Erste-Hilfe-Angebote Was Menschen in psychischen Krisen hilft

Wenn jemand auf der Straße umfällt, ruft man einen Notarzt. Doch wenn jemand neben uns weint, apathisch oder verzweifelt wirkt, was dann? Ein Projekt will vermitteln, wie man erste - psychische - Hilfe leistet.

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Ethan Call hat sofort ein ungutes Gefühl, als seine Bekannte am Sonntag nicht zum Gottesdienst kommt. Schon länger leidet die junge Frau unter Depressionen und Angstanfällen. Doch bislang ist sie trotzdem immer in die Kirche gekommen.

Ethan fährt noch vor Ende der Zeremonie zu ihr. Er findet sie daheim, sie weint, ist tief verzweifelt. Der junge Mann beginnt ein Gespräch, ruhig und ohne zu werten: Weshalb es ihr schlecht gehe, was sie fühle, ob sie an Suizid denke. Und er lässt sie erzählen, einfach so. Schließlich ermutigt er die junge Frau, sich professionelle Hilfe zu suchen. Heute ist sie in Behandlung und blüht wieder auf.

Ethan hat an dem Sonntag vielleicht ein Leben gerettet - oder es zumindest zum Besseren gewendet. Woher er wusste, was zu tun ist? Ethan hat einen Erste-Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit absolviert, wie er in Australien, den USA, England und 19 weiteren Ländern mittlerweile angeboten wird. Dahinter steht das Projekt "Mental Health First Aid", kurz MHFA. Die Initiative will Menschen über psychische Erkrankungen aufklären. Und ihnen Strategien an die Hand geben, um anderen in Krisen helfen oder ihnen den Weg zu professioneller Unterstützung weisen zu können.

Ähnlich wie in regulären Erste-Hilfe-Kursen lernen Teilnehmer der MHFA-Kurse von geschulten Referenten etwas über mögliche Notfälle: Woran genau lassen sich Depressionen, Angsterkrankungen, Panikattacken oder Psychosen erkennen? Wie verhalten sich Suizidgefährdete? Was macht eine Sucht aus?

Und sie lernen auch seelische Wundversorgung: In Rollenspielen üben sie etwa, wie sie reagieren können, wenn jemand Wahnvorstellungen hat. Wie sie Anzeichen einer seelischen Krise erkennen oder jemandem mit Suizidgedanken Halt geben können. Unterstützend gibt es Handbücher zum Nachlesen, die auch online frei verfügbar sind.

Entwickelt wurde das Projekt von einem australischen Paar, dem Psychologen Tony Jorm und der Krankenpflegerin Betty Kitchener, die selbst mehrfach depressive Episoden durchlebte. Ihre persönlichen Erfahrungen offenbarten Lücken im System: Es gebe eine Vielzahl von Erkrankten, die Hilfsangebote seien regional ungleich verteilt und der Bedarf an Behandlungen nicht gedeckt.

Wir brauchen, schreiben Kitchener und Jorm in einem Forschungsbericht, "eine Lösung, die außerhalb des herkömmlichen Gesundheitssystems liegt." Die sahen sie in Laien, die mehr über psychische Probleme und deren Versorgung wissen. Mit Psychologen, Psychiatern, Verbraucherschützern, Pflegekräften und Sozialarbeitern aus mehreren Ländern sichteten sie wissenschaftliche Literatur und sammelten Expertenmeinungen, um einen Erste-Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit zu entwerfen.

Im Jahr 2000 fand dieser erstmals statt. Inzwischen ist das Projekt weltweit bekannt: Mehr als zwei Millionen Menschen in Nordamerika, Europa, Asien und Australien haben daran teilgenommen. Wohltätige Organisationen und Regierungsbehörden haben die Kurshandbücher in ihre Landessprachen übersetzt.

Vor allem in den USA erhält die Bewegung viel prominente Unterstützung: Michelle Obama hat bereits einen Kurs absolviert, ebenso Football-Star Brandon Marschall. Und die Stiftung "Born This Way" der Sängerin Lady Gaga will MHFA-Kurse finanziell unterstützen.

Vier Dutzend Studien bekräftigen den Erfolg: Die Erste-Hilfe-Kurse erweitern nicht nur den Horizont der Teilnehmer. Diese trauen sich nachher auch eher zu, anderen ihre Hilfe anzubieten und tun dies tatsächlich auch öfter als Erwachsene, die keinen Kurs absolvierten. Das zeigte zum Beispiel eine 2014 veröffentlichte schwedische Übersichtsarbeit mit Daten von mehr als 3000 Teilnehmern aus mehreren Ländern.

In Deutschland sind die Kurse weitgehend unbekannt. "Hierzulande existieren bereits zahlreiche Projekte, die Menschen über psychische Beschwerden aufklären", sagt Ulrich Hegerl, Direktor des Universitätsklinikums Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Unter dem Dach der Stiftung und in Zusammenarbeit mit den regionalen Bündnissen gegen Depression würden etwa Lehrer, Pfarrer, Apotheker und Polizisten darin ausgebildet, zu erkennen, wenn ein Mensch depressiv ist und Suizid begehen will - und darauf entsprechend zu reagieren. Dieses Projekt sowie Aufklärungsmaßnahmen bei Hausärzten und in der Bevölkerung hätten sich über die Grenzen Deutschlands ausgebreitet und bereits in einigen Regionen von 24 Ländern etabliert.

Einen Erste-Hilfe-Kurs mit Fokus auf mehrere psychische Erkrankungen hält Arno Deister, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) aber ebenso für sinnvoll: "Wenn jemand auf der Straße umfällt, rufen wir schnellstmöglich den Notarzt", sagt Deister, der auch der Stiftung Seelische Gesundheit vorsitzt, die Aufklärungskampagnen unterstützt. "Wenn jemand tief verzweifelt ist, weiß keiner, was zu tun ist. Das müssen wir ändern."

Es sei wichtig, die Menschen für psychische Probleme zu sensibilisieren. In schweren Krisen sendeten Betroffene immer Signale aus. Aber es brauche jemanden, der sie erkenne - und darauf reagiere. Ein Erste-Hilfe-Kurs wäre eine Möglichkeit, das Wissen dafür zu verbreiten.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Namen von Tony Jorm korrigiert.

insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
Sibylle1969 03.10.2017
1.
Meine Schwester leidet seit einigen Jahren an Depressionen verbunden mit einer Angststörung. Zwischenzeitlich ging es ihr immer wieder mal besser, doch im Sommer hatte sie wieder eine akute Phase. In dieser Zeit rief sie mich mehrmals an, und ich merkte sofort, dass sie in einem schlechten Zustand war. Ich war total unsicher, wie ich mich in dieser Situation verhalten sollte. Eine solche Schulung würde ich sofort mitmachen, das wäre in dieser Situation sicher hilfreich gewesen.
Nicole1975 03.10.2017
2.
Super Idee. Unsere Gesellschaft ist sowas von blind, wenn es um psychisches Wohlbefinden geht .... von Krankheit will ich da gar nicht reden, jeder kann irgendwann in seinem Leben in eine Ausnahmesituation gelangen, in der er nicht mehr weiterweiss. Wenn jemand auch nur einen Hauch von Ahnung hat, wie man dann reagiert, statt sich von seiner eigenen Unsicherheit getrieben einfach wegzudrehen, ist unter Umstaenden schon sehr viel geholfen.
freigeistiger 03.10.2017
3. Ein vel größeres Problem
Eine richtige fachgerechte Hilfe gibt es durchweg nicht. Die nominalen Fachkräfte und nominalen Facheinrichtungen machen mit durchweg angelerntem Wissen eine Bearbeitung der offensichtlichen Symptome. Auf der Grundlage vom "gesunden Menschenverstand" mit Forderungen stellen und Erwartungshaltung haben gegenüber dem/der Hilfesuchenden. Der Patient hat die Erwartungshaltung von Therapeuten und sozial? Arbeitern zu erfüllen, anstatt dass an den Bedürfnissen des Patienten gearbeitet wird. Wobei gerade bei sozial? Arbeitern ein Klientel mit verbreitet eigenen Problemen und sozialen Defiziten ist. Zusammengefasst, es fehlt durchweg der Bildungshintergrund und fundiertes verinnerlichtes Wissen, um Zusammenhänge und Hintergründe zu verstehen und zu erkennen, und dass dann entsprechend zu bearbeiten. Mit wirklichen Erfolgsaussichten. Dass lernt man nicht in der Ausbildung. Das jetzige Erfolgsziel ist, wenn es ordentlich aussieht, dann ist die Welt in Ordnung. Nur der oberflächliche Anschein wird gesehen.
Newspeak 03.10.2017
4. ...
Ich habe einmal eine manische Phase bei einem bipolaren Mitmenschen erlebt, und den Umschwung in die Depression. Das hat mich in keinster Weise darauf vorbereitet, als ein Arbeitskollege dasselbe erlebte. Ein Kurs kann sicher viele Anregungen geben, unterstuetzend kann man sicher taetig werden, aber wieso glaubt man, man koenne das mit einem vollwertigen Psychologie/Psychiatriestudium vergleichen? Abgesehen davon, dass viele ernste psychische Erkrankungen auch medikamentoes behandelt werden muessen. Wenn sich jemand bei einem Unfall den Arm abtrennt, kommt auch keiner auf die Idee, durch einen Kurs ausgebildeten Laien die Behandlung zu ueberlassen, aber bei psychischen Erkrankungen schon? Das zeigt nur, dass offenbar selbst Experten ihr eigenes Fach zu gering schaetzen. Ebenso wie es bei anderen Erkrankungen eine Notfallambulanz gibt und dann zeitnah therapiert wird, muss sich das auch bei psychischen Erkrankungen durchsetzen, die sind, wenn man an Suizide denkt, vielleicht in manchen Faellen ebenso akut lebensbedrohend wie ein Herzanfall oder Krebs.
ansv 03.10.2017
5. Wer will das denn wirklich?
Wie oft sieht man, dass Menschen sich von Freunden abwenden, wenn dort jemand schwer krank wird oder wenn jemand trauert. Dabei muss man so oft einfach nur da sein und zuhören, um einem anderen zu helfen.
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