Ein rätselhafter Patient: Dicke Backe, Kreislaufschock

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Ein eigentlich gesunder Mann fühlt sich unwohl, sein Hausarzt tippt auf Mumps. Wochenlang plagt ihn die Krankheit, schließlich geht er in die Klinik, doch die Mediziner sind ratlos. Erst als der Patient auf der Intensivstation liegt, kommt die Ursache ans Licht.

CT-Bild des Kopfs: Verräterische Schwellung Zur Großansicht
BMJ

CT-Bild des Kopfs: Verräterische Schwellung

Der 44-jährige Koch aus Liverpool ist müde, er fühlt sich krank, seine Backen sind dick. Weil er geschwollene Ohrspeicheldrüsen und Halsschmerzen hat, diagnostiziert sein Hausarzt Mumps. Entzündete Speicheldrüsen und die Schwellung der Backe sind typische Symptome der Virusinfektion, bei Männern ist die Mitinfektion der Hoden gefürchtet. Normalerweise kuriert der Körper die Krankheit von alleine aus.

Drei Wochen vergehen, aber dem Patienten geht es noch immer nicht besser, im Gegenteil. Sein Zustand hat sich verschlechtert, schließlich landet er in einer Liverpooler Notaufnahme. Halsschmerzen hat der Koch zwar nicht mehr, eine Backe ist allerdings nach wie vor geschwollen. Zudem klagt er über Schmerzen in Armen und Beinen, der Mann hat Fieber und Kreislaufprobleme.

Die Ärzte messen einen niedrigen Blutdruck von nur 84 zu 52 Millimetern Quecksilbersäule (mm Hg), das Herz schlägt 106 Mal pro Minute. Dabei atmet der Patient deutlich schneller als normal, berichten die Mediziner um Habib Rahman im Fachmagazin "BMJ Case Reports".

Innerhalb von wenigen Stunden auf die Intensivstation

Bei der Untersuchung stellen sie fest, dass die rechte Ohrspeicheldrüse noch immer entzündet ist, allerdings nicht schmerzhaft. Nur wenige Stunden nach der Einlieferung in die Klinik müssen die Ärzte den Patienten auf der Intensivstation behandeln und seinen Kreislauf mit Medikamenten stabilisieren.

Was aber hat den Kreislaufschock des Patienten verursacht? Erste Laborergebnisse weisen auf eine Entzündung oder eine Infektion hin. Dem Patienten werden Breitbandantibiotika verabreicht, um möglichst viele Bakterien abzutöten, die als Krankheitserreger in Frage kommen.

Die britischen Mediziner erwägen eine Lungenentzündung oder einen Harnwegsinfekt. Von beiden Orten aus könnten sich Bakterien im Körper ausgebreitet haben. Eine solche Sepsis würde den Zustand des Patienten erklären. Aber auch eine Infektion etwa mit dem Epstein-Barr-Virus, Cytomegalieviren oder doch Mumps kommen in Frage. Gegen Viren wären Antibiotika machtlos.

Die Symptome des Mannes bereiten den Ärzten Sorgen: Möglicherweise haben die Erreger das Herz erreicht. Eine Entzündung der Herzinnenhaut (Endokarditis) würde zumindest Fieber, Müdigkeit, Muskel- und Gelenkschmerzen erklären. Es könnte sich aber auch, so eine weitere Vermutung, um eine schwere Belastung des Immunsystems handeln, etwa durch eine HIV-Infektion, einen unbehandelten Diabetes - oder gar eine bösartige Krankheit wie Lymphdrüsenkrebs.

All diesen Verdachtsdiagnosen gehen die Mediziner nach. Auf Röntgenbildern sind keine Zeichen einer Lungenentzündung zu erkennen, im Urin fehlen Hinweise auf einen Harnwegsinfekt. Tests auf verschiedene Viren - auch Mumps und HIV - bleiben negativ. Im Herzultraschall sieht man keine Endokarditis, der Mann ist weder zuckerkrank, noch findet der Pathologe in einem vorsichtshalber entnommenen Lymphknoten Hinweise auf Krebszellen. Die Ärzte stehen vor einem Rätsel.

Computertomografie offenbart die Quelle

Einen Tag nachdem der Patient auf die Intensivstation gekommen ist, wird er schließlich im Computertomografen (CT) vom Kopf bis zu den Beinen untersucht. Die Ärzte entdecken Flüssigkeitsansammlungen (Ödeme) unter der Haut, um die Lunge und das Herz sowie geschwollene Lymphknoten im gesamten Körper, auch die Milz ist vergrößert. Die nach wie vor entzündete rechte Ohrspeicheldrüse fällt auf, genauso wie die rechte Gaumenmandel - um die könnte sich Eiter angesammelt haben und einen sogenannten Abszess bilden.

Die Untersuchungen per Endoskop und Ultraschall bringen tatsächlich Gewissheit: Von der Ohrspeicheldrüse reicht ein mehrere Zentimeter großer Abszess in den Rachen hinein. In einer Notoperation entfernen Chirurgen die Gaumenmandel und säubern die Abszesshöhle. Mikrobiologen finden im Blut des Patienten Streptokokken.

Damit ist die Ursache für die Sepsis und den Kreislaufschock geklärt: Wahrscheinlich haben die Bakterien die Gaumenmandel infiziert. Weil das unbehandelt blieb, bildete sich der Abszess und die Streptokokken breiteten sich im Blutkreislauf des 44-Jährigen aus.

Rachenabszesse sind selten, aber gefürchtet: Die Atemwege können dabei so anschwellen, dass die Patienten ersticken. Ungewöhnlicherweise hatte der Mann aber weder Schwierigkeiten beim Schlucken, noch Halsschmerzen. Zudem litt er nicht wie die meisten Betroffenen unter einer Immunschwäche. Breitet sich die Infektion aus, steigt das Risiko für eine Blutvergiftung - mit dramatischen Folgen: Ein gutes Drittel jener Patienten, die einen Kreislaufschock durch Streptokokken erleiden, stirbt an der Sepsis.

Der Liverpooler Patient erhält schließlich gezielte Antibiotika gegen Streptokokken und wird nach der OP sicherheitshalber beatmet. Außerdem spülen die Ärzte regelmäßig die Abszesshöhle. Mehrere Tage lang muss der Kreislauf des Patienten stabilisiert werden, dann kann er wieder selbst atmen und wird nach zwei Wochen auf eine normale Station verlegt. Insgesamt vergeht ein Monat, bis der Koch das Krankenhaus verlassen kann - vollkommen gesund.

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Wie man sich verrennen kann.
lemmuh 29.06.2013
Die Fälle hier zeigen ja nur selten sehr rätselhafte Diagnosen - aber sie zeigen sehr gut, wie sich Mediziner verrennen können. Viele hätten bei einer Schwellung im Gesicht gleich an einen Abszess gedacht, ein Zahnarzt hätte vermutlich sofort ein CT oder DVT machen lassen - eigentlich ist es unumgänglich einen Abszess zu vermuten, wenn nur eine Wange geschwollen ist, der Patient hatte also das Pech, das zuerst beide beteiligt waren und der Arzt sofort auf etwas systemisches geschlossen hat, statt den Kopf ordentlich zu untersuchen.
2. Rätselhafter Patient?
doc 123 29.06.2013
Zitat von sysopBMJEin eigentlich gesunder Mann fühlt sich unwohl, sein Hausarzt tippt auf Mumps. Wochenlang plagt ihn die Krankheit, schließlich geht er in die Klinik, die Mediziner sind ratlos. Erst als der Patient auf der Intensivstation liegt, kommt die Ursache ans Licht. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/ein-raetselhafter-patient-verdachtsdiagnose-mumps-a-908356.html
"Die britischen Mediziner erwägen eine Lungenentzündung oder einen Harnwegsinfekt." Die Überschrift müsste eigentlich besser lauten, britische Ärzte vollständig ignorant und ahnungslos! Wie man bei einer persistierenden Schwellung im Gesichtsbereich und zunehmenden Zeichen einer Allgemeininfektion ERST nach mittlerweile ca. 4 Wochen darauf kommen kann ein Kopf-Hals-CT anzufertigen und zunächst an eine Lungenentzündung oder einen Harnwegsinfekt denkt, zeigt ja allenfalls von einer Ignoranz, die kaum noch zu toppen ist. In Deutschland wäre das jedenfalls ganz sicherlich so nicht passiert, denn zumindest auf eine radiologische Diagnostik muss man hier keine 4 Wochen warten :-).
3. Oh je,
joergkirchberger 29.06.2013
da lese ich zum ersten Mal einen Aretiekl dieser Serie und erkenn mich teiweise darin. Anadauernd geschwollene Lymphen am Hals, egal ob Winter, oder Sommer Druck an den Strirn-und Kieferhöhlen. bei Kälte das Gefühl, das ein Ohr von innen anschwillt, jetzt kommts, kürzlich entzündete Hoden gehabt, incl Bakterien im Urin. Muss ich jetzt Panik haben und einen Ärztemarthon starten?
4. das Problem sind die GPs
Malshandir 29.06.2013
Mich wundert es nicht, normalerwiese geht man zum Zahnarzt. Wenn man allerdings das englische System kennt. Dort MUSS man zu einem zugeteilten Hausarzt (GP), diese kommen oft aus anderen Commonwealthlaendern und haben keine entsprechende Ausbildung. Sie nennen sich Doktoren, haben jedoch nur eine mangelhafte Bildung und kennen weder lateinische Begriffe noch die moisten Krankheiten. Es ist ein Graus damit.
5. Nicht mehr bald nur in GB...
housedoc 29.06.2013
..sondern auch bei uns denkbar, wenn renditeorientierte "Gesundheitskonzerne"! u. kranke Sparkassen endgültig Dank Prof. Lauterbach, Bertelsmann... das Zepter übernehmen, u. Gesundheit nach Kassenlage u. persönlichem Kundenscore etablieren. Auf dem besten Weg sind sie ja schon.
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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