Verletzte richtig versorgen Erste Hilfe ist Pflicht

Wer an eine Unfallstelle kommt, muss helfen. In welcher Reihenfolge sollte man sich um Verletzte kümmern? Und kann man für Fehler bestraft werden? Antworten auf die wichtigsten Fragen von Ersthelfern.

Unfallort: Wer atmet und bewusstlos ist, sollte in die stabile Seitenlage gebracht werden
TMN

Unfallort: Wer atmet und bewusstlos ist, sollte in die stabile Seitenlage gebracht werden


Es ist die Horrorvorstellung vieler Autofahrer, plötzlich um das Leben eines anderen Menschen kämpfen zu müssen. Viele fürchten, dabei Fehler zu machen. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen verunsicherter Verkehrsteilnehmer:

Kann ich als Ersthelfer für Fehler bestraft werden?

Der einzige Fehler, für den Unfallzeugen bestraft werden können, ist tatenlos zuzusehen und nicht wenigstens Rettungskräfte zu alarmieren: Für unterlassene Hilfeleistung sieht das Strafgesetzbuch eine Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Haft vor, sagt Verkehrsjuristin Yasmin Domé vom Auto Club Europa (ACE).

Sofern ein Ersthelfer nach bestem Wissen und Gewissen handelt, grobe Fahrlässigkeit oder Vorsatz also auszuschließen sind, hat er nichts zu befürchten - auch nicht wegen Sachbeschädigung, wenn er zum Beispiel ein Kleidungsstück eines Verletzten zerreißt. Entstehen dem Helfer Schäden wie Blut auf der Kleidung, müssen dafür laut Domé Unfallverursacher, Opfer oder als letzte Instanz die gesetzliche Unfallversicherung aufkommen.

In welcher Reihenfolge sollte ich helfen?

Vier von fünf Menschen in Deutschland können diese Frage laut dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) nicht richtig beantworten. Korrekt ist:

  • Unfallstelle absichern,
  • Überblick verschaffen,
  • Notruf absetzen,
  • Erste Hilfe leisten.

"An erster Stelle steht immer die Eigen- und Fremdsicherung", sagt Ralf Sick, Bereichsleiter Erste Hilfe in der Bundesgeschäftsstelle der Johanniter-Unfall-Hilfe. Immer wieder kommt es vor, dass Ersthelfer im Straßenverkehr wegen fehlender oder unzureichender Absicherung verletzt oder sogar getötet werden.

Wie kann man den Zustand von Verletzten einschätzen?

"Schon auf den ersten Blick kann man anhand von Aussehen, Position und Verhalten des Betroffenen viel über dessen Zustand erkennen", sagt Sick. Liegt ein Verletzter regungslos da, sollten Helfer zunächst versuchen, ihn durch lautes Ansprechen und leichtes Rütteln an der Schulter aufzuwecken. Gelingt das nicht, muss die Atmung kontrolliert werden. "Dazu beugen Sie sich zur Person nieder und prüfen, ob Sie an Ihrer Wange die Atemluft spüren, ob Sie Atemgeräusche hören und ob sich der Brustkorb hebt und senkt", erklärt Sick. Wenn der Bewusstlose atmet, wird er in die stabile Seitenlage gebracht - atmet er nicht, sind Wiederbelebungsmaßnahmen erforderlich.

Wie ging das noch mit der Wiederbelebung?

Als Faustregel gilt: 30-mal auf den Brustkorb drücken, 2-mal beatmen und wieder von vorn. "Der Betroffene liegt dabei mit entblößtem Oberkörper auf dem Rücken und Sie knien daneben. Platzieren Sie den Ballen einer Ihrer Hände in der Mitte des Brustkorbs, stabilisieren Sie diese Hand mit der anderen", so Sick. Dann senkrecht von oben mit durchgestreckten Armen vier bis fünf Zentimeter tief und ungefähr zweimal pro Sekunde drücken. Bewusstlose in einem Unfallauto müssen für die Wiederbelebung aus dem Fahrzeug geholt werden.

Wer sich vor der Mund-zu-Mund-Beatmung ekelt, kann sie weglassen. Wirklich wichtig ist die Druckmassage.

Welche Verletzungen sollte man als erstes versorgen?

"Die Versorgung stark blutender Wunden ist wichtiger als die eines Knochenbruchs", sagt DRK-Bundesarzt Peter Sefrin. Auch bei der Wundversorgung sollten Helfer zuerst an den Eigenschutz denken und die Handschuhe aus dem Verbandkasten anziehen. Da Verunglückte durch einen Schock plötzlich ohnmächtig werden können, sollten sie bei der Behandlung sitzen oder liegen. Vor Unterkühlung, die selbst bei Sommerhitze droht, schützt die Rettungsdecke aus dem Verbandkasten. Die Decke hat laut Sick obendrein eine wertvolle psychologische Wirkung: Sie gibt Geborgenheit und bietet Schutz vor den Blicken Schaulustiger.

Den Helm richtig ablegen: Einer hält, einer zieht
TMN

Den Helm richtig ablegen: Einer hält, einer zieht

Darf man verunglückten Motorradfahrern den Helm abnehmen?

"Man muss", sagt Sefrin. Nur so können bewusstlose Biker richtig versorgt werden. "Auch ein Aufkleber am Helm, dass der Motorradfahrer die Helmabnahme nicht wünscht, darf einen nicht davon abhalten", sagt Sick. Kopf und Hals des Unfallfahrers sollten möglichst wenig bewegt werden - am besten gelingt das zu zweit, und zwar so: Visier und Kinnriemen öffnen, danach den Kopfschutz längs vom Körper weg vorsichtig abziehen, bis sich der Hinterkopf fassen und abstützen lässt. Dann kann der Helm ganz heruntergezogen werden.

Was tun, wenn ich allein mehrere Verletzte vorfinde?

So schnell wie möglich den Notruf absetzen. "Schauen Sie danach, wer aus Ihrer Sicht am dringendsten Ihre Hilfe benötigt", rät Sick. "Versuchen Sie auch, Leichtverletzte zu motivieren, anderen zu helfen." Wer bei einem Unfall glimpflich davongekommen ist, steht oft trotzdem unter Schock. Da können konkrete Hinweise, was zu tun ist, hilfreich sein.

Wie oft sollte man seine Erste-Hilfe-Kenntnisse auffrischen?

Die Johanniter empfehlen alle zwei Jahre einen Wiederholungskurs, DRK-Arzt Sefrin rät zu Abständen von drei bis fünf Jahren. Dabei lässt sich das Erste-Hilfe-Wissen auffrischen, erweitern und vor allem anwenden - laut Ralf Sick ein wesentlicher Punkt: "Wer sich praxissicher fühlt, geht beherzter und selbstsicherer an einen Notfall heran." Die Bereitschaft zu helfen ist dann höher.

Von Christoph Walter, dpa

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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
Frank Zi. 29.01.2015
1.
"Sofern ein Ersthelfer nach bestem Wissen und Gewissen handelt, grobe Fahrlässigkeit oder Vorsatz also auszuschließen sind, hat er nichts zu befürchten - auch nicht wegen Sachbeschädigung, wenn er zum Beispiel ein Kleidungsstück eines Verletzten zerreißt." Das kann ich so nicht bestätigen. Ich bin mal an einem Unfall vorbeigekommen, der Fahrer war eingeklemmt und bewusstlos, die Tür ließ sich am Griff nicht öffnen. Habe die Seitenscheibe der Fahrertür eingeschlagen um die Seitentür auf zu reissen und den Mann zu befreien. 6 Wochen später bekomme ich Post von seinem Anwalt, ich solle die zerstörte Seitenscheibe ersetzen. Ich bin aus allen Wolken gefallen, habe die Zahlung verweigert, die Sache landete vor Gericht. Ende vom Lied war, ich durfte knapp 1400€ Anwalts-, Gerichtskosten sowie die Seitenscheibe bezahlen, da das Zerstören der Seitenscheibe angeblich nicht nötig gewesen wäre. "Sachbeschädigung" werde ich in solch einem Fall nicht nochmal begehen, erst nach schriftlicher Erlaubnis des Unfallopfers. Wenn das Unfallopfer nicht ansprechbar ist, hat es Pech gehabt und ich warte "nur" auf den Rettungswagen/Polizei. Habe meine Lektion in Sachen "Erste Hilfe" im "Rechtsstaat" Deutschland gelernt.
ennovy000 29.01.2015
2. @frank
Das ist ziemlich heftig und absolut unverständlich! Kaum zu glauben und völlig verrückt! Ach ja, und sehr sehr traurig!
Butenkieler 29.01.2015
3. Ekel vor Mund-zu-Mund-Beatmung.
Mann/Frau kann auch ein sauberes Taschentuch über den Mund oder über die Nase legen, und dann beatmen. Immer noch besser als gar nichts zu tun.
monolithos 29.01.2015
4. Falsche Reihenfolge
Die Reihenfolge ist - soweit ich mich erinnern kann - falsch: Nach Unfallstelle absichern, Überblick verschaffen und Eigenschutz herstellen ERSTMAL Lebensrettende Sofortmaßnahmen, DANN Notruf, dann weitere Erste Hilfe. Und mit der bitte nicht aufhören, wenn das Martinshorn zu hören ist, sondern wenn man von den Rettungskräften dazu aufgefordert wird!
FabianSvii 29.01.2015
5. Mund-zu-Mund-Beatmung - ja oder nein?
Zitat von ButenkielerMann/Frau kann auch ein sauberes Taschentuch über den Mund oder über die Nase legen, und dann beatmen. Immer noch besser als gar nichts zu tun.
Ihrem letzten Satz stimme ich voll zu, aber auch ein Taschentuch durchweicht nach ein paar Minuten und macht die Sache für Angeekelte (verständlicherweise) nicht ansprechender. Besser sind Beatmungstücher, die im verpackten Zustand die Größe einer Streichholzschachtel haben. Die gibt's für ca. 8 Euro. Für den absoluten Laien empfiehlt sich allerdings, die Beatmung bei Unsicherheit wegzulassen: Durch die Unterbrechung der Herz-"Massage" gerät der komplette Kreislauf wieder ins Stocken, d.h. dass während der ersten Drücke auf den Brustkorb eine tatsächliche Blutversorgung der Organe kaum vorhanden ist. Besser ist dann eine durchgehende Herz-Lungen-Massage ohne Beatmung.
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