Frankreichs Streit über E-Zigaretten: Dampfen wie in Hollywood

Von , Paris

Saubere Sucht oder neues Laster? Eine Debatte über elektronische Zigaretten spaltet Frankreich. Tabakgegner bekämpfen die modische Leidenschaft als Einstiegsdroge, die Industrie setzt auf einen expandierenden Millionenmarkt.

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E-Zigaretten: In Frankreich immer beliebter

Kaum nähert sich das gemütliche Dinner im Bistro Le Pont Tournant dem Ende, verlässt ein halbes Dutzend Menschen die Tische. Sie wollen "eine grillen", eng zusammengerückt auf dem Bürgersteig am Pariser Kanal Saint Martin. Seit 2008 das Rauchen in öffentlichen Räumen verboten wurde, gehört der Ausflug zwischen Dessert und Absacker zur französischen Gewohnheit. Derweil greift eine junge Frau am Nebentisch in ihre Tasche und steckt sich eine elektronische Zigarette zwischen die Lippen. Eine Wolke, im Geruch irgendwo zwischen Vanille und Apfel, wabert Richtung Tresen, ohne dass die Bedienung reagiert. "Das ist nicht verboten", sagt der Barmann, "wir müssen es also dulden."

Noch. Denn anders als in Deutschland, wo sich die Debatte über die elektronische Ersatzbefriedigung nur vorübergehend entspann, wird die Kontroverse um das "juristisch undefinierte Objekt" ("Le Nouvel Observateur") in Frankreich mit der Verbissenheit eines Glaubenskriegs gepflegt: Tabakhändler fürchten um ihr traditionelles Monopol, Apotheken beanspruchen den Verkauf der E-Zigarette als "therapeutisches Mittel", die Multis der Tabakindustrie rüsten zum Geschäft mit Geschmacksstoffen und hoffen auf einen Reibach in Millionenhöhe.

Während die Gauloises oder die Gitanes im Mundwinkel, einst Zeichen mediterraner Lässigkeit, längst mit gesellschaftlichem Bann belegt sind, und die Abhängigkeit von der Zigarette in Anlehnung an Drogen- oder Alkoholkonsum als "Tabagismus" gebranntmarkt wird, gilt das Paffen der elektronischen Ersatzstäbchen als nachgerade schick. Vorbild Hollywood: Johnny Depp, Katherine Heigl oder Paris Hilton - die Stars verbreiten Wasserdampf. Ob einer herkömmlichen Zigarette nachempfunden oder in der Form eines Füllfederhalters, die mitunter mit einem flüssigen Nikotinkonzentrat gefüllten E-Zigaretten werden in Frankreich immer beliebter. Auf eine Million dürfte die Anhängerschaft 2013 steigen.

Saubere Sucht oder Einstiegsdroge?

Verfechter der E-Zigaretten loben ihre "saubere Sucht" als Alternative zum schädlichen Rauchen oder als wirksame Möglichkeit, die Abhängigkeit vom Nikotin zu überwinden. "Meine Mutter hat 45 Jahre lang geraucht, zwei, drei Päckchen täglich", so eine Zuschrift auf einer der Webseiten für E-Zigaretten: "Seit sie auf die Elektronik umgestiegen ist, hat sie Zigaretten nicht mehr angerührt." Gegner hingegen sehen in der neuen Form des Qualmens eine gefährliche Einstiegsdroge zum Tabakgenuss, der in Frankreich jährlich für den Tod von 73.000 Menschen verantwortlich ist, von rund 200 täglich.

Nikotin inhalieren: So funktioniert die E-Zigarette Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Nikotin inhalieren: So funktioniert die E-Zigarette

Bislang führte die Obrigkeit den Kampf gegen den "Tabagismus" mit Hilfe drastischer Warnungen auf Zigarettenschachteln, eines schrittweise ausgedehnten Rauchverbots und kräftigen Preisaufschlägen. Der durchschlagende Erfolg blieb jedoch aus: Die Franzosen, 30 Prozent Raucher, weichen auf billigere Marken aus, kaufen illegale Importe oder gefährliche Imitate von US-Zigaretten - meist aus China. Die E-Zigaretten bieten sich dabei als Alternative an, zumal sie deutlich billiger sind: Statt 200 Euro monatlich für herkömmliches Rauchen kostet ähnlich fleißiges Verdampfen nur etwa 40 Euro.

"Kein harmloses Produkt"

Ortstermin in einem der rund hundert Pariser Shops, die das Zubehör für den Umgang mit Dampf vertreiben: weiße Wände, Design-Barhocker und die Gerätschaften für das E-Paffen unter Glas. Das Ladengeschäft unweit der Oper verbreitet das Ambiente gehobener Lebensart. Eine junge Dame führt die Bedienung der E-Zigaretten vor, zeigt das Auffüllen mit verschiedenen Geschmacksstoffen und erklärt das Aufladen: "Am einfachsten mit einem USB-Kabel am heimischen Laptop." Der Preis liegt zwischen 25 und 70 Euro.

Gesundheitliche Bedenken zerstreut sie. Die verdampften Flüssigkeiten? Durchweg harmlos: Propylenglykol vernebelt Discos und Theaterbühnen, Glyzerin ist ein Naturprodukt und für die Ernährung zugelassen, es steckt etwa in Schokolade oder Kaugummi. Und Nikotin? "Muss man ja nicht zumischen", meint die Frau in dem roten T-Shirt und preist ihr breites Duftsortiment an: "Lakritze, Apfel oder Zimt, aber auch Tabakvarianten in Orient oder Virginia."

Welche Wirkung diese Flüssigkeiten, die in den E-Zigaretten verdampft und inhaliert werden, auf die Gesundheit haben, ist jedoch völlig unklar. Herkunft und Zusammensetzung der Stoffe, vielfach über den Versandhandel im Internet angeboten, unterliegen bisher keinen klaren Regeln. Die Tageszeitung "Le Figaro" zitiert die entlarvende Aussage von Herstellern: "80 Prozent der verkauften Produkte sind tatsächlich schädlich." Schon wegen des Vorsichtsprinzips will die Regierung den Verkauf der modischen Glimmstängel an Minderjährige verbieten.

"Die elektronische Zigarette ist kein harmloses Produkt", sagt Gesundheitsministerin Marisol Touraine und fordert dafür "die gleichen Regeln" wie für den Tabak: "Dampfen, das muss mal gesagt sein, ist das Gleiche wie Rauchen."

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insgesamt 61 Beiträge
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1. Serh schön...
tetaro 06.06.2013
...ein Beispiel dafür, wie sauber man gewisse "Laster" umlenken kann, wenn man diese mal mit echter Technologie umsetzt. Ich wäre für ähnliche Entwicklungen bzgl. anderer Substanzen. Warum von einigen Leuten einerseits gegen Zigaretten etc. gewettert wird und diese andererseits in einen geschützten Status gebracht werden, indem man alternative Technologien behindert, entzieht sich voll und ganz meinem Verständnis. Das Ganze könnte man vielleicht dadurch in den Griff bekommen, indem man die politischen Behinderer mit Miliardenklagen wegen der Folgen des Tabakverbrennens konfrontiert, zu dem vielen Leute deshalb zurückkehren würden.
2. Geld Geld
ChristianWild 06.06.2013
es geht doch nur wieder um Geld, und dumme Aktivisten auf beiden Seiten. Jeder will das Rad erfunden haben.
3. Hab ich mal probiert
bluemetal 06.06.2013
Ich habe das mal probiert und tatsächlich 2 Monate nicht mehr geraucht. Aber auch das wird von den Gesundheitsfaschisten bei Gesetzgebern, Apotheken und Staatsanwaltschaften ja kriminalisiert obwohl es eine wesentlich gesündere Alternative darstellt. Aufgegeben habe ich es aus technischen Gründen: ständig waren Akkus und Verdampfer defekt, Flüssigkeit lief aus etc....ich war permanent am nachkaufen. Wenn also mal ein namhafter Hersteller eine qualitativ hochwertige Variante auf den Markt brächte wäre ich sofort wieder dabei.
4. Käffchen verbieten!
LouisWu 06.06.2013
Wer die E-Dampfer in die Verbannung drängen will, muss das auch mit Kaffeetrinkern machen. Der Dampf, der aus einer Kaffeetasse aufsteigt, enthält noch wesentlich mehr potentiell oder bekannt giftige Stoffe als die E-Zigarette. Schade, dass keiner in diese Richtung klagt. Es würde endlich zeigen, wie verrückt diese Verbotshysterie ist, bei der es ja angeblich(!) nur um die Volksgesundheit geht....
5.
enivid 06.06.2013
Jeder der will soll doch bitte an der e-Zigarette hängen. Die belästigt mich keines Wegs, ganz anders Zigaretten.
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