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Hilfe bei Elephantiasis: Der Fluch von Madagaskar

Aus Fénerive Est, Madagaskar, berichtet Till Mayer (Text und Fotos)

Kampf gegen Elephantiasis: Die Motorrad-Ritter von Madagaskar Fotos
Till Mayer

Elephantiasis ist eine tückische Erkrankung, sie lässt Körperteile massiv anschwellen, verursacht Schmerzen - und lässt sich nur in einem frühen Stadium lindern. Doch was tun, wenn die Patienten in entlegenen Dörfern leben?

Die Enduro von Richard Josoa Botovelona kreischt erbärmlich beim Anstieg. Ein Pfad windet sich steil den Bergrücken nach oben. Steinbrocken, Erde und Schlammpfützen wechseln sich ab, dahinter sattes Grün. Der Urwald streckt sich längs der Hänge. Hinter der nächsten Biegung wartet ein Bach, über dem zwei, drei Stämme liegen.

Josoa wird bei seinem Ritt zum Gipfel durchgeschüttelt, dass die Zähne klappern. Dafür ist die Einfahrt in das Dorf Vohibe triumphal. Kinder rennen jubelnd links, rechts und hinter dem Motorradfahrer. Als wäre der Mann auf der Suzuki ein Ritter, der unten im Tal gerade ein Ungeheuer erlegt hat.

Im Dorf schätzt man das Motorradfahrer-Team der Organisation Handicap International. Weil sie den Menschen mit den geschwollenen Füßen und Beinen, und - darüber spricht man dann nicht ganz so offen - den Männern mit den aufgeblähten Hodensäcken helfen.

Elephantiasis ist ein treffender Name für die lymphatische Filariose. Eine Krankheit der tropischen Entwicklungsländer, ausgelöst durch Fadenwürmer (Filarien). Sie verschaffen sich zum Beispiel durch einen Mückenstich den Weg in den menschlichen Körper und befallen dort als eierlegende Parasiten die Lymphgefäße. Die Flüssigkeit staut sich, was zu massiv angeschwollenen Beinen und Genitalien führen kann. "Eine vollständige Heilung ist nicht möglich", erklärt Handicap-Mitarbeiter Richard Josua Botovelona. Die Entdecker eines Wirkstoffs gegen Fadenwurm-Infektionen bekamen 2015 den Medizin-Nobelpreis. Traurige Berühmtheit erlangten Erkrankte einst als Jahrmarkt-Attraktionen in Europa.

Mehr als hundert Millionen Betroffene

Geschätzt mehr als hundert Millionen Menschen sollen weltweit von Filariose betroffen sein. Einer davon ist Franton Roger Jaofara. Er sitzt ein wenig schüchtern mit seiner Frau in der Dorfkneipe von Vohibe, einem abenteuerlichen Bretterverschlag mit Lehmboden und wackeligem Tisch, und wartet auf sein Beratungsgespräch. In zwei Wochen soll die Operation stattfinden. Wenn nicht Emille Rakotondrasoa so gedrängelt hätte, Jaofara hätte sich noch Zeit genommen. Rakotondrasoa wurde erfolgreich operiert. "Sei kein Narr und lass dich operieren", rät er seinem Nachbar Jaofara, der drei, vier staubige Gassen entfernt von ihm wohnt.

Umgerechnet rund 50 Euro kostet der Eingriff, Handicap International übernimmt 90 Prozent davon. Den Rest sowie die Transportkosten müssen die Patienten selbst tragen. Für einen Bauern wie Jaofara ein nicht unerheblicher Betrag.

Ehrung für Entdecker gefährlicher Fadenwürmer
"Die bittere Armut ist das Problem. Einen Arzt kann sich keiner leisten, noch dazu ist er eine gute Tagesreise für die Bauern entfernt. Die Betroffenen warten oft so lange, bis sie nicht mehr Wasser lassen können", sagt Richard Botovelona Josoa. Auf seinem Laptop im Büro der nahen Stadt Fénerive Est hat er einige Bilder von Operationen abgespeichert. Zu sehen sind Hodensäcke, auf die Größe von Fußbällen angeschwollen, die drainiert werden.

Die Aufgabe des Filariose-Teams von Handicap International: Betroffene identifizieren, sie über Behandlungsmöglichkeiten informieren. In Zusammenarbeit mit örtlichen Gesundheitshelfern den Erkrankten einfache aber effektive Übungen zeigen und sie dabei zu begleiten. Operationen und Krankenhausaufhalte zu ermöglichen, wenn sie angeraten sind.

"Hab keine Angst vor der Operation, alles wird klappen", sagt der Motorradfahrer zum Abschied zu Jaofara. Doch alle Sorgen kann er dem Bauern nicht nehmen. Allein der Abstieg ins Tal wird lang und schmerzvoll sein. Jaofara graut es davor.

Geld für Schmerzmittel fehlt

Josua startet seine Suzuki und rattert dem Tal entgegen, der Motor schreit bei den Steilstücken im ersten Gang noch erbärmlicher als beim Anstieg. Der Mann auf der Geländemaschine beeilt sich. Er muss mitsamt Motorrad noch einen Fluss auf einem Kanu überqueren. Das kostet Zeit. Dann geht es zu einer der jüngsten Patientinnen.

Flegie ist erst elf Jahre alt und blickt dem Besucher ernst entgegen. Zusammen mit einer dörflichen Gesundheitshelferin hat Josua der Mutter Übungen gezeigt, die das Mädchen mehrmals täglich macht. Sie helfen.

"Wie geht es der kleinen Prinzessin?", lacht der Handicap-International-Mitarbeiter und blickt auf die Füße des Kindes. Sie sind geschwollen, wirken zu groß für den kleinen Mädchenkörper. "Seit wir die Übungen und kalte Wickel machen, ist es viel besser geworden", sagt die alleinerziehende Mutter Angeline Pelagie. Wenn nur nicht immer die Fieberschübe wären. Sie sind eine Begleiterscheinung der Filariose.

Die Mutter kann sich für ihr Kind keine Wurmmittel und Schmerztabletten leisten. "Es ist schwer für meine kleine Flegie, in der Schule mitzuhalten, wenn sie so oft krank ist", sagt die 43-Jährige. Mit ihren Schulkameraden sollte sie auch viel mehr spielen, aber das geht meist nicht wegen der geschwollenen Füße. Sie schmerzen manchmal so sehr, dass Flegie Tränen in den Augen hat, wenn sie heimkommt", sagt ihre Mutter leise.

Es ist ein Fluch, sagen sie auf Madagaskar

"Macht sich die Filariose an Füßen und Beinen bemerkbar, können wir mit einer Operation nicht mehr helfen", erklärt der Handicap-International-Mitarbeiter Josoa. Das Projekt der Organisation zielt darauf, mit wirksamer Vorbeugung und mit in Madagaskar leistbaren Mitteln zu unterstützen. Kompressionsstrümpfe zum Beispiel wären in Europa angebracht, sind in einem Dorf am Urwaldrand aber kaum zu gebrauchen. Medikamente gibt es in Notfällen im nahen Gesundheitszentrum. Kommt es ganz schlimm, wird der Krankenhausbesuch von Handicap International bezahlt.

Samila Soamaheva weiß, was Flegie durchmachen muss. Die junge Frau hat all ihren Mut zusammengenommen und ist von ihrem Dorf nach Fénerive Est gezogen, einem verschlafenen Städtchen. Im Vergleich zu ihrem Dorf die große Welt. Mit einer anderen jungen Frau teilt sie sich ein Zimmer in einer Hütte am Stadtrand. Die 27-Jährige holte sich vom Team von Handicap International Rat. Was sie erfuhr, schmerzte. "Manchmal kann ich es nicht glauben, dass es einfach keine Heilung gibt", sagt sie traurig.

Sie blickt auf ihr rechtes Bein, das doppelt so dick ist wie das andere. "Sie hat bereits ein Stadium erreicht, in dem Übungen nicht mehr helfen. Das ist schlimm, besonders für eine junge Frau", sagt Voahanginirina Razafindravelonatoandro, die ebenfalls zum Filariose-Team gehört und Samila Soamaheva hilft, sich auf akute Attacken einzustellen. Sie kennt die Geschichte der 27-Jährigen gut. Ihre Eltern hatten schon fast den ganzen Viehbestand für dubiose Heilmittel verkauft. "Die allesamt nichts genutzt haben. Das musste aufhören. Ich will meine Familie nicht in den Ruin treiben", sagt die junge Frau.

Dazu kam, dass so mancher im Dorf glaubte, Samila Soamaheva leide an einem Fluch. Aberglaube ist weit verbreitet auf dem Land: "Ein schönes Mädchen, das so entstellt wird, was kann das anderes als ein Fluch sein" - so in etwa lautet die Logik.

Solchen Unsinn hört Josoa häufiger, wenn er mit seinen Kollegen in die Dörfer fährt. Dann ist Aufklärungsarbeit angesagt. "Das ist wichtig für die Betroffenen", sagt Soamaheva, die weiß, wie sehr auch Getuschel schmerzen kann.

In Fénerive hat sie jetzt einen kleinen Job, der sie über Wasser hält. Bald geht sie aufs College. Mit der Liebe scheint es endlich auch zu klappen. Kein Wunder, dass sich Samila Soamaheva die Fußnägel lackiert. Übrigens an allen Zehen.

Zum Autor
Till Mayer arbeitet als Journalist und Fotograf eng mit Hilfsorganisationen zusammen. Oft stehen dabei Menschen mit Behinderung im Fokus. Madagaskar besuchte er auf Einladung von Handicap International. Eine Woche fuhr er mit dem Motorradteam durch den Dschungel von Madagaskar. Für seine Reportagen wurde Mayer bereits mehrfach ausgezeichnet.

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1. Fragen und Diskrepanzen...
Emil Peisker 05.01.2016
"Ivermectin ist hoch wirksam gegen eine Reihe von Parasiten und hat überschaubare Nebenwirkungen", heißt es in der Begründung des Nobelpreis-Komitees. Die Behandlung sei so erfolgreich, dass die Flussblindheit und die Elephantiasis an der Schwelle zur Ausrottung stünden. Die Ausgabe des SPON vom 5. Oktober 2015 spricht von Auslöschung der Krankheit. Der heutige Artikel sieht das wohl ganz anders: *Geschätzt mehr als hundert Millionen Menschen sollen weltweit von Filariose betroffen sein.* Hat diese Diskrepanz etwas mit der Wirksamkeit der Behandlung in Bezug auf sehr frühzeitigen Einsatz der Medikamente zu tun? Sind die schon länger Erkrankten unheilbar?
2. an alle Chirurgen
cindy2009 05.01.2016
Kann man da wirklich nicht die Würmer aus den lymphatischen bahnen entfernen?
3.
lavama 06.01.2016
Zitat von cindy2009Kann man da wirklich nicht die Würmer aus den lymphatischen bahnen entfernen?
Doch scheinbar kann man. Die Behandlung, wenn überhaupt, erfolgt allerdings meist zu spät, wodurch sich das Krankheitsbild Elephanthiasis ausbilden kann und das ist scheinbar in späteren Phasen dann meist nur noch schwer behandelbar. Schon gar nicht in den oft betroffenden medizinisch recht rückständig Gebieten. mfg
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