Risiken von Tätowierungen: Großes Fragezeichen

Von Hristio Boytchev

Erstmals findet in Berlin die internationale Konferenz für Tattoo-Sicherheit statt. Trotz der weiten Verbreitung von Tätowierungen ist über deren Risiken für die Gesundheit erstaunlich wenig bekannt. Experten fordern verschärfte Regelungen.

Tattoo-Farben: "Das Zeug bleibt im Körper" Fotos
REUTERS

Manche glauben, Tattoos sind das Einzige, das man mit ins Jenseits nehmen kann", sagt Lars Krutak. Doch auf der Konferenz zur Sicherheit von Tätowierfarben in Berlin, wo der Anthropologe spricht, geht es vor allem um die Frage: Könnten es Tattoos selbst sein, die einen in den Tod befördern?

In Deutschland ist jeder Zehnte tätowiert, mit starkem Trend nach oben, unter Jugendlichen ist es jeder Vierte. Über Risiken und Nebenwirkungen von Tätowierungen ist bisher aber kaum etwas bekannt. "Im Prinzip ist das ein medizinischer invasiver Eingriff", sagt Andreas Luch vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das die Konferenz mitorganisiert. Es ist die erste internationale Konferenz zum Thema Tattoo-Sicherheit.

Ein häufiges Problem bei Tattoos seien Allergien, sagt Jorgen Serup vom Bispebjerg Hospital in Kopenhagen. Diese können durch Sonnenlicht ausgelöst werden - auch lange nach dem Tätowieren. Serup erzählt von einer Frau, die jahrelang problemlos ein großes Tattoo auf dem Bein hatte. Dann kam ein kleineres Tattoo auf die Schulter und löste dort eine Reaktion aus, die dann auch auf das Bein überging.

Auch unbemalte Haut könne manchmal befallen werden. "Wenn man erst mal allergisch geworden ist, kann man das äußerst schwer behandeln, weil so viel Farbe im Körper ist", sagt Serup. Er zeigt Bilder von Haut, die wegen der Allergie herausgeschnitten werden musste. Im schlimmsten Fall drohen sogar Amputationen.

"Einmal tätowiert, immer tätowiert"

Wolfgang Bäumler forscht an der Frage, was mit den Farben beim Entfernen von Tätowierungen passiert. Jeder Zwanzigste lässt sein Tattoo entfernen. Eine äußert schwierige Prozedur, die mehrmals wiederholt werden muss, ohne Garantie auf Erfolg. "Einmal tätowiert, immer tätowiert", sagt der Professor für Experimentalmedizin an der Universität Regensburg.

"Auch wenn ich mir das wegmache, die Farbstoffe bleiben im Körper." Bäumler hat mehr Fragen als Antworten und fordert deshalb mehr Forschung. "Wir können Tattoos nicht verbieten, doch wir müssen sie sicherer machen", sagt er. "Dafür brauchen wir auch Tierversuche." Doch mit seiner Forderung stößt Bäumler auf Gegenwehr. Ein Experiment, bei dem Schweine tätowiert werden sollen, sei vom Tierschutz mit der Begründung abgelehnt worden, es handle sich um Tierversuche in der Kosmetik.

Das große Fragezeichen auf dem Kongress ist die Verbindung zwischen Hautkrebs und Tattoos: Bisher konnte kein klarer Zusammenhang nachgewiesen werden. "Tätowierungen sind erst kürzlich richtig populär geworden", sagt Bäumler, "und Krebs braucht ein paar Jahre, um sich zu zeigen."

Der Verdacht, Tattoos könnten Krebs auslösen, bleibt aber umstritten: "Der Krebsverdacht ist nicht neu", sagt Nicolas Kluger, "und ich warte immer noch auf die prophezeite Explosion der Fälle." Der Dermatologe von der University of Helsinki ist einer der wenigen Vortragenden, der selbst tätowiert ist.

Alarm oft nur aufgrund von Tierversuchen

"Die größte Gefahr, die von Tattoos angeht, sind nicht Infektionen und Komplikationen", sagt er, "sondern hässliche Tattoos an sich." Kluger kritisiert, dass einige alarmistische Aussagen allein aufgrund von Tierexperimenten gemacht werden.

Der Dermatologe zeigt aber auch Einzelfälle, wonach sich gutartige Hauttumore auf den Tattoos entwickeln. Große Tattoos könnten zudem die gefährlichen Melanome verdecken, sie können dann nicht von harmlosen Muttermalen unterschieden werden. "Ich würde bis 25 warten, bis ich meinen Rücken mit einem riesigen Drachen bedecke, bis dahin sind die meisten Muttermale schon da", sagt Kluger.

Das Problem bleibt: Insgesamt präsentierten die Forscher auf dem Kongress nur kleinere Studien oder klinische Einzelfälle. Großangelegte epidemiologische und toxikologische Versuche fehlen. Unklar ist, wer sie finanzieren könnte, eine Industrie wie in der Medizin fehlt. "Für die Farbenhersteller ist dieser Markt zu klein, sie sagen, sie machen die Farben für Autolacke", sagt Luch.

Die Experten fordern auch eine Verschärfung der Gesetzgebung. Vor allem von der Qualität der Tätowierfarben sind sie besorgt. Zwar gibt es auf nationaler und EU-Ebene Normen dafür. Trotzdem sind viele nicht steril oder enthalten bedenkliche Stoffe. "Ein Lippenstift ist strenger reglementiert als Tätowierfarben", sagt Gerd Mildau vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe. In Deutschland ist zudem die Ausübung des Berufs nicht geregelt, jeder kann sich Tätowierer nennen.

"Wir müssen die Tätowierer unterstützen, die einen guten Job machen wollen", sagt Bäumler. Dirk-Boris Rödel begrüßt, dass zum Kongress auch Vertreter der Szene eingeladen wurden. Der Chefredakteur der Zeitschrift "Tätowier Magazin" findet aber, dass sie noch stärker eingebunden werden sollte. "Ich habe manchmal den Eindruck, dass einige der Forscher Tattoos nur sehen, wenn ein Patient zu ihnen kommt", sagt er. Dabei sei die Szene für Kommunikation offen und habe in den letzten Jahrzehnten selbst die Initiative bei der Verbesserung der Hygiene ergriffen. "Wir wollen doch alle, dass es sicher ist."

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1. wie sieht das eigentlich
sangerman 07.06.2013
mit den Schutzgeldzahlungen von den Tatoostudios an Rockerbanden aus?!
2. Was soll man da sagen,
blödföhn 07.06.2013
es ist schwer jemanden vor sich selbst zu schützen und jugendlicher Leichtsinn hat nochmal seine eigenen Gesetze. Der Trend geht ja ganz klar hin zu großflächigen farbigen Tätowierungen ich finde da könnte man schon drauf eingehen, denn die Dosis macht das Gift. Ich persönlich kann mir einfach nicht vorstellen mein leben lang auf das selbe Motiv zu glotzen und kick's gibt es auch woanders.
3. Leberschäden
westenmax 07.06.2013
Irgendwo habe ich gelesen, dass japanische Kriminelle überdurchschnittlich oft an Leberversagen sterben, bzw. eine Organtransplantation benötigen. Und dass das mit deren Ganzkörpertätowierung zusammenhängt. Gibt es da keine weiteren Infos? Vielleicht gibt es diesen Erkrankung auch nur durch die Kombination mit hohem Alkoholmissbrauch, der in diesem Kreis ebenfalls verbreitet ist. Das würde dann für Ganzkörpertätowierte bedeuten, dass sie Zeit ihres Lebens einen gesunden Lebensstil ohne Alkoholexzess führen müssen.
4. Wir brauchen da dringend mehr Regulierung...
Henderson 07.06.2013
Scheine, Zertifikate, Schulungen, Prüfungen. Ja - hier ist ein Markt entstanden, der Begehrlichkeiten weckt.
5. Fürs Leben gezeichnet
telltaleheart 07.06.2013
Zitat von sysopErstmals findet in Berlin die internationale Konferenz für Tattoo-Sicherheit statt. Trotz der weiten Verbreitung von Tätowierungen ist über deren Risiken für die Gesundheit erstaunlich wenig bekannt. Experten fordern verschärfte Regelungen. Erster internationaler Kongress zur Sicherheit von Tattoos - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/erster-internationaler-kongress-zur-sicherheit-von-tattoos-a-904379.html)
Für mich die interessanteste Frage bei diesem Phänomen ist wie es zu solchen Massenhysterien wie dem Tattoo-Hype kommen kann. Die gesundheitlichen Gefahren sind ja schon seit Jahren bekannt, ebenso wie die Tatsache, dass die Haut nunmal ständig weiter wächst, im Laufe des Alterns erschlafft und Tattoos somit nachgestochen und überstochen werden müssen um einigermaßen ästhetisch wirken zu können. Was wiederum die gesundheitliche Belastung noch mal enorm erhöht. Und der ästhetische Reiz von Tattoos hat sich mir persönlich noch nie erschlossen. Sicher können Tattoos theoretisch auch Kunst sein. Die bei weitem meisten sind aber erbärmlicher Kitsch. Und damit oder wahlweise den Narben einer Tattoo-Entfernung bis ans Lebensende herum laufen... - wems gefällt.
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    Hristio Boytchev ist freier Wissenschaftsjournalist in Berlin.

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