Infektionen: Ein Viertel aller Klinikpatienten erhält Antibiotika

Multiresistente MRSA-Bakterien (Illustration): Krankenhauskeime sind ein großes Problem Zur Großansicht
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Multiresistente MRSA-Bakterien (Illustration): Krankenhauskeime sind ein großes Problem

Antibiotika-resistente Bakterien in Kliniken gehören zu den größten Gefahren für die Patienten. Eine Erhebung zeigt: Die Zahl der Krankenhausinfektionen ist in den letzten Jahrzehnten stabil geblieben. Der mit Antibiotika behandelte Anteil an Patienten ist jedoch drastisch angestiegen.

Nicht immer macht die Medizin alles besser - manchmal macht sie es sogar schlimmer. Bestes Beispiel sind Infektionen, die Patienten sich in Krankenhäusern einfangen. Tagtäglich haben Ärzte und Patienten in den Kliniken Deutschlands damit zu kämpfen - manchmal geraten die Betroffenen sogar in lebensbedrohliche Situationen oder sterben sogar an diesen Infektionen.

Doch wie häufig kommen nosokomiale Infektionen, wie sie im Fachjargon genannt werden, tatsächlich vor?

Bisher gibt es nur ungefähre Schätzungen darüber. Das Berliner Robert Koch-Institut (RKI) etwa geht von bis zu 600.000 Fällen jährlich aus. 15.000 Patienten sterben demzufolge an einer Krankenhausinfektion. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) dagegen zeichnet ein noch düsteres Bild. Demnach infizieren sich jährlich 800.000 Patienten, 40.000 sterben an einer nosokomialen Infektion. Probleme bereiten vor allem Infektionen durch jene Keime, gegen die gängige Antibiotika nicht mehr helfen.

Um festzustellen, wie groß das Problem von Krankenhausinfektionen wirklich ist, und wie häufig Antibiotika in deutschen Krankenhäusern verabreicht werden, hat das RKI jetzt die ersten Ergebnisse einer europaweiten Erhebung veröffentlicht. Für Deutschland kommt das RKI zu folgendem vorläufigen Schluss: Etwa 3,5 Prozent aller im Krankenhaus stationär behandelten Patienten haben sich innerhalb des Untersuchungszeitraums in einem Krankenhaus mit einem Keim infiziert. Und knapp ein Viertel aller Klinikpatienten bekommt Antibiotika.

Dem Bericht zufolge hat sich die Häufigkeit von Krankenhausinfektionen im Vergleich zu 1994 kaum verändert - der Anteil jener Patienten, die im Krankenhaus mit Antibiotika behandelt werden, dagegen schon: Er sei seit 1994 um gut ein Drittel auf 24 Prozent gestiegen.

Kürzere Krankenhausaufenthalte

Die Autoren der Studie betonen jedoch, dies sei kein Beleg für den häufigeren Einsatz. "Wir glauben vor allem, dass Patienten heute eine deutlich kürzere Verweildauer im Krankenhaus haben", sagte die Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Berliner Charité, Petra Gastmeier. Früher seien Patienten oft auch nach Ende der Behandlung mit Antibiotika noch einige Tage im Krankenhaus geblieben. Der prozentuale Anstieg müsse daher nicht bedeuten, dass auch in absoluten Zahlen mehr Patienten mit Antibiotika behandelt werden.

Der repräsentativen Studie lag das international anerkannte Krankenhausinfektion-Surveillance-System zugrunde ("KISS") zugrunde, ein System zur statistischen Erfassung nosokomialer Infektionen. 134 Krankenhäuser nahmen insgesamt an der Studie teil. 46 davon wurden der Größe nach als repräsentativ ausgewählte Krankenhäuser in die Erhebung mit eingeschlossen.

In großen Krankenhäusern infiziert sich ein größerer Teil der Patienten. "Das ist eine altbekannte Tatsache, weil dort invasivere Medizin betrieben wird als in Feld- und Wiesenkrankenhäusern", erläuterte Gastmeier. Die Behörden sammelten die Daten im Zeitraum von September bis Dezember 2011. Deutschland ist eines der ersten Länder, das Ergebnisse aus dieser europaweiten Erhebung vorlegt.

Dem Bericht zufolge traten Wundinfektionen am häufigsten auf (24,7 Prozent). Sie sind Folge von operativen Eingriffen. 22,4 Prozent aller nosokomialen Infektionen waren dagegen Harnwegsinfektionen, ein Anteil von 21,5 Prozent fiel auf untere Atemwegsinfektionen. Hervorgerufen wurden die meisten Infektionen von Escherichia-coli-Bakterien (18,4 Prozent). Aber auch Staphylococcus aureus (13,3 Prozent) und Enterokokken (12,8 Prozent) waren häufige Verursacher.

cib/dpa

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1. Na, ist doch gut...
Bowie 02.07.2012
"Die Zahl der Krankenhausinfektionen ist in den letzten Jahren stabil geblieben" - das sind doch positive Nachrichten! Vielleicht hilft das dem einen oder anderen Mitforisten auch mal zu einer etwas differenzierten Wahrnehmung gegenüber Antibiotika, die ja oft als Teufelszeug, meist bar jedes mikrobiologischen Hintergrundwissens, geschmäht werden. Obwohl jede im Krankenhaus erworbene Infektion eine zuviel ist, sind und bleiben Antibiotika - korrekte Indikationsstellung einer bakteriellen Infektion und sorgfältige Einnahme vorausgesetzt - ein Segen bei schweren Infektionen. Die Zeiten, in denen die Menschen oftmals an banalen Infektionskrankheiten verstorben sind, sind vorbei. Dennoch wird das allzu häufig vergessen und man frönt lieber gesundem Halbwissen ("Antibiotika sind ja nicht so gut..."), als sich an echte Fakten zu halten.
2. Antibiotika als Allheilmittel!
drsindelfaenger 02.07.2012
Meine Frau begab sich nach einem Sturz in der Schwangerschaft sicherheitshalber ins örtliche Kh. Sie wurde zur Sicherheit dort behalten. Am nächsten Morgen gab man ihr ein Medikament welches sie nehmen sollte, die fragte nach um was es sich handle: Antibiotika. Warum sie das nehmen solle, sie sei schließlich gestürzt und habe keine Infektion. Es wurde ein riesiger Aufstand gemacht, Aussagen wie es "sie würde ihr Kind gefährden und sie wäre selbst Schuld und ihr eigenes Risiko wenn sie die Medikamente nicht nehmen würde" waren noch die harmlosesten Aussagen. Um weiteren Diskussionen und Repressalien aus dem Wege zu gehen nahm die Medikamente entgegen, versteckte sie aber lediglich. Nach drei Tagen gab man ihr ein anderes Medikament, auf Nachfrage: Ja, das bisherige war ein Breitband-Antibiotikum, nun bekäme sie ein spezielleres, man habe bei einer Blutuntersuchung einen Keim entdeckt der vom bisherigen Medikament nicht abgedeckt würde. Zudem wollte man ihr eine Spritze für die schnellere Lungenreife des Kindes geben - "nur zur Sicherheit" auch wenn sie keine Wehen hatte. Nach der bisher schon so qualifizierten Behandlung hat sie all diese Medikamente natürlich nicht genommen, die Klinik auf eigenen Wunsch verlassen ... und Wochen später problemlos ein gesundes Kind zur Welt gebracht - in einer anderen Klinik hier im Kreis.
3. @ Bowie
alettoria 02.07.2012
Ist ja alles gut und schön und immer ganz relaxed bleiben! Dass Antibiotika helfen, ist wohl unbestritten. Aber wohl genau so unbestritten ist inzwischen, dass es immer mehr resistente Bakterien gibt, weil gern einfach pauschal Antibiotika gegeben werden. Das Problem ist doch wohl das, dass der "gemeine Patient" ins Krankenhaus geht, um gesund zu weden und nicht, um krank zu werden! Ich hatte nach der Entbindung angeblich eine Blasenentzündung (von der ich komischweise nichts spürte). Ich erspare Ihnen meine Vermutung, da ich ja kein Arzt bin, ergo keine Ahnung haben kann. Wie oft ich mir und meiner Tochter schon Antibiotika erspart habe, kann ich gar nicht aufzählen. Das Schöne ist, dass ich sicher sein kann, dass sie uns helfen, wenn wir sie tatsächlich brauchen. Sofern die Keime nicht schon resistent sind. Siehe oben.
4. meine Erfahrung
wekru 02.07.2012
War gerade selber mit einer rein viral verursachten Lungenentzündung im Krankenhaus. Es wurden keinerlei Bakterien gefunden. Dennoch wurde ich vorsorglich dermaßen mit Antibiotika zugedröhnt, dass der Hausarzt nachher meinte, da müssen Bakterien gewesen sein, sonst hätte man sowas nicht gemacht. Aber da ist nichts, nicht mal ein leichter Schnupfen oder so. Und der Auswurf war immer transparent/hell, also viral verursacht. Dann aber der Hammer in diesem Kreiskrankenhaus: die verteilen den Dreck mit stinknormalen Putzlappen in der ganzen Station. Da lag nach dem Wischen so viel herum wie vorher. Und jeder Windzug verteilt das dann überall hin. Habe dann mal gefragt was sie von Nasssaugern hielten. Und die Antwort war, sie stünden vor der Privatisierung und die 300 Euro für tatsächlich reinigende Gerätschaften wären nicht drin. Aber für die vorsorglich gegebenen Antibiotika, mit denen sie dann ihre Patienten vor diesem Dreck schützen, das zahlt ja die Kasse - und der Patient mit seiner Gesundheit. Ich will mich nicht beklagen, aber was ist das für ein krankes System, in dem primitivste Hygienemaßnahmen fehlen und statt dessen Patienten mit extremen Dosen Antibiotika vorsorglich abgefüllt werden?
5. alettoria
Bowie 02.07.2012
Genau Ihre Beschreibung ist einer der Denkfehler, die ich meinte: Wenn Sie sich und Ihrer Tochter Antibiotika ersparen, haben Sie keinen Deut einer besseren Chance, dass Antibiotika wirken. Nicht Sie sind es, die resistent gegenüber Antibiotika werden, sondern die Keime. Wie oft Sie oder Ihre Tochter Antibiotika nehmen, hat keinerlei Einfluss auf die Wirkung. Einzig der zu häufige und nachlässige Einsatz kann Keime resistent machen. Deswegen ist ja der verantwortungsvolle Umgang wirklich nur bei bakteriellen und nicht viralen Infektionen wichtig. Und deswegen sollte man auch ruhig bei nachgewiesenen bakteriellen Infektionen, wenn die Ärzte das für richtig halten, ein Antibiotikum nehmen. Denn gar nicht so selten schädigen Sie Ihren Körper durch eine schwere, nicht behandelte Infektion mehr, als wenn Sie zwei Wochen eine antibiotische Therapie erhalten. Und die dann bitteschön auch genau so lange durchzuführen ist, wie verordnet (andernfalls steigen nämlich die Chancen auf Rezidiv oder reistenter, übriggebliebener Keime ebenso wieder an).
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