Entwicklungsstörungen bei Kindern Wenn die Diagnose zur Odyssee wird

Rund drei Prozent aller Kinder haben eine Entwicklungsstörung, aber nur bei der Hälfte von ihnen kennen Ärzte die Ursache. US-Forscher zeigen jetzt, wie gut Analysen des gesamten Genoms helfen können - und wo die Grenzen liegen.

Auf der Suche nach der Diagnose: Was hat das Kind?
Corbis

Auf der Suche nach der Diagnose: Was hat das Kind?

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Das Kind CMH301 ist ein typischer Fall. Der Junge kam gesund zur Welt, aber mit sechs Monaten entwickelte er epileptische Anfälle. Ein Jahr später zog er sich immer mehr zurück und begann, seine Hände in der Luft zu schrauben. Mit drei Jahren schwankte er beim Gehen, bis zu 30mal am Tag hatte er epileptische Anfälle. Als er zehn Jahre alt war, stürzte er immer häufiger, seine Abwehrreflexe verschwanden und er musste in einem Rollstuhl sitzen. Jahrelang suchten die Ärzte mit zahlreichen neurologischen Untersuchungen, in Labortests und auf Röntgenbildern danach, was der Junge haben könnte. Ohne Erfolg.

So wie Kind CMH301, das mittlerweile an einer Studie zu genetischen Krankheiten am Children's Mercy Hospitals (CMH) im US-amerikanischen Kansas City teilnimmt, haben geschätzt drei Prozent aller Kinder eine Entwicklungsstörung unterschiedlicher Ausprägung. Geistige und körperliche Behinderungen, Störungen aus dem Autismus-Spektrum oder Entwicklungsverzögerungen können dazu zählen, viele haben genetische Ursachen. Das Schlimme für Eltern und Kinder ist neben den körperlichen Beschwerden und der emotionalen Belastung vor allem die Ungewissheit: Was hat mein Kind? Wie geht es weiter? Worauf müssen wir uns einstellen?

Die Suche im Genom

Die Kinderärztin Sarah Soden vom CMH hat sich gemeinsam mit ihrer Arbeitsgruppe gefragt, ob umfassende Genanalysen die richtige Diagnose finden und die jahrelangen Umwege über ergebnislose Tests abkürzen können. Wie sie in der Fachzeitschrift "Science Translational Medicine" berichten, haben sie das sogenannte Exom von 119 Kinder-Eltern-Trios sequenziert (WES, Whole Exome-Sequencing), das sind alle potenziell für Proteine codierenden Gene. Das Exom macht nur etwa ein Prozent des Genoms aus, das die Gesamtheit aller Gene beschreibt und darin sind die meisten krankheitsauslösenden Gene zu finden. Erst wenn die Mediziner beim WES keine zu den Symptomen passenden Auffälligkeiten fanden, sequenzierten sie das gesamte Genom.

Das Ergebnis: Bei 45 Prozent der Kinder konnten die Mediziner die fragliche Stelle auf der DNA finden, die die Veränderungen auslöste. Zum Vergleich: Auch ohne Genomsequenzierung finden Ärzte den Autoren zufolge in etwa der Hälfte der Fälle eine Diagnose. Nur dauert das oft jahrelang, bei 88 Kindern in der Studie hätte man die Wartezeit um durchschnittlich sechs Jahre verkürzen können, so die Autoren.

"Für eine solche Diagnostik müssen die verschiedensten Disziplinen eng zusammenarbeiten", sagt Ortrud Steinlein, Direktorin des Instituts für Humangenetik an der LMU München. "Das ist in Deutschland heute noch nicht möglich." Sie betont allerdings, dass ein klinisch geschulter Humangenetiker anhand der Symptome eines Patienten mitunter eine so genaue Verdachtsdiagnose stellen kann, dass nur ein bestimmtes Gen sequenziert werden muss. "So kann man unter Umständen eine höhere Trefferquote erzielen, als wenn man mit der ungenaueren Methode auf gut Glück das gesamte Genom durchsucht", so Steinlein.

Weniger epileptische Anfälle durch Diät

Bei 15 Eltern-Kind-Trios wurde eine schnelle Genomsequenzierung (STAT-Seq) kurz nach der Geburt durchgeführt, weil die Kinder akut krank waren. Bei ihnen lag die Diagnoserate sogar bei 73 Prozent. Mit STAT-Seq kann man in weniger als 50 Stunden das gesamte Genom sequenzieren.

Bei mehr als der Hälfte der Patienten mit Diagnose veränderte sich durch die erkannte Mutation der Eindruck, den die Ärzte von ihren Patienten hatten und damit das Krankheitsmanagement. In seltenen Fällen konnte sogar die Therapie verändert werden, so wie bei Kind CMH680, das an einer sogenannten epileptischen Enzephalopathie leidet. Eine daraufhin begonnene ketogene Diät mit genau abgestimmter Zufuhr von wenig Kohlenhydraten und viel Fett reduzierte die Zahl der epileptischen Anfälle des Kindes.

"Wir haben gezeigt, dass die Genomsequenzierung die diagnostische Odyssee beenden kann und sich direkt auf die Patienten auswirkt", sagt Studienleiterin Sarah Soden. Sie hält die Genomsequenzierung auch für kosteneffektiv, wenn sie für alle drei Familienmitglieder eine Summe von 7600 Dollar (rund 6170 Euro) nicht überschreitet. Zum Vergleich: Die Kosten für die vorangegangenen Untersuchungen, die die Patienten bereits über sich hatten ergehen lassen, lagen bei durchschnittlich 19.100 Dollar (rund 15.500 Euro).

Auch das Kind CMH301 hat jetzt eine Diagnose: Es leidet unter einer genetischen Krankheit, bei der ein bestimmtes Protein nicht richtig hergestellt wird, das unter anderem für die Kommunikation von Blutzellen wichtig ist. "Für die Familien ist es unheimlich wichtig, eine Diagnose zu haben", sagt auch Ortrud Steinlein. "Das hilft nicht nur bei der eigenen Verarbeitung und dem Umgang mit dem Kind, sondern auch bei Anträgen bei Behörden und Ämtern."

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
HerzogVonLauenburg 08.12.2014
1. Odysee ist der Normalfall
Im Jahr 2001 ist unser Sohn geboren worden, schon bald darauf mussten wir erhebliche Entwicklungsverzögerungen feststellen. Bis zur Diagnose vergingen 3,5 Jahre und es war ein Zufall, das die Diagnose gestellt werden konnte. Eine Freundin hatte eine Bekannte, deren Kind die gleichen Symptome wie unser Sohn zeigte. Daraufhin haben WIR den Ärzten den Verdacht mitgeteilt, der sich dann bewahrheitete: Es ist das Williams-Beuren-Syndrom. Uns - und unserem Sohn - wäre viel erspart geblieben und die optimale Betreuung hätte früher erfolgen können, wenn die Diagnostik nicht so viel Zeit benötigt hätte. Leider ist der erforderliche interdisziplinäre Ansatz in der Diagnostik nicht gegeben.
dexterm987 08.12.2014
2. Herrlich,
schon in Kommentar Nr. 2 hat es ein Hampelmann der Anti-Impfjünger auf diese Seite geschafft. Bitte, impfen Sie Ihre Kinder nicht. Von dem Geld, das sie dann nicht mehr für Spielzeug, Windeln und dergleichen ausgeben müssen, können Sie sicher mit Leichtigkeit ein Luxusmodell in der Kindersargabteilung finanzieren!
Markus Nielbock 08.12.2014
3. Unsere Tochter
Unsere Tochter, 2012 geboren, hat eine atypische Absence-Epilepsie, die leider erst recht spät diagnostiziert wurde. Zuvor wurde sie seit ihrem 6. Lebensmonat wegen ihrer Entwicklungsverzögerung symptomatisch mit Physiotherapie behandelt. Sie kann mit 28 Monaten weder laufen noch stehen, krabbeln oder Wörter sprechen. Ein MRT des Kopfs zeigte eine verzögerte Myelinisierung. Bislang konnte trotz aufwendiger Untersuchungen keine Ursache gefunden werden, auch keine Stoffwechselkrankheit. Wir haben festgestellt, dass der Weg zur Diagnose auch sehr von der Kompetenz der behandelnden Ärzte abhängt. Bisher kam uns die Vorgehensweise des "Spezialisten" recht planlos und kontraproduktiv vor. Nach dem Wechsel zu einer Kollegin ist der Eindruck nun ein völlig anderer, und es geht voran. Zum Glück haben wir zudem einen sehr engagierten Kinderarzt, der uns sehr unterstützt. Das alles ist sehr wichtig. Wahrscheinlich wird demnächst ebenfalls eine Paneluntersuchung eines Teils des Genoms unserer Tochter anstehen, da bislang auch genetische Tests ohne Befund blieben. In der Tat ist die Unsicherheit mit das Schlimmste in solch einer Situation. Danke, dass solch ein Thema aufgegriffen wird.
GoaSkin 08.12.2014
4. man sollte mit dieser Gutachteritis aufhören
Wenn die Erzieher im Kindergarten nicht drauf kommen, dass die Kinder eine Entwicklungsstörung haben, dann tun es Jahre später die Lehrer. Und dann werden die Eltern z.B. aufgefordert, dem Kind Ritalin verschreiben zu lassen, damit es auf der Schule bleiben darf. Viele Entwicklungsstörungen hat es schon immer gegeben. Man hat sie aber weniger wahrgenommen und ist nicht darauf eingegangen. Die Betroffenen wurden einfach so durchgeschliffen, was ihnen letztendlich nicht immer geschadet hat.
Mancomb 08.12.2014
5. Auf die Klinik kommt es an!
Dieser Satz wird uns immer wieder von unseren Professoren eingebläut. Soll heißen: Solange der Patient keine Beschwerden hat, wird auch nicht behandelt. Aber genau bei frühkindlichen Erkankungen ist eine schnelle Diagnose wichtig, da sich die kleinen Patienten noch nicht selbst äußern können und die Folgeschäden gravierend sein können. Hüftdysplasien sind z.B. in den ersten Lebenswochen durch eine Spreizhose hervorragend zu behandeln, später können sie zu einem lebenslangen Problem werden. Genau wie andere nicht oder zu spät erkannte Entwicklungsstörungen. Ich habe das große Glück, derzeit mit einem Kinderorthopäden zu arbeiten, der eben auch auf relativ seltene erbliche Muskelkrankheiten spezialisiert ist. Im Endeffekt sagt er genau das, was Frau Le Ker auch im Artikel schreibt: Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Genetikern, denen man am Besten schon gleich eine wegweisende Verdachtsdiagnose liefern kann. Dummerweise können das aber nicht alle Ärzte - aber alles wissen kann auch der beste Arzt nicht, und so wird leider vieles übersehen. Ich hoffe, dass in Zukunft die Genomsequenzierung entsprechend genau und auch billig wird, so dass man sowohl das eigene Risiko als auch das seiner Kinder abschätzen kann. Was natürlich eine moralische Zwickmühle ist, denn a) will nicht jeder so genau wissen, was er vielleicht einmal kriegen könnte und b) werden vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft die Kassen solche Risikoprofile abfragen dürfen und entsprechende Beiträge verlangen. Persönlich würde ich es natürlich sofort machen lassen, rein aus Interesse, aber die Gefahr, dass mit den Daten Schindluder getrieben wird, existiert natürlich auch - Filmfreunden sei hier der Film "Gattaca" empfohlen.
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