Eine rätselhafte Patientin Zwölf Mal mangelhaft

Krankheiten? Waren für die 34-Jährige nie ein Thema. Dann aber entwickelt sie einen heftigen Ausschlag. Erst nach mehreren Arztbesuchen wird klar: Die Frau hat sich die Probleme selbst zugefügt - ohne es zu ahnen.

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Vor vier Wochen noch hätte die Frau ohne Zögern unterschrieben, dass sie komplett gesund ist. Jetzt aber überzieht ein so starker, schmerzhafter Ausschlag die Hände, die Unterschenkel und vor allem die Füße der 34-Jährigen, dass es unmöglich scheint, noch Schuhe anzuziehen.

Die Haut ist geschwollen, rissig und von einer Kruste bedeckt. Besonders schwer hat es die Fußrücken getroffen. Dort, wo sich die Haut in der Nähe der Zehen bei jedem Schritt kräuselt, durchziehen tiefe Furchen den Schorf. Mehrere Hausärzte konnten der 34-Jährigen nicht helfen. Mittlerweile sind ihre Beschwerden so stark, dass sie in der Notaufnahme der Alfred Health Clinic in Melbourne Rat sucht.

Alles begann mit ein paar trockenen Stellen an den Füßen, erzählt die Frau den Ärzten. Von dort aus zog sich der Ausschlag erst die Beine hoch, schließlich tauchte er auch auf den Armen auf. Mittlerweile sind alle Stellen an den Extremitäten betroffen, die der Sonne ausgesetzt sind. Ansonsten fühlt sich die Patientin nur etwas müde, sich zu konzentrieren fällt ihr schwer, schreiben die Ärzte um Elisabeth Ng in der Fachzeitschrift "BMJ Case Reports". Fieber oder Schweißausbrüche hat sie aber nicht.

Der Blick in die Krankenakte zeichnet das Bild einer gesunden, jungen Frau. Keine Vorerkrankungen, keine Allergien. Alkohol, Zigaretten und andere Drogen waren für die sie nie ein Thema, die 34-Jährige lebt gesundheitsbewusst, arbeitet in der Alternativmedizin-Industrie. Das Einzige, was den Ärzten auffällt: Ihr Gewicht ist zu niedrig, bei einer Größe von 1,72 wiegt sie nur 51 Kilogramm.

Infektion? Oder Autoimmun-Erkrankung?

Die Notärzte schicken die Frau in die Klinik für Infektiologie. Ihre Hautärzte hatten in den vergangenen Wochen schon mehrmals auf eine Infektion getippt und Antibiotika verschrieben, einmal erhielt sie die Medikamente sogar intravenös - ohne Erfolg. Trotzdem setzen auch die Ärzte in der Klinik zuerst auf Antibiotika, sie schieben der Frau eine Kanüle in den Arm und lassen Flucloxacillin in ihren Körper tropfen, eine Penicillin-Art.

Parallel versuchen sie, der Ursache des Ausschlags auf den Grund zu gehen. Die Mediziner vermuten, dass sich ihre Patientin entweder einen Krankheitserreger eingefangen hat - oder unter einer Autoimmunkrankheit leidet, also einer Krankheit, bei der sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet.

Die Klärung der Frage erhoffen sich die Mediziner im Labor. Sie nehmen der Frau Blut ab, bitten um eine Urinprobe, schaben etwas Haut in einen Behälter. Ein Pilz vielleicht, HIV, Syphilis, Hepatitis A, B oder C? Keiner der Tests ergibt Auffälliges. Auch nach Antikörpern lassen die Ärzte vergeblich suchen, außerdem röntgen sie den Brustkorb der Patientin. Der Frau scheint nichts zu fehlen.

Erst als die Ärzte ihre Patientin nach ihrer Ernährung befragten, ahnen sie, dass das wahre Problem der Frau ein ganz anderes ist. Das Immunsystem der 34-Jährigen arbeitet einwandfrei, auch eine Infektion hat sie nicht. Stattdessen hat sich die Frau ihre Beschwerden selbst zugefügt - ohne etwas davon zu ahnen.

Zwölf Mal mangelhaft

Die 34-Jährige hält sich seit längerem an eine strenge Diät, die sie für gesund hält. Sie ernährt sich fast vegan, macht nur selten Ausnahmen für etwas Fisch oder Milchprodukte. Fleisch und Ersatzprodukte meidet sie komplett, Vollkornprodukte isst sie kaum - im Irrglauben, ihrem Körper etwas Gutes zu tun. Tatsächlich aber hat sie ihre Ernährung so sehr eingeschränkt, dass sie an verschiedensten Mangelerscheinungen leidet.

Das Essen der Frau deckt nur 21 Prozent ihres Energiebedarfs. Außerdem unterschreitet sie bei zwölf wichtigen Nährstoffen den Bedarf ihres Körpers deutlich - darunter Stoffe wie Eiweiße, B-Vitamine und Eisen. Die Fehlversorgung erklärt ihre Müdigkeit, die Konzentrationsschwierigkeiten und den Ausschlag. Was auf ihrer Haut sichtbar wird, ist der Mangel an Vitamin B3. Er hat eine Krankheit namens Pellagra ausgelöst.

Nährstoffzufuhr der Patientin

Nährstoff Gedeckter Bedarf
Protein 44 Prozent
Vitamin B1 33 Prozent
Vitamin B2 36 Prozent
Vitamin B3 69 Prozent
Folsäure 63 Prozent
Vitamin A 28 Prozent
Magnesium 61 Prozent
Kalzium 17 Prozent
Phosphor 36 Prozent
Eisen 29 Prozent
Zink 43 Prozent
Jod 9 Prozent

Heute tritt Pellagra fast nur noch in Entwicklungsländern auf, wenn sich Menschen in erster Linie von Mais oder Hirse ernähren müssen. Beide Getreide enthalten zwar Vitamin B3, allerdings in einer Form, die der Körper nicht aufnehmen kann. Der rotbraune, lichtabhängige Ausschlag ist typisch für Pellagra, häufig kommt es außerdem zu Durchfall und neurologischen Ausfällen wie Verwirrtheit und Demenz. Hält der Mangel an, wird er lebensbedrohlich.

Ernährungsberatung, Tabletten und sechs Wochen Zeit

Im Westen trifft das Leiden vor allem Menschen, die aufgrund einer Magersucht oder einer Alkoholabhängigkeit eine extremen Fehlernährung entwickelt haben. "Häufigere Berichte in den Medien und Fachzeitschriften sprechen jedoch dafür, dass Mangelkrankheiten wieder zunehmen", schreiben die Ärzte. Grund dafür seien neben Essstörungen wahrscheinlich auch Menschen, die sich wie die Patientin extreme Verhaltensmuster angewöhnt haben - und denken, damit gesund zu leben.

Die Mediziner verordnen ihrer Patientin eine Ernährungsberatung und Nahrungsergänzungsmittel. Ab sofort muss sie täglich Vitamin B3 schlucken, neben einer Multivitamintablette, einer Pille mit Eisensulfat und einer mit einem Vitamin-B-Komplex. Außerdem spritzen die Ärzte der Frau eine Form des Vitamins B-12, die der Körper gut speichern kann.

Hände und Füße der Patientin nach sechs Wochen Ernährungsumstellung und Tabletten
BMJ Case Reports

Hände und Füße der Patientin nach sechs Wochen Ernährungsumstellung und Tabletten

Mit der Anweisung, die Tabletten über die nächsten sechs Wochen weiterzuschlucken und sich an die neuen Ernährungsempfehlungen zu halten, schicken die Ärzte ihre Patientin nach Hause. Die Therapie schlägt an. Als sie nach sechs Wochen zu einer Nachuntersuchung in die Klinik kommt, hat sich ihre Haut fast komplett erholt. "Nährstoffmängel sind einfach zu behandeln", schreiben die Mediziner. "Die Herausforderung für uns liegt darin, sie zu erkennen."

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