Ein rätselhafter Patient Wie kommt das Ding da hin?

Für einen Routineeingriff kommt ein 43-Jähriger in ein Krankenhaus. Dort bemerken die Ärzte schnell, dass ihr Patient ein ganz anderes Problem hat, als ursprünglich angenommen.

CT-Aufnahme des Patienten
BMJ Case Reports

CT-Aufnahme des Patienten

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Eigentlich steht die Diagnose, als der 43 Jahre alte Mann in Indien ins Krankenhaus kommt. Ärzte haben ihm erklärt, dass seine Lungenarterie verkalkt und dadurch stark verengt ist. Durch das Gefäß fließt das sauerstoffarme Blut vom Herz in die Lunge. In der Klinik soll eine Ballondilatation stattfinden. Dabei schiebt ein Mediziner einen dünnen, biegsamen Draht bis zur Engstelle im Blutgefäß. Dort bläst der Arzt einen Ballon auf, um das Gefäß wieder zu öffnen und die Ablagerungen zusammen zu drücken.

Als die Herzspezialisten ihren Patienten genauer untersuchen, werden sie jedoch skeptisch. Stimmt die Diagnose überhaupt? Leidet der 43-Jährige tatsächlich unter einer solchen Verkalkung?

Der Patient berichtet, dass er seit rund einem Jahr unter Kurzatmigkeit leidet. In der Zeit haben sich die Beschwerden immer weiter verstärkt. Brustschmerzen aber hat er keine. Auch schlägt sein Herz regelmäßig und er leidet nicht unter geschwollenen Armen oder Beinen. Zu solchen Wassereinlagerungen kommt es unter anderem bei einer Herzschwäche, wenn der Körper nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt wird.

Das Fehlen dieser Beschwerden spricht dafür, dass der Mann unter einem punktuellen Problem leidet. Seine medizinische Vorgeschichte ist ebenfalls unauffällig, bis auf einen Vorfall: Vor mittlerweile zehn Jahren hatte er einen Motorradunfall, bei dem er sich Verletzungen an Gesicht, Brust und Gliedmaßen zugezogen hat. Nach zwei Monaten war er jedoch von den Folgen wieder komplett kuriert, berichten die Ärzte im Fachmagazin "BMJ Case Reports".

Nicht verkalkt, sondern zugedrückt

Um das Herz genauer anzusehen, machen die Kardiologen ein Ultraschall. Die Bilder bestätigt den Verdacht: Die erste Diagnose war falsch. Es stimmt zwar, dass kaum Blut durch die Lungenarterie fließen kann. Grund dafür sind jedoch keine Verkalkungen. Stattdessen drückt etwas Massives auf die Arterie.

Ultraschallaufnahme zeigt, wie etwas Massives auf die Pulmonalarterie drückt
BMJ Case Reports

Ultraschallaufnahme zeigt, wie etwas Massives auf die Pulmonalarterie drückt

Auf den Aufnahmen ist außerdem zu sehen, dass die rechte Herzkammer und der rechte Vorhof des Mannes vergrößert sind. Das ergibt Sinn: Die rechte Herzhälfte pumpt Blut in die Lungenarterie und muss durch den Engpass gegen einen erhöhten Widerstand anarbeiten. Aus diesem Grund sind die Muskeln gewachsen. Die linke Herzseite hingegen scheint gesund.

Weitere Bilder, diesmal aus dem Kernspintomografen, zeigen die Ursache des Problems. An seiner Hauptschlagader hat sich in der Nähe des Herzens ein großes Pseudoaneurysma gebildet (auch Aneurysma spurium genannt).

Ein solches Gebilde entsteht, wenn nach einer Verletzung in der Gefäßwand Blut austritt. Dadurch kommt es erst zu einem Bluterguss, später bildet sich eine Kapsel aus Bindegewebe um das Leck. So unterscheidet sich ein falsches Aneurysma von einem echten, bei dem sich die Wände eines Blutgefäßes ausdehnen und eine blutgefüllte Kammer bilden.

Verletzung der Hauptschlagader: Nur zwei Prozent überleben

CT-Aufnahme zeigt, wie das Pseudoaneurysma auf die Pulmonalarterie (PA) drückt.
BMJ Case Reports

CT-Aufnahme zeigt, wie das Pseudoaneurysma auf die Pulmonalarterie (PA) drückt.

Der Rest der Hauptschlagader wirkt gesund, abgesehen vom Pseudoaneurysma entdecken die Mediziner keine Spuren einer Entzündung, keine Ablagerungen an der Gefäßwand, keine Erweiterung. Eine Gefäßentzündung, Infektion oder Verkalkung können die Ärzte als Ursache ausschließen. Der Mann hat keinen Bluthochdruck, das Bindegewebe des Gefäßes wirkt gesund.

Aus diesem Grund sehen die Mediziner nur eine mögliche Erklärung: Es muss sich um die Spätfolge einer Verletzung handeln - am wahrscheinlichsten ist der Motorradunfall. Der 43-Jährige hatte erhebliches Glück, berichten die Mediziner um Vinod Singla vom Heart Advanced Cardiac Care and Research Centre im indischen Rohtak. Meist verbluten Betroffene, wenn bei einem Unfall die Hauptschlagader verletzt wird. Nur rund zwei Prozent überleben überhaupt lang genug, um ein chronisches Pseudoaneurysma zu entwickeln.

Ohne Behandlung breiten sich Pseudoaneurysmen in der Regel immer weiter aus und drücken wie bei dem Patienten auf die umliegenden Strukturen, schreiben die Ärzten. Je nachdem, wo genau sie wachsen, kann es zu Problemen wie Schluckstörungen oder Heiserkeit kommen. Außerdem besteht auch bei Pseudoaneurysmen die Gefahr, dass sie reißen. Die Ärzte raten dem Mann dazu, das Gebilde bei einer Operation zu entfernen. Der 43-Jährige lehnt den Vorschlag jedoch ab. Auch zu Nachuntersuchungen kommt er nicht. Über die Gründe gibt es keine Angaben.

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