Musik und Demenz Plötzlich kann Oma wieder singen

Lieder von damals: Wenn Demenzkranke singen, erinnern sie sich an längst vergessen Geglaubtes. Der Fotograf Christoph Soeder hat bewegende Momente festgehalten, in denen Betroffene durch das Musizieren wieder aufblühen.

Christoph Soeder

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Normalerweise streift die 92-jährige Barbara Witte rastlos durch die Wohnung. Mal wirkt sie niedergeschlagen, mal ängstlich und verloren. Wenn sich aber die Musiktherapeutin Julia Pohl mit ihr hinsetzt und ein Lied auf der Gitarre anstimmt, streift die alte Dame ihre Traurigkeit ab und blüht auf, sie fällt in den Gesang ein und singt sogar auf mehreren Sprachen. Trotz der Krankheit erinnert sie sich auf einmal an Lieder aus ihrer Vergangenheit, die sie seit Jahrzehnten nicht mehr gehört, geschweige denn gesungen hat.

Es ist verblüffend: Auch wenn bei Menschen, die an Demenz leiden, vieles in Vergessenheit gerät - an Musikstücke aus ihrer Kindheit und Jugend können sich viele noch lange erinnern. Musiktherapeuten nutzen diese Fähigkeit, um Patienten aus ihrer Isolation herauszuholen und ihnen zumindest kurzzeitig Freude zu verschaffen.

Der Fotograf Christoph Soeder hat mehrere ältere Menschen bei ihrer Musikstunde begleitet und erstaunliche Momente mit ihnen erlebt. Anfang 2016 stieß Soeder durch Zufall auf einen Artikel, in dem es um den Einfluss von Musik auf Demenzkranke ging. Über Kontakte lernte er die Musiktherapeuten Michael Bäßler und Julia Pohl kennen und begleitete die beiden gemeinsam mit der Autorin Anna Kristina Bückmann bei ihrer Arbeit. Nachdem die Angehörigen oder gesetzlichen Vertreter der Patienten zugestimmt hatten, baute Soeder vor Ort - in einem Altersheim und in verschiedenen Demenz-Wohngemeinschaften - jeweils ein kleines Fotostudio auf.

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12  Bilder
Musiktherapie bei Demenz: Wenn die Erinnerung zurückkommt

Während der Einheit saß der Therapeut dem Teilnehmer direkt gegenüber, Soeder nahm neben Bäßler und Pohl Platz und fotografierte. Mit Hilfe eines Spiegels hinter den Betroffenen konnte er auch die Musiktherapeuten mit ins Bild bringen.

"Die Patienten haben gemerkt, dass es eine besondere Situation war und sie Aufmerksamkeit bekommen - das hat den meisten gefallen", sagt Soeder. Eine Pflegedienstleiterin meinte sogar, dass sich ein Mann am nächsten Tag noch an das Fotoshooting erinnert hätte - außergewöhnlich für seinen Gesundheitszustand.

"Das Musikgedächtnis bleibt lange intakt"

Verschiedene Bereiche des Gehirns sind Experten zufolge unterschiedlich betroffen. Der Neurologe Carsten Finke von der Berliner Charité erforscht dieses Phänomen: "Die Ergebnisse unserer Studien legen nahe, dass Musik in Hirnregionen gespeichert wird, die erst sehr spät von den Abbauprozessen - beispielsweise bei der AlzheimerKrankheit - betroffen sind. Das Musikgedächtnis bleibt sehr lange intakt." Andere Regionen hingegen, die etwa für das autobiografische Gedächtnis zuständig sind, würden bereits früher angegriffen.

Christoph Soeder

Musik hat laut Finke einen positiven Einfluss auf die Lebensqualität der Menschen: "Patienten, die tagtäglich mit ihren Einschränkungen und Defiziten konfrontiert sind, erleben, dass sie noch Fähigkeiten haben, dass sie Musik machen und hören können und ihnen das viel Freude bringt." Auch bei Stimmungsschwankungen, Ängsten oder beim Abbau von Aggressionen könne Musik helfen.

Die positive Wirkung halte manchmal auch über die Musikstunde hinaus an, sagt Finke. "Allerdings kann auch damit das Fortschreiten der eigentlichen Erkrankung nicht aufgehalten werden."

Lieder aus der Kindheit

Neben dem Singen arbeiten die Musiktherapeuten viel mit einfachen Saiteninstrumenten, Xylophonen, Glocken, Trommeln. Deren Klang empfinden viele Patienten als angenehm, manche können die Instrumente sogar selbst spielen. "Bei der Auswahl der Lieder wirkt Musik am besten, zu der die Patienten eine Verbindung haben - die sie in ihrer Kindheit und Jugend mochten oder oft gehört haben", sagt Judith Brunk, Geschäftsführerin der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft. Wissen die Therapeuten von diesen Vorlieben, spielen sie gezielt diese Musik.

"Es war sehr eindrücklich zu sehen, wie total desorientierte Menschen während der Musik ganz da waren und ihr Umfeld und sich selbst wieder präsent hatten", berichtet Soeder. Manche Patienten, die eigentlich nicht mehr laufen können, fingen im Rollstuhl an zu tanzen. Andere, die selbst ihre Kinder nicht mehr erkennen und nicht mehr sprechen können, sangen Lieder mit.

Dennoch ist Musik kein Zaubermittel: Nicht bei jedem funktionierte die Musiktherapie gleich gut, erzählt Soeder. "Das ist bei jedem sehr individuell und im Vorfeld nicht klar. Aber wenn es funktioniert, dann können kurze Momente geschaffen werden, in denen die Menschen ihr Vergessen vergessen dürfen. "

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