industrieländern weit verbreitet. Knapp ein Prozent der Männer sind im Laufe ihres Lebens betroffen. Die Verengungen bilden sich unter anderem durch Verletzungen beim Legen eines Katheters, ein weiterer Grund sind bakterielle Infekte. Daneben können auch chronische Entzündungen der Auslöser sein.

Überraschung im OP

Weil die Beschwerden so stark sind, setzen die Ärzte ihren Patienten auf den OP-Plan. Sie wollen eine Plastik durchführen - einen aufwendigen Eingriff, bei dem sie die vernarbten Teile der Harnröhre durch Schleimhaut aus dem Mund oder der Vorhaut ersetzen. Als der Patient schon auf dem OP-Tisch liegt, starten die Mediziner routinemäßig noch eine letzte Untersuchung: Eine Spiegelung, bei der sie ihm ein Endoskop mit einer Kamera in die Harnröhre schieben. Plötzlich wird klar, wie sehr ihr Patient sie die ganze Zeit in die Irre geleitet hat.

Aufnahme der Kamera
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Aufnahme der Kamera

Auf den Bildern der Kamera erscheint ein kleines, blaues Plastikteil. Weil Röntgenstrahlen Plastik einfach durchdringen, war es auf den Bildern nicht zu sehen. Endlich ist klar, was den Patienten wirklich quält - und wie viel früher man ihm schon hätte helfen können. Mithilfe des Endoskops schieben die Mediziner das Plastikteil in die Blase. Anschließend entnehmen sie es durch die Bauchwand, um in der Harnröhre nicht noch weiteren Schaden anzurichten. Vor ihnen liegt die Spitze eines Stiftes.

Eingeführt, aus sexuellen Gründen

Als letzten Schritt legen die Urologen dem Mann einen Katheter, der den Urin an der Harnröhre vorbei über die Bauchdecke ableitet. Zwei Wochen später können sie den Schlauch wieder ziehen. Nach vier Wochen berichtet der 55-Jährige, dass auf der Toilette wieder alles normal laufe. Sein Urin hat wieder ein Tempo von mehr als 15 Milliliter pro Sekunde erreicht. Später gesteht der Patient auch ein, dass er sich das Stiftteil selbst in die Harnröhre eingeführt hat. Aus sexuellen Gründen.

Stiftspitze nach der Entfernung
BMJ Case Reports

Stiftspitze nach der Entfernung

Es komme immer wieder vor, dass sich Patienten Fremdkörper in die Harnröhre schieben, schreiben die Ärzte um Deepanshu Sharma. Die Objekte reichen von Nadeln über Stiftspitzen bis hin zu Olivenkernen.

Die Patienten verschweigen ihre Tat häufig, schreiben die Mediziner. Aus diesem Grund sei es sinnvoll, bei einer vermuteten Harnröhrenverengung die Diagnose vor der Operation immer mit einer Kamera zu überprüfen.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
arty22 03.06.2018
1. Kommemtar vom Urologen
Interessanter Beitrag. Leider hat das Einführen von Fremdkörpern in die Harnröhre den bleibenden Schaden einer langstreckigen Enge (Striktur) hinterlassen. Diese wurde noch nicht behandlet. Es bleibt fraglich wie die in den Röntgenbildern sicher dargestellte langstreckige Harnröhrenenge das am Ende formell gutes Harnstrahlergebniss (sog. Uroflow) erlaubt. Sicherlich nur durch starkes, und für den Pat. Auf Dauer schädliches Pressen mit dem Bauch. Hier muss im Intervall sicherlich nocheinmal eine OP zB die ursprünglich geplante Mundschleimhautplastik erfolgen.
aurie 03.06.2018
2. Harnröhrenstriktur
Im retrograden Urethrogramm sieht man eine kurzstreckige bulbäre Harnröhrenstriktur, die sich endoskopisch gut durch Urethrotomie beheben läßt. So einen Fremdkörper entfernt man zuvor üblicherweise endoskopisch mit der Faßzange.
Oberleerer 04.06.2018
3.
Zitat von arty22Interessanter Beitrag. Leider hat das Einführen von Fremdkörpern in die Harnröhre den bleibenden Schaden einer langstreckigen Enge (Striktur) hinterlassen. Diese wurde noch nicht behandlet. Es bleibt fraglich wie die in den Röntgenbildern sicher dargestellte langstreckige Harnröhrenenge das am Ende formell gutes Harnstrahlergebniss (sog. Uroflow) erlaubt. Sicherlich nur durch starkes, und für den Pat. Auf Dauer schädliches Pressen mit dem Bauch. Hier muss im Intervall sicherlich nocheinmal eine OP zB die ursprünglich geplante Mundschleimhautplastik erfolgen.
Woher kommt das? Vor dem Hindernis sollte doch der Wasserdruck hoch gewesen sein und dahinter ist nichts passiert, offenbar konnte der Patient diese Strecke auch per Hand zurücklegen. Und beim Hindernis selber muß doch nun auch Platz herrschen? Nur so vom Lesen erscheint mir das mit dem "in die Blase schieben um die Harnröhre zu schonen" sehr unbefriedigend. Wie muß ich mir das mit der Kamera vorstellen, ist die Kamera dünner als diese Plaste-Spitze, als daß die die nicht schon genug Platz geschaffen hat?
tume 04.06.2018
4. Frage an die Urologen
"Als der Patient schon auf dem OP Tisch lag hat man eine Spiegelung gemacht." Hallo das wäre für mich als Laien die 1. Folgeuntersuchung nach den Röntgenbildern gewesen. Können viele Urologen in der Praxis. Was war da in der Klinik los?
xvxxx 04.06.2018
5. Frage eines Laien an die Ärzte hier
Wieso macht man denn eine endoskopische Untersuchung erst so spät? Und: Ist es nicht relativ "gängig" dass irgendwelche Sexualpraktiken zu solchen Problemen führen?
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