Eine rätselhafte Patientin Es war doch nur ein Sandwich

Zwei Wochen nach ihrer Lungentransplantation hat sich die Frau prächtig erholt. Dann versagt plötzlich ihre Atmung. Der Grund offenbart sich erst, als die Patientin wieder sprechen kann.

Ärztin mit einem Beatmungsschlauch
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Ärztin mit einem Beatmungsschlauch

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Die neue Lunge versagt wie aus dem Nichts. Nur zwei Wochen nach der Transplantation des Organs, die die Seniorin gut überstanden hat, ringt sie plötzlich nach Luft. Die Sauerstoffsättigung in ihrem Blut fällt rapide ab, die Ärzte in der Klinik der University of California-San Diego müssen schnell handeln.

Sie drücken der 68-Jährigen eine Atemmaske auf den Mund und schließen sie an eine Maschine an, die ihre Lungen bei der Arbeit unterstützt. Doch die Probleme bleiben. Die Mediziner haben keine andere Wahl, als ihr einen Schlauch in die Luftröhre zu schieben und sie künstlich zu beatmen. Dabei hatte alles so gut begonnen.

Zwei Wochen zuvor war die Frau in der Klinik operiert worden. Eine Erbkrankheit hatte ihre linke Lunge zerstört. Die Ärzte transplantierten ihr den Lungenflügel eines 22-jährigen Organspenders, der an einer Überdosis gestorben war. Der Eingriff glückte.

Schon einen Tag nach der Operation konnten die Ärzte den Beatmungsschlauch ziehen, kurz danach versorgten die Lungen den Körper der Frau wieder alleine mit Sauerstoff. Die Ärzte bereiten ihre Patientin gerade auf die Entlassung vor, als sie plötzlich zum Notfall wird. Was ist passiert?

Röntgen, Ultraschall, Lungenspiegelung

Noch während die Mediziner die Frau an die Beatmungsmaschine anschließen, beginnen sie mit der Spurensuche. Helfer bringen ein Röntgengerät ans Bett der Patientin, wie die Ärzte um Mazen Odis im Fachmagazin "Transplantion Proceedings" berichten. Die Aufnahmen können Entzündungsherde, schädliche Flüssigkeits- oder Luftansammlung entlarven, auf den Bildern der Frau allerdings erscheint nichts davon.

Der nächste Verdacht gilt den Blutgefäßen. Plötzliches Lungenversagen entsteht häufig durch Blutgerinnsel, die im engen Geflecht der Lungengefäße hängenbleiben. Dort verhindern sie die Durchblutung, das Gewebe stirbt ab. Auf CT-Aufnahmen erkennen die Mediziner jedoch nur eine winzige blockierte Stelle. Auch auf Bildern einer Kamera, die die Ärzte in die Lunge der Frau schieben, zeigt sich gesundes Gewebe. Hinweise auf einen Fremdkörper, der die Atmung behindern könnte, fehlen.

Die Frau scheint sich zu erholen. Doch bevor die Ärzte sich trauen, den Beatmungsschlauch wieder zu ziehen, wollen sie noch eine letzte Ursache ausschließen. Sie untersuchen das Herz der Patientin per Ultraschall. Pumpt vor allem die linke Herzkammer zu schwach, kann es passieren, dass sich Blut in der Lunge staut und Flüssigkeit in das Gewebe drückt. Das Herz der Frau aber schlägt kräftig.

Verhängnisvolles Sandwich

Zwar wissen die Ärzte noch immer nicht, was das Problem ist. Organische Ursachen aber können sie weitgehend ausschließen. 18 Stunden nach dem Lungenversagen ziehen sie den Beatmungsschlauch aus der Lunge, der Versuch glückt. Die Patientin beginnt, wieder selbstständig zu atmen - und kann dadurch auch Fragen der Ärzte beantworten.

Bis kurz vor dem Lungenversagen habe sie keinerlei Beschwerden gehabt, erzählt die Patientin. Dann ergänzt sie den entscheidenden Hinweis: Bevor die Probleme begannen, hatte sie ein Sandwich mit Marmelade und Erdnussbutter gegessen. Direkt danach fühlte es sich an, als würde ihr jemand die Brust zuschnüren.

Die Frau hatte zwar selbst noch nie eine Erdnussallergie. Die Ärzte kontaktieren die Transplantationsbehörde - und tatsächlich: Der Spender war allergisch gegen Erdnüsse. In seinem Blut schwimmen Antikörper gegen ein bestimmtes Erdnuss-Eiweiß.

Im Blut der Patientin fehlen diese Antikörper zwar. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie die Allergie nicht entwickelt hat. Stattdessen lassen sich die fehlenden Antikörper mit Medikamenten erklären, die alle Patienten nach Transplantation einnehmen und das Immunsystem unterdrücken.

Weitere transplantierte Allergien

Es sind bereits mehrere Fälle bekannt, bei denen Organspender Allergien übertragen haben. 2008 etwa berichteten Mediziner von einer 42-Jährigen, die beide Lungenflügel eines Spenders erhielt, der nach dem Verzehr von Erdnüssen an einem allergischen Schock gestorben war. Sieben Monate später aß die Frau beim Treffen einer Pro-Organspende-Gruppe einen Erdnuss-Cookie - und erlitt selbst einen allergischen Schock. Sie überlebte dank der schnellen Reaktion ihres Umfelds.

Übertragen werden die Allergien wahrscheinlich über Antikörper, die sich im Gewebe der Spender befinden. Viele Fälle würden übersehen, weil das Phänomen so selten sei und Erwachsene auch ohne erkennbaren Grund plötzlich Allergien entwickeln können, vermuten die Autoren des aktuellen Fallberichts. Sie raten dazu, nach Transplantationen standardmäßig auf die Allergien der Organspender zu testen.

Ihrer Patientin empfehlen die Mediziner bei der Entlassung, Erdnüsse sowie sämtliche Nüsse erst einmal zu meiden. Außerdem verschreiben sie ihr eine Notfallspritze. Bei einer Untersuchung drei Monate später finden die Ärzte zwar wieder keine Erdnuss-Antikörper im Blut der Patientin. Bei einem sensibleren Hauttest reagiert diese jedoch auf Erdnüsse, Mandeln, Cashews, Kokosnüsse und Haselnüsse.

Das nächste Mal wollen sie die 68-Jährige ein Jahr nach der Transplantation auf Allergien untersuchen, schreiben die Ärzte. Bei anderen Betroffenen haben sich die Probleme in diesem Zeitraum zurückentwickelt.



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