Ein rätselhafter Patient Verschluckt

Ein Profisportler entwickelt Magenprobleme, in seinem Stuhl sammelt sich Blut. Der 18-Jährige sucht Hilfe in drei Kliniken. Alle übersehen den simplen, aber lebensgefährlichen Grund seiner Beschwerden.

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Alles beginnt, als der Profisportler mit seinem Team auf einer Trainingsreise ist. Nachdem er eine Mahlzeit eingenommen hat, wird ihm übel, er entwickelt leichten Durchfall und Fieber - Allerweltsprobleme. Dennoch geht der 18-Jährige in die Notaufnahme, um seine Beschwerden abzuklären. Die Ärzte tasten seinen Bauch ab, machen CT-Aufnahmen. Fünf Stunden später schicken sie ihn ohne Befund zurück ins Hotel.

Während der folgenden zwei Wochen wirkt es, als würden die Mediziner recht behalten. Bauchschmerzen, Fieber und Durchfall verschwinden, nur eine leichte Übelkeit bleibt. Der 18-Jährige fühlt sich fit genug, um mit seinem Team erneut zu verreisen, er trainiert mit, wenn auch mit geringerer Intensität. Dann allerdings kehren die Schmerzen zurück, sie strahlen vom rechten unteren Viertel des Bauches in den Rücken aus.

Im Stuhl des 18-Jährigen sammelt sich Blut, seine Körpertemperatur steigt auf 39,7 Grad, der Appetit verschwindet. Weil sich die Beschwerden hartnäckig halten, geht der Sportler wenige Tage später wieder in die Notaufnahme eines US-Krankenhauses.

Schmerzen, Appetitlosigkeit

Die Ärzte checken den Sportler erneut durch. Beim Abtasten des Bauchs reagiert er an den schmerzenden Stellen empfindlich. Abgesehen davon fühlt sich das Gewebe aber weich und gesund an. Auch die Blutwerte sind normal. Nur das Herz rast etwas. Die Mediziner lassen MRT-Bilder von Bauch und Becken anfertigen, um einen Blick auf die Organe zu werfen. Nichts deutet auf einen Notfall hin. Sie schicken den 18-Jährigen zurück ins Hotel.

Wenige Tage später aber verschlechtert sich der Zustand des Mannes rapide, wie Mediziner des Massachusetts General Hospital im "New England Journal of Medicine" berichten. Eigentlich soll der Sportler am Abend zu einer Darmspiegelung erscheinen, da sich seine Probleme noch immer nicht gelegt haben. Er nimmt die dafür nötigen Abführmittel. Anschließend jedoch schwimmen große Mengen Blut in der Toilette. Er leidet unter Schüttelfrost, seine Bauchschmerzen haben sich verstärkt. Beunruhigt ruft der Mann seinen Teamarzt an. Der schickt ihn erneut in die Notaufnahme. Es ist das dritte Mal in drei Wochen.

Bei seiner Ankunft wirkt der Sportler benommen. Den Medizinern fällt auf, dass ein Lymphknoten in der rechten Leistengegend vergrößert ist - ein Hinweis auf eine Infektion. Sie nehmen dem Mann Blut ab und schicken es mit Stuhlproben ins Labor, um nach Krankheitserregern zu suchen.

40,6 Grad Fieber

Am Abend übersteigt das Fieber die 40-Grad-Marke, die Muskeln des Mannes versteifen sich. Er wirkt verwirrt, der Puls rast. Die Ärzte gehen davon aus, dass der 18-Jährige unter einer schweren Infektion leidet. Ohne die genaue Ursache zu kennen, geben sie ihm zwei Antibiotika - eines, das vor allem gegen Bakterien wirkt, und eines, das auch Parasiten bekämpft. Dann meldet sich das Labor.

In den Blutproben sind tatsächlich Stäbchenbakterien gewachsen, Klebsiella Pneumoniae, die natürlicherweise im Verdauungstrakt vorkommen und zu den häufigsten Erregern lebensgefährlicher bakterieller Blutvergiftungen zählen. Trotz der Antibiotika steigt das Fieber auch am nächsten Tag, der Wert erreicht bis zu 40,6 Grad. Wieder versteifen sich die Muskeln des Mannes.

Da auch erneute CT-Aufnahmen keine Hinweise auf eine Krankheit geliefert haben, starten die Ärzte eine Darmspiegelung. Sie tasten sich mit einer kleinen Kamera in den Körper des Mannes vor, schon nach kurzer Zeit verschleiert Blut das Bild. Als die Mediziner die Flüssigkeit wegspülen, wird ihnen endlich klar, was für ein simples und doch lebensgefährliches Problem den Mann quält. Am Ende des Dickdarms, 25 Zentimeter vom After entfernt, steckt ein hölzerner Zahnstocher.

Verschluckte Zahnstocher: Zehn Prozent enden tödlich

Fremdkörper wie Zahnstocher, Fischgräten oder Knochenstückchen führen immer wieder zu Wunden im Darm. Dabei ist typisch, dass die Betroffenen nicht ahnen, wo ihr Problem herrührt: "Die meisten Patienten mit Darmverletzungen durch einen Fremdkörper können sich nicht daran erinnern, diesen verschluckt zu haben", heißt es in dem Fallbericht.

Das Risiko für Komplikationen ist bei verschluckten Zahnstochern extrem hoch. Bei einer Auswertung von 136 Fällen durchstachen die Hölzer in 79 Prozent der Fälle die Darmwand, in zehn Prozent der Fälle führten sie zum Tod.

Da der Kreislauf des Patienten stabil ist, entscheiden sich die Mediziner, den Zahnstocher direkt zu entfernen - mit schwerwiegenden Folgen. Nachdem sie das Hölzchen aus dem Gewebe ziehen, strömt Blut pulsierend in den Darm. Sofort versuchen die Ärzte, die Wunde mit Clips zu verschließen, die Blutung aber bleibt.

Ersatzteil aus dem Bein

Eilig schieben die Mediziner ihren Patienten in den OP. Auf Röntgenbildern zeigt sich, dass eines der wichtigsten Gefäße im Körper verletzt ist. Das Blut strömt aus der rechten gemeinsamen Beckenarterie in den Dickdarm. Das rund einen Zentimeter dicke Gefäß versorgt erst die Organe im Becken und verzweigt sich anschließend in den Beinen. Der 18-Jährige schwebt in Lebensgefahr.

Die Ärzte öffnen seine Bauchdecke, reparieren den Darm. Den verletzten Teil des Gefäßes aber - ein Stück von etwa drei Zentimetern - können sie nicht retten. Die Chirurgen brauchen ein Ersatzteil, um die entstandene Lücke zu schließen. Sie entnehmen dem Sportler eine Vene aus dem Bein, die der Körper entbehren kann, um sie im Bauchraum einzusetzen.

Trotz der enormen Komplikationen erholt sich der 18-Jährige schnell. Rund eine Woche nach der Operation kann er die Klinik verlassen. Die ersten sechs Wochen beschränkt sich sein Reha-Programm zwar noch auf Spaziergänge. Dann aber sind Gefäße und Darm so weit verheilt, dass er mit Aqua- und Ergometer-Training beginnen kann. Es folgen Jogging-Einheiten, Sprints und Gewichttraining. Sieben Monate nach dem Zahnstochervorfall hat der 18-Jährige es geschafft: Er kehrt in den Profisport zurück.



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