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Folgen der Infektion: "Mich haben die Masern nur das Gehör gekostet"

Ein Interview von

Enno Park: "Ohne Hörgerät war die Welt vollkommen still" Zur Großansicht
Ben de Biel

Enno Park: "Ohne Hörgerät war die Welt vollkommen still"

Die Masern sind nicht harmlos. Blogger Enno Park erzählt, wie die Infektion ihm geschadet hat und sagt, was er über eine Impfpflicht denkt.

ZUR PERSON
Enno Park, 41, ist Blogger, TV-Redakteur und Vorsitzender des Cyborgs e.V., der sich mit Implantaten und Prothesen in vielfältiger Weise auseinandersetzt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Park, was hat Sie zu diesem Tweet bewogen?

Park: Es war eine sarkastische Reaktion auf die Nachricht, dass in Berlin ein Kind an den Masern gestorben ist. Aber es stimmt: Ich bin im Alter von neun Jahren zu Weihnachten an Masern erkrankt. Sie verliefen scheinbar harmlos. Doch in den kommenden Jahren wurde mein Gehör immer schlechter, mit 16 war ich gehörlos. Ohne Hörgerät war die Welt vollkommen still. Nach diversen Tests haben alle Ärzte gesagt: Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit waren die Masern dafür verantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Warum waren Sie nicht geimpft?

Park: Ich bin Jahrgang 1973. Damals war die Ansicht noch weiter verbreitet, die Masern seien eine harmlose Kinderkrankheit.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben lange mit den Folgen leben müssen.

Park: Ja, mehr als 20 Jahre lang. 2011 habe ich Cochlea-Implantate erhalten. Sie haben mir mein Gehör zurückgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von der jetzt diskutierten Impfpflicht?

Park: Ich bin sehr liberal eingestellt. Aber hier geht es nicht nur ums eigene Wohl, Nicht-Geimpfte gefährden auch das Leben anderer. Schließlich gibt es Menschen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können: Sie sind auf den Herdenschutz angewiesen. Deshalb bin ich für eine Impfpflicht.

SPIEGEL ONLINE: Impfgegner betonen, dass die Impfung ja auch nicht frei von Risiken ist.

Park: Die sind im Vergleich zu den Masern jedoch viel kleiner. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache für die Impfung und gegen das Durchmachen der Krankheit. Etwa einer von tausend stirbt an den Folgen der Masern. Und den anderen drohen Folgeschäden - wie bei mir.

Wenn ich nicht durch die Infektion in meiner Kindheit vor den Masern geschützt wäre, würde ich mich spätestens jetzt impfen lassen.

Die Masern können einige Komplikationen mit sich bringen: Bis zu 15 Prozent der Infizierten bekommen eine Mittelohrentzündung, zehn Prozent eine Lungenentzündung. Eines von 1000 an Masern erkrankten Kindern erkrankt an einer Enzephalitis mit Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma. 10 bis 20 Prozent der davon Betroffenen sterben, 20 bis 30 Prozent behalten Schäden am Zentralen Nervensystem.

Circa sechs Wochen lang ist das Immunsystem infolge der Infektion deutlich geschwächt, schreibt das Robert Koch-Institut. Deshalb treten in dieser Zeit generell öfter bakterielle Infektionen auf.

Eine seltene Spätfolge ist die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), die sechs bis acht Jahre nach der Maserninfektion einsetzt und tödlich ist. Sie kommt bei 4 bis 11 von 100.000 Erkrankten vor. Bei Kindern, die im Alter von unter fünf Jahren an Masern erkranken, liegt das Risiko bei 20 bis 60 SSPE-Fällen pro 100.000 Erkrankungen.

Laut WHO sterben in entwickelten Ländern fünf bis zehn von 10.000 Masernkranken, in Entwicklungsländern ist die Sterblichkeit höher.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 175 Beiträge
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1.
schokomuffin 01.03.2015
Wenn die Impfpflicht kommt, dann muss auch ein Autoverbot kommen. Wie viele Menschen werden durch Autounfälle verletzt/getötet? Jeder, der Auto fährt, gefährdet auch das Leben anderer! Aber das ist ja nicht so wichtig, weil es ja einfach so bequem ist Auto zu fahren. Also, wer eine Impfpflicht befürwortet, muss im selben Atemzug auxh ein Autoverbot fordern. Alles andere wäre Doppelmoral.
2. Ganz ehrlich...
rocketsquirrel 01.03.2015
...meine Töchter sind gegen alles geimpft, was die StIko gerade empfiehlt, abgesehen von HPV, da warte ich noch Studien zu ab. Dennoch wird die Masern-Sache gerade in einer derart großen Medienkampagne befeuert, dass man sich schon über Hintergründe gedanken macht., weshalb ausgerechnet Masern und keine anderen der nicht ausgerotteten "Kinderkrankheiten" thematisiert werden.
3. Eine Herde aus schwarzen Schafen
telltaleheart 01.03.2015
"Herdenschutz" ist genau das treffende Stichwort in dieser Sache. Je höher die Impfdichte, desto geringer das Ausbreitungsrisiko und desto höher die Sicherheit. Ist aber natürlich schwierig durchzusetzen in einer Gesellschaft, die bis zur Blödheit auf Pseudoindividualismus, sprich: Egoismus, und Verschwörungstheorien setzt. Wenn jeder nur an sich denkt ist die Herde schwach und damit wiederum auch der Einzelne. Dadurch ist Deutschland, in epidemiologischer Hinsicht, zu einem schwachen Glied der globalen Herde geworden.
4. Eine Sicht der Dinge
malvee 01.03.2015
Aus dieser Perspektive ist das Impfen unerlässlich. Ich weiß längst, wie der Spiegel zum Thema steht. Man könnte auch von einem Kind mit Impfschäden berichten, die Mutter interviewen und die Schädlichkeit der Impfträgerstoffe beschreiben, da sähe die Welt wieder ganz anders aus. Das mag ich nur zu bedenken geben und mein Kind ist geimpft, aber erst mit acht Jahren.
5. Ich habe ...
Thorkh@n 01.03.2015
... als Kind die Masern ohne die geringsten (Spät-)Folgen überlebt. So, wie die allermeisten Menschen. Nun werde ich diese Krankheit nie wieder bekommen. Wozu also impfen?
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