Ein rätselhafter Patient Kann das am Cannabis liegen?

Eine Gesichtshälfte der Patientin ist taub, sie wird erst aggressiv, dann lethargisch. Die größte Auffälligkeit in ihrer medizinischen Geschichte: Die Frau konsumiert seit 35 Jahren Cannabis.

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Ihre linke Gesichtshälfte fühlt sich plötzlich taub an. Auch in der linken Hand hat die 48-Jährige Empfindungsstörungen. Mit diesen Symptomen sucht die US-Amerikanerin eine Klinik in Bakersfield im US-Bundesstaat Kalifornien auf. Doch die Ärzte dort finden die Ursache ihrer Beschwerden nicht und entlassen sie wieder.

Eine Woche später stellt sie sich erneut vor, nachdem sie mehrmals in Ohnmacht gefallen ist. Erneut bleibt der Grund für die Symptome unklar, und sie verlässt die Klinik wieder.

Weitere drei Wochen vergehen, in der sich die Gesundheit der Frau nicht bessert. Schließlich bringt ihre Schwester sie in die Notaufnahme des Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles.

Schwindel, Abgeschlagenheit und Gedächtnisprobleme

Die Ärzte dort notieren, dass die Patientin seit nunmehr zwei Monaten zunehmend unter Schwindel, Abgeschlagenheit und Gedächtnisschwierigkeiten leidet. Dazu kommen die Empfindungsstörungen in der linken Körperhälfte, berichtet das Medizinerteam um Bryan Shapiro.

Die Frau hat chronischen Bluthochdruck, den sie nicht mit Medikamenten senkt. Sie besitzt eine Lizenz, mit der sie medizinisches Cannabis kaufen darf: In der Regel raucht sie pro Tag drei bis sechs sogenannte Blunts, bei denen das Cannabis in die Hülle einer ausgehöhlten Zigarre gestopft wird. Seit sie 13 Jahre alt ist, konsumiert sie mit wenigen Ausnahmen täglich Cannabis, heißt es im Fallbericht im Fachblatt "BMJ Case Reports". Aus welchem Grund sie die Lizenz vom Arzt erhalten hat, wird im Fallbericht nicht erwähnt, die Voraussetzungen sind allerdings viel niedriger als etwa in Deutschland.

Davon abgesehen ist ihre Krankheitsgeschichte unauffällig. Alkohol trinkt sie nur in Maßen und auf Feiern, andere Drogen konsumiert sie nach eigener Aussage nicht. Kürzlich hat die 48-Jährige ihren Job verloren.

Anzeichen eines Schlaganfalls

Auf einem MRT-Bild des Gehirns entdecken die Ärzte Anzeichen eines früher stattgefundenen Schlaganfalls. Doch der hinzugezogene Nervenarzt sagt, dass dies höchstwahrscheinlich nicht die aktuellen Symptome erklärt. Eine CT-Aufnahme zeigt eine kleine Zyste in der Leber sowie eine kleine Veränderung in der rechten Niere: Beides wird ebenfalls nicht als Grund ihrer Beschwerden eingeordnet.

Damit ist die Ursachenforschung weiterhin erfolglos und der Zustand der Frau verschlechtert sich. Am sechsten Tag in der Klinik wird ein Psychiater hinzugezogen, weil die Patientin nicht nur zunehmend verwirrt und unruhig ist, sondern auch eine Pflegekraft angreift. In den darauffolgenden Tagen wird sie immer lethargischer. Schließlich spricht sie nicht mehr von sich aus, sondern antwortet bloß noch, wenn sie direkt angesprochen wird.

Am 20. Tag ihres Krankenhausaufenthalts entnehmen die Ärzte ihr Nervenflüssigkeit, denn nun haben sie den Verdacht, dass die Frau an einer Hirnhautentzündung leidet. Dieser bestätigt sich: Im Nervenwasser entdecken sie den Pilz Cryptococcus neoformans.

Der Erreger kann eine Hirnhautentzündung verursachen. Dies geschieht jedoch selten bei Patienten mit intaktem Immunsystem, wie es die 48-Jährige hat. Meist sind etwa Aidskranke oder Menschen mit einem Spenderorgan und deshalb unterdrückter Körperabwehr betroffen.

Die Mediziner verabreichen der Frau Medikamente, die die Pilze bekämpfen. Daraufhin verbessert sich ihr Zustand langsam. Nach insgesamt dreieinhalb Monaten kann sie das Krankenhaus verlassen.

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Pilzsporen in den Cannabis-Proben

Wie hat sich die Frau infiziert? In der Region Kaliforniens, in der sie lebt, findet sich ein anderer gefährlicher Pilz, Coccidioides immitis, häufig im Boden. Weil die Patientin lokal angebautes medizinisches Cannabis konsumiert hat, sehen die Ärzte dies als mögliche Quelle der Infektion.

Sie analysieren Proben neun verschiedener Sorten, die ihr Händler anbietet und die sie bevorzugt gekauft hat: "die draußen wachsenden, günstigeren Varianten". Alle Proben sind mit Pilzen belastet, wobei Cryptococcus neoformans nur einen winzigen Teil der Pilzmenge ausmacht, nämlich weniger als ein Prozent. Die Art findet sich aber in drei der neun untersuchten Proben.

Die Ärzte vermuten deshalb, dass sich die Frau durch das Cannabis mit den gefährlichen Pilzen infiziert hat. Pilzsporen sind so widerstandsfähig, dass sie die kurzfristige Hitze beim Rauchen überstehen können.

Schon vorher waren Fälle bekannt, bei denen das Rauchen von Cannabis zu Schimmelpilz-Infektionen in der Lunge geführt hat, schreiben die Mediziner. Dies sei allerdings nur bei Patienten mit unterdrücktem Immunsystem passiert.

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