Erste Hilfe Wie zwei Schüler zu Lebensrettern wurden

Helena ist 17, als sie einen Mitschüler reanimiert. David ist elf, als er seinen Freund in die stabile Seitenlage bringt. Sie wünschen sich, dass mehr Menschen im Notfall Erste Hilfe leisten.

Der 11-jährige David Püls mit einem Rettungssanitäter der Johanniter-Unfall-Hilfe
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Der 11-jährige David Püls mit einem Rettungssanitäter der Johanniter-Unfall-Hilfe


Jährlich erleiden mehr als 50.000 Menschen in Deutschland einen Herzstillstand, während sie nicht im Krankenhaus sind. Dann ist Erste Hilfe von Laien gefragt - und kann Leben retten. In den vergangenen Jahren ist die Zahl derer gestiegen, die in so einem Notfall eine Reanimation begingen: Vor ein paar Jahren passierte dies nur in 16 Prozent der Fälle, inzwischen etwa bei jedem Dritten.

Wie wichtig diese Hilfe ist, betonen Experten der Allianz "Ein Leben retten": "Pro Minute, die bis zum Beginn der Reanimation verstreicht, verringert sich die Überlebenswahrscheinlichkeit des Betroffenen um etwa zehn Prozent." Nach fünf Minuten sei der Patient in der Regel tot - bis der Rettungswagen da ist, dauert es meist länger. "Eine schnelle Erste Hilfe in Form einer Herzdruckmassage durch Laien ist somit überlebensnotwendig."

"Da dachte ich: Los geht's"

Helena Bamberg hat damit 2014 einem Mitschüler in Frankfurt das Leben gerettet. Bei ihnen sei "wer umgekippt", sagten die Mädchen aus der Nachbarklasse, als sie die Schulsanitäterin zum Einsatz riefen. Mal wieder jemand, der zu wenig gegessen hat, dachte sich die heute 21-Jährige damals, "aber als ich rüber kam, lag da der Flo." Sie sprach ihn an - keine Reaktion. Sie überprüfte die Atmung - nicht vorhanden. "Da dachte ich: Los geht's."

Wie eine Reanimation geht, wusste sie theoretisch. In der Frankfurter Ziehenschule machen alle Neuntklässler einen neunstündigen Erste-Hilfe-Kurs. Wer sich danach für den Schulsanitätsdienst bewirbt, setzt eine monatliche Fortbildung oben drauf. Helena hatte zusätzlich eine Ausbildung zur Sanitätsdiensthelferin beim Arbeiter-Samariter-Bund absolviert - sie war also vorbereitet.

Dennoch war ihre erste Reaktion: "Oh Gott! Man denkt ja nie, dass man mal wirklich in so eine Situation kommt. Aber dann muss man plötzlich liefern." Etwa fünf Minuten lang hielt sie durch rhythmisches Drücken Florians Herz am Schlagen. Dann kam der Lehrer, der den Schulsanitätsdienst leitet, und löste sie ab. Nach etwa zehn Minuten waren die Rettungssanitäter da, setzten den Defibrillator an und brachten den Patienten ins Krankenhaus.

Was mit Florians Herz 2014 los war, wurde nie geklärt. Aber er habe überlebt - ohne bleibende Schäden, erzählt Helena. Florian und seine Retterin sind bis heute befreundet. Helena studiert inzwischen Medizin in Dresden. Gerade macht sie ein Praktikum in der Notaufnahme.

Sie wünscht sich, dass mehr Menschen ein Interesse an Erster Hilfe haben und dass die Hemmschwelle sinkt.

David Püls war kein Oberstufenschüler, als er zum Ersthelfer wurde, und er hatte auch keinen Kurs gemacht. Er war Elf und gerade in die fünfte Klasse einer Wiesbadener Gesamtschule gekommen. Dennoch waren die Profis von der Johanniter-Unfall-Hilfe beeindruckt von dem außergewöhnlich beherzten und engagierten Einsatz des Jungen, wie Regionalvorstand Ulf Weyer berichtet.

"Ich habe ihn dann in die stabile Seitenlage gebracht"

Im Winter 2017 saßen David und sein Freund in der Mensa ihrer Schule, als am Tisch ein Streit um einen Sitzplatz entbrannte. Ein dritter Junge habe seinen Freund von hinten in den Schwitzkasten genommen und gewürgt, erinnert sich David. "Er fiel in Ohnmacht." David rief einen Lehrer, der half, den Freund ins Krankenzimmer zu bringen. "Ich habe ihn dann in die stabile Seitenlage gebracht und ihn unterstützt, mit ihm geredet und so, bis seine Mutter und die Sanitäter kamen."

Rettungsassistent Thomas Draser war beeindruckt. "Das war schon bemerkenswert, wie er sich gekümmert hat. Die psychische Erste Hilfe ist ja ein wichtiger Baustein." Auch die stabile Seitenlage habe er super hinbekommen.


Prüfen, rufen, drücken: So funktioniert die Erste Hilfe

Für eine Wiederbelebung gibt es drei einfache Regeln: prüfen, rufen und drücken.

  • Bricht eine Person bewusstlos zusammen, prüft man erstens durch Schütteln an den Schultern, ob sie noch reagiert, und beobachtet, wie sie atmet.
  • Als Zweites ruft man den Rettungsdienst über die Telefonnummer 112.
  • Bis zum Eintreffen des Notarztes muss drittens sofort mit der Wiederbelebung begonnen werden. Dazu wird auf den Brustkorb des Patienten idealerweise mit einer Geschwindigkeit von 100 Mal pro Minute etwa fünf Zentimeter tief gedrückt. Damit sollte man nicht aufhören, bis Hilfe eintrifft.

Davids Mutter muss als Leiterin einer Kita regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse machen. Als David in einer Sendung etwas über die stabile Seitenlage hörte, bat er sie, ihm zu zeigen, wie das geht. "Ich hatte nicht erwartet, dass er sich das so einprägt", sagt sie.

Dass ihr Sohn hilft, wenn andere in Not sind, findet sie selbstverständlich. Dass David in der Schule ständig angesprochen wurde, dass die Johanniter ihm ein Geschenkpaket schickten und ihn zu einem kostenlosen Erste-Hilfe-Kurs einluden, hat sie mehr überrascht als sein Einsatz. "Das ist doch das Normalste der Welt."

wbr/Sandra Trauner, dpa



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